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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich bin erfolgreich und liebe das gute Leben – er kann sich nur Camping leisten. Kann das gut gehen?

Sie ist den Luxus gewöhnt, er muss immer sparen.
Sie ist den Luxus gewöhnt, er muss immer sparen.
© Getty Images
Katharina stammt aus gutem Haus, dann verliebte sie sich in ihren Klavierlehrer. Sie fühlt sich bei ihm geliebt, geborgen und auch der Sex stimmt. Doch kann sie die Klassenunterschiede überwinden?

Liebe Frau Dr. Peirano,

Ich, Juristin, 36, habe vor einem Jahr seit langem mal wieder einen Mann kennengelernt, mit dem ich sehr glücklich bin. Ich fühle mich geliebt und geborgen. Wir können sehr offen miteinander reden, sind körperlich wie zwei Magneten und haben den gleichen Humor. Er hilft mir und er steht absolut zu mir.

Doch es gibt eine Seite zwischen uns, die überhaupt nicht passt. Ich komme aus einer sehr gut situierten Familie. Aufgewachsen bin ich in einer Villa im Speckgürtel von München, ich hatte Reitunterricht und ein eigenes Pferd. Wir fuhren in die Schweiz zum Skiurlaub und im Sommerurlaub waren wir im Mittelmeer segeln. Meine Mutter hatte die Münchner Gesellschaft zu Gast, mein Vater war im Vorstand und hat mich und meine Schwester ziemlich verwöhnt (zumindest materiell). Zu Hause ging es oft um Erfolg, Geld und den familiären Hintergrund.

In meinem Freundeskreis haben alle „alten“ Freunde Erfolg und genießen den auch. Viele sind gerade dabei, sich ein Haus (oder schon ein Ferienhaus) zu kaufen, und es ist immer wieder Gesprächsthema, wie man sich kleidet, einrichtet, welchen Urlaub man macht oder wie man die Hochzeit feiert.

Bis vor kurzem war das für mich selbstverständlich und ich habe den Luxus, den ich mir leisten konnte, nicht hinterfragt. Eigentlich habe ich auch vorausgesetzt, dass ich mal einen Mann aus meinen Kreisen finden würde. Nur ist mir bisher keiner über den Weg gelaufen.

Dann nahm ich vor einem Jahr ein paar Klavierstunden. Als ich den Klavierlehrer (Jan) das erste Mal sah, dachte ich mir schon gleich, dass er mein Typ ist. Wir spielten in einer alten Villa aus meinem Freundeskreis am Flügel, und irgendwann fingen wir an, wirklich miteinander zu reden und zu schreiben. Und kurz darauf wurden wir dann ein Paar.

Am Anfang habe ich nicht wirklich über die Zukunft nachgedacht. Mir war auch nicht klar, dass es so große Unterschiede zwischen uns gibt. Aber dann wurde mir nach und nach klar, dass er ganz anders lebt als ich. Er hat schon einen 8-jährigen Sohn und nimmt sich sehr viel Zeit für ihn. Er hilft in der Schule aus und arbeitet in der Zeit auch nicht. Da er am Konservatorium arbeitet, verdient er wirklich schlecht. Und als ich das erste Mal bei ihm war, war ich schon befremdet. Von romantischem Künstlerleben (inklusive Flügel) konnte nicht die Rede sein. Er lebte in ein einer kleinen Wohnung in einem Arbeiterstadtteil mit einem in die Jahre gekommenen Klavier und Ikea-Möbeln.

Seine Urlaube (wenn er sich welchen leisten kann) verbringt er mit seinem Sohn auf einem Zeltplatz, er fährt einen zerbeulten Kleinwagen.

Jan selbst hatte mit seinem Leben kein Problem. Für ihn ist es normal, auf Dinge zu verzichten oder ständig sparen zu müssen, bei Aldi einzukaufen und zu überlegen, ob er Essen geht oder selbst kocht. Das Problem entsteht erst, wenn wir beide zusammen sind und unsere Welten aufeinandertreffen.

Ich sehe mein Leben jetzt durch Jans Augen und fühle mich wie eine verwöhnte, oberflächliche Prinzessin, weil ich mir zum Beispiel ein Wellness-Wochenende oder eine Designer-Sonnenbrille für mehrere hundert Euro gönne. Mein Stundenlohn ist 5 bis 7- mal so hoch wie seiner.

