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Roboterkunst: Krabbelnde Kommoden, sprintende Stühle

Am Rande der Roboter-WM RoboCup lässt die Hamburger Künstlergruppe f18 institut eine komplette Wohnung aus den Fugen geraten.

Eine Zimmerpflanze ruckelt rhythmisch durch den Raum. Ein wie von Geisterhand bewegter Löffel rührt im Kaffeebecher. Die Bettdecke des kitschig schönen Ehebetts schlägt von selbst auf. Die Hamburger Künstlergruppe f18 institut lässt eine komplette Wohnung aus den Fugen geraten. Die Räume der Gesellschaft für Aktuelle Kunst Bremen sind bis zum 18. Juni Austragungsort der Robotikinstallation "Living Rooms. Happy End des 21. Jahrhunderts".

Anlass für die Ausstellung ist die Roboterweltmeisterschaft RoboCup 2006. Seit langem fasziniert das Thema Maschine und Mensch nicht nur Wissenschaft und Industrie. Der Schweizer Experimentalkünstler Jean Tinguely (1925-1991) hatte in den 60er Jahren lärmende Technikskulpturen geschaffen. Die Maschinenperformance-Gruppe BBM schickte zusammen mit dem Fraunhofer Institut autonome Roboter in Gestalt gigantischer Eier durch eine Großhalle der Expo 2000 in Hannover.

Radikaler reizt der australische Medienkünstler Stelarc moderne Technik aus und provoziert damit Faszination und Ablehnung. In seinen Performances tritt der Techno-Schamane mit einem Industrieroboter auf oder verwandelt seinen eigenen Körper in eine internetgesteuerte Marionette. Der britische Aktionskünstler Jim Whiting bringt Mobiliar und Skulpturen in Bewegung.

Die Wohnung lebt ohne Leben

Die Softwarefreaks und Künstler von f18 institut haben in den Galerieräumen auf der Teerhofinsel mitten in der Weser ihre Wohnmaschine programmiert. Nicht coole Designeratmosphäre mit Edelstahl und neonbeleuchteten Glasbausteinen haben sie geschaffen, sondern eine billig eingerichtete Sozialwohnung. Dabei haben sie dem Mobiliar Beine gemacht. Die Werkzeuge ihrer vollautomatischen Installation: vier PCs, eine für Musiker entwickelte Kompositionssoftware, fünf Steuerungsrechner, etliche Tonabnehmer, Verstärker, Ventile, Pneumatik, Motoren und Magnete.

Gefangen in der Routine

f18 institut will die Besucher berühren. "Technik macht abhängig, aber wir verteufeln sie nicht", erläuterte Stefan Doepner in der Laborphase. Und Kollege Jan Cummerow ergänzte: "Wir sprechen die soziale Komponenten an, den einsamen Menschen, der in seiner Routine zu ersticken droht." Mit Blick auf absurd zuknallende Schranktüren und das eigenwillige Konzert ihrer Roboter-Stühle stellen sich beide eine technikferne Welt vor: "In Deutschland sollte fünf Mal im Jahr der Strom ausfallen, dann wäre die Geburtenrate wieder in Ordnung."

Kulturelle Unterschiede

Während in Japan eine große Offenheit gegenüber Robotik herrsche, gehe man in Deutschland ängstlich auf Distanz, betonte Galerie-Direktorin Gabriele Mackert bei der Eröffnung von "Living Rooms". Zwar sehne sich jeder nach einem selbst scheuernden Spülschwamm. Die Industrie locke mit dem intelligenten Haus samt digitalem Büro und elektronischer Küche, die sogar die Fehler seiner Besitzer ausbügele. "Gleichzeitig müssen wir uns die Frage stellen, ob wir eine vollautomatisierte Wohnung wirklich wollen", sagte Mackert. Die Hamburger Künstler jedenfalls zeigen ihrer Ansicht nach, dass das 21. Jahrhundert in einem "ästhetischen Supergau" ende.

Sabine Komm/DPA / DPA