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Hamburger Planetarium: Rollstuhlfahrer darf nicht in "normalem Sessel" sitzen – Vater löst heftigen Shitstorm aus

Wegen Brandschutzregeln durfte sein im Rollstuhl sitzender Sohn den gewünschten Platz nicht einnehmen. Deshalb hat sein Vater einen wütenden Facebookpost verfasst – und einen Shitstorm ausgelöst. Der stern hat mit dem Vater und einem Mitarbeiter des Planetariums gesprochen.

Rollstuhlfahrer Nico vor dem Hamburger Planetarium

"NIX TABALUGA. MIT ROLLI AUS DEM PLANETARIUM GEFLOGEN" – der wütende Facebookpost von Arnold Schnittger ging viral

Barrierefreiheit ist ein so wichtiges wie schwieriges Anliegen. Denn es ist es auch jede Menge Arbeit, Menschen mit Behinderung Zugang ohne Barrieren zu ermöglichen – auch wenn kein Zweifel daran besteht, dass genau das möglichst immer gewährleistet werden sollte. Zahlreiche U-Bahnstationen, Treppenaufgänge oder öffentliche Räume werden deshalb nach und nach barrierefrei gestaltet. Gebäude, die neu errichtet werden, werden in aller Regel schon barrierefrei gedacht und direkt auch so gebaut. So viel in puncto Teilhabe auch schon geschafft wurde, es gibt immer wieder Diskussionen. In ist ein Streit um Teilhabe nun eskaliert.

Arnold Schnittger wollte mit seinem Sohn Nico, der schwer behindert ist und im Rollstuhl sitzt, und seiner Frau einer Vorstellung von "Tabaluga" im Hamburger beiwohnen. Doch daraus wurde nichts. Es haperte gleich an verschiedenen Ecken. Den Vorfall hat Arnold Schnittger in einem emotionalen Facebