stern-Reporter Thilo Mischke Der Mann ohne Geheimnisse


stern-Reporter Thilo Mischke verzichtet eine Woche auf Privatsphäre und zieht in einen Glaskasten auf dem Burgplatz in Essen. Was ist das für ein Mensch? Ein Hausbesuch.

Es gibt Menschen, für die braucht man zum heimlichen Überwachen ein ganzes Arsenal an NSA-Highttech-Schnickschnack. Trojaner auf dem Handy und Supersoftware, die riesige Datenberge durchwühlen. Bei Thilo Mischke hilft schon ein Blick auf seine Instragram-Seite. Daheim in seiner Wohnung hat er sich die Sechziger-Jahre-TV-Serie "Twighlight Zone" angesehen. Am Donnerstag ist er mit dem ICE nach Hamburg gefahren. Am Montag war er in einem recht beliebten Biergarten in München. Alles ist für alle sichtbar. "Was ich da mitteile, soll einfach öffentlich sein", sagt der Reporter. "Das ist auch meine exhibitionistische Ader, die auch ein wenig gefährlich ist, weil ich mit meinen Daten sehr unvorsichtig umgehe."

Oder anders ausgedrückt: Thilo passt auf seine persönlichen Daten im Netz ungefähr so viel auf wie die meisten Deutschen. Das macht ihn zum perfekten Kandidaten: Ab 20. Juli zieht Thilo im Rahmen des "We Are Watching You"-Experiments von "Galileo" und dem stern sieben Tage lang in einen riesigen Glaskasten auf dem Burgplatz in Essen und lässt sein Leben und seine gesamte Kommunikation live übertragen.

Von Berlin in den Glaskasten

Wenige Tage vor dem Umzug in die Glasbox haben wir Thilo in seiner Wohnung in Berlin getroffen. Er lebt in einem stylischen Ost-Mietshaus, in den 50er Jahren war es ein echter Prachtbau. Von seiner Terrasse sieht man den Fernsehturm. Es ist der Traum aller Hipster. Aber Thilo Mischke, 33, ist hier aufgewachsen, als die Gegend noch uncool war. Seine Eltern haben ein paar Meter weiter einen Buchladen. Und das bis zum letzten Millimeter vollgequetschte Buchregal, das seine ganze Schlafzimmerwand füllt, zeigt: Thilo hat die Leidenschaft fürs Lesen geerbt.

Auf einem Tischchen daneben liegt ein Buch mit einem lässig dreinblickenden Thilo Mischke auf dem Cover. Das ist sein Erstlings-Werk. "In 80 Frauen um die Welt" bietet genau das, was es verspricht. Thilo beschreibt ein Selbstexperiment, wie er versucht hat, um die Welt zu reisen und dabei 80 Frauen zu verführen.

"Wir haben nicht verstanden, was da passiert"

Man könnte jetzt meinen: Jemand, der solche Bücher schreibt, könnte sich doch von ein paar Tagen in einer Glasbox nicht schocken lassen. Aber man merkt Thilo an: Er hat Respekt vor dem großen Experiment. Beim Schreiben, erzählt Thilo, habe er immer selbst in der Hand gehabt, welches private Detail öffentlich werde, und welches nicht. Beim "We Are Watching You"-Experiment wird alles öffentlich.

Er will herausfinden: Ändert sich in der Glasbox seine Haltung zur alltäglichen Überwachung unseres Alltags? Denn die von Whistleblower Edward Snowden an die Öffentlichkeit gebrachten Dokumente machen deutlich: Geheimdienste wie die NSA sind praktisch in der Lage, unser ganzes Leben zu überwachen. "Bis heute habe weder ich noch die Gesellschaft verstanden, was da eigentlich passiert", meint Thilo. "Weil keiner in der Lage ist, uns zu erklären, was diese Überwachung bedeutet."

Was auch immer Spannendes im Live-Experiment passieren wird: Was Überwachung bedeutet, wird Thilo in der Woche so hautnah erleben wie kaum ein anderer. Und Sie können dabei sein: Im Livestream können Sie Thilo rund um die Uhr beobachten, außerdem wird er jeden Tag im stern-Blog über seine Erfahrungen schreiben. Auch auf der Facebookseite des stern wird Thilo Sie auf dem Laufenden halten.


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