Jan sieht sein Leben auch durch meine Augen und fühlt sich manchmal ungenügend, weil er glaubt, dass mir der Mittagstisch beim Italiener um die Ecke auf Dauer nicht reicht. Und ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht auf Dauer.

Jan hat einen sehr netten und interessanten Freundeskreis, in dem ich nach anfänglicher Skepsis nun aufgenommen wurde. Wir treffen uns im Park, einer spielt immer Gitarre, oder wir kochen zusammen, gehen in interessante Konzerte und reden über Musik und Bücher.

In meinem Freundeskreis wird Jan nicht so offen aufgenommen. Gerade von den Männern gibt es Vorbehalte und hochgezogene Augenbrauen, wenn er erzählt, dass er am Konservatorium Kindern Klavierunterricht gibt. Sie finden kein Gesprächsthema mit ihm. Einige Freundinnen mögen ihn, weil er so charmant und gefühlvoll ist. Andere Freundinnen lassen durchklingen, dass ich mich bald mal auf die Suche nach einem passenden Partner machen sollte, wenn ich an meine Zukunft denke.

Wir vermeiden das Thema Geld, so gut es geht. Wir haben bisher keinen Modus gefunden, zusammen gut Urlaub zu machen. Er lässt sich von mir nicht einladen (was ich gerne würde), und so ist „meine“ Urlaubswelt für ihn verschlossen. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich mir komisch vorkomme, meinen Urlaub in Bayern auf dem Zeltplatz zu verbringen.

Das Gespräch über unsere Zukunft (ob und wo wir zusammenwohnen wollen) und ob wir noch Kinder wollen, schieben wir auf die lange Bank.

Aber manchmal mache ich mir doch Sorgen und frage mich, ob ich mich so frei von den Werten meiner Kindheit machen kann und auf Dauer mit ihm glücklich leben kann.

Haben Sie ein paar Denkansätze und Tipps für mich?

Viele Grüße,

Katharina T.

Liebe Katharina T.,

In der Liebe gibt es die beiden Sprichwörter: „Gegensätze ziehen sich an“ und „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Es hat sich durch intensive Forschungsarbeit herausgestellt, dass eher Gleichheit der Partner die Harmonie und Zufriedenheit des Paares bewirkt. Das heißt, dass zwei Menschen, die aus einem ähnlichen Hintergrund kommen (entweder beide aus einer wohlhabenden Familie mit klassischer Rollenverteilung oder beide z.B. aus einer Künstlerfamilie mit wenig Geld) es in vielen Bereichen des Lebens einfacher miteinander haben.

Bei Ihnen beiden fehlt erst einmal das, was ich als „Stallgeruch“ bezeichnen würde. Stallgeruch bedeutet zum Beispiel, dass mir Männer im Anzug (wie mein Vater) vertrauter vorkommen als Männer im T-Shirt. Es bedeutet, dass ich mich in großen Villen und Sterne-Restaurants (wie meinem Elternhaus und den Lieblingsrestaurants meiner Familie) sofort heimisch fühle und dass ich instinktiv weiß, welche sozialen Spielregeln in meinem Umfeld gelten. (Zum Beispiel: Man putzt und erledigt handwerkliche Aufgaben nicht selbst, man bemüht sich um exklusive Kleidung, Restaurants, Urlaube und Statussymbole, man redet nicht über Geld).

Das was für Sie Stallgeruch hat, ist Jan hingegen fremd. Möglicherweise hat er auch Vorbehalte gegenüber Menschen mit Ihrer Herkunft. Es könnte sogar mehr als Fremdeln sein: Sozialneid oder Misstrauen gegenüber reichen Menschen (sind arrogant, behandeln einen von oben herab, teilen nicht, sind korrupt). Zum Teil bestätigen Ihre Freunde ja auch durch die Herablassung, mit der sie Jan behandeln und ihn als nicht zugehörig betrachten, die Vorurteile.

Und das, was für Jan vertraut und normal ist, ist in Ihren Kreisen etwas, was „man“ nicht macht.

Es ist einfach nicht vertraut, bei Aldi einzukaufen, in einem Arbeiterstadtteil zu wohnen, auf dem Zeltplatz Urlaub zu machen. Auch hier gibt es unbewusste oder bewusste Vorurteile und Abwertungen.

Sie beide müssen damit umgehen, dass die Lebensweise des anderen gegen viele tief verwurzelte soziale Spielregeln verstößt. Wie man lebt, Urlaub macht, welchen Beruf man hat und welchen nicht, und auch, wie man mit Geld umgeht (bei Ihnen: „zeige es, gib es aus, genieß es, heb dich damit aus der Masse hervor“ und bei Jan: „geh sparsam damit um, lebe nicht über deine Verhältnisse, gibt acht auf dein knappes, sauer verdientes Geld.“)

Eigentlich könnte es für Sie beide sehr spannend sein, einmal durch die Liebe zueinander in eine Parallelgesellschaft einzutauchen, die Sie beide anscheinend vorher nicht kannten und mit der Sie vorher wenig Berührungspunkte hatten. Weder hat Jan sich gewünscht, die Welt der luxuriösen Hotels und exklusiven Reisen kennen zu lernen, noch haben Sie sich danach gesehnt, mal bescheidener zu leben und Ihren Urlaub auf dem Campingplatz zu verbringen. Jedoch ist es durch Ihre Begegnung einfach dazu gekommen, dass Sie sich mit der unterschiedlichen Herkunft auseinandersetzen müssen. Da sind Sie beide natürlich nicht die einzigen. Es gibt viele Paare, die aus unterschiedlichen Ländern, beruflichen Umfeldern oder Religionen kommen und für sich entwerfen müssen, wie sie leben wollen.

Die wichtigsten Fähigkeiten, die Sie beide brauchen würden, damit Ihre Beziehung gelingt, wären

-Toleranz für die andersartige Lebenswelt des anderen

-Offenheit und Neugier, um bewusst mal etwas anders zu machen und etwas Neues auszuprobieren

-Wertschätzung und Respekt für andere Sichtweisen (anstatt Rechthaberei und Beharren auf dem Status Quo)

-Humor, um schwierige Situationen zu entschärfen

-Gelassenheit, um Dinge und Menschen auch einfach so sein zu lassen, wie sie sind

und

-Feingefühl, um herauszufinden, was den anderen verletzt und womit man sehr sensibel umgehen muss.

Wie läuft bei Ihnen beiden denn die Kommunikation über die unterschiedliche Herkunft? Gibt es da so Aussagen wie: „ich war noch nie in einem 5-Sterne Hotel, aber es gefällt mir gut“ Oder: „ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu zelten, und dieser Zeltplatz ist mir auch etwas zu laut, aber auf einem naturverbundenen Zeltplatz könnte ich mir das sehr schön vorstellen.“? Oder: Danke, dass du mich zum Nachdenken bringst und meinen Horizont erweiterst?

Wichtig wäre, dass Sie beide den Zusammenhalt in Ihrer Beziehung bewusst stärken und Ihre eigenen Wege finden, Urlaub zu machen (z.B. Freunde zu besuchen, romantische, aber günstige Ferienwohnungen mieten, mal zelten und mal in ein gutes Hotel gehen).

Die Integration in Jans Freundeskreis ist doch schon mal ein guter Schritt, und in dem Sinne könnten Sie ja noch weitere Lebensräume für Sie beide finden. Es kommt auch auf Ihre Einstellung an: Wollen Sie neue Erfahrungen machen und sich aus der Komfortzone begeben, oder versuchen Sie, den anderen so zu ändern, dass er sich an Ihre Gewohnheiten und Ihr Umfeld anpasst?

Ich würde Ihnen erst einmal raten, dass Sie sich Ihre eigenen Werte bezüglich Finanzen, Status, Freizeitgestaltung, menschliche Qualitäten, auf die es wirklich ankommt noch einmal deutlich machen und sie mutig hinterfragen. Wenn es Werte bei Ihnen gibt, die Sie noch nicht leben, aber die Jan lebt, könnten Sie sich hier ein großes Feld für persönliche Veränderung erschließen. Spannend bleibt es mit der richtigen Einstellung allemal.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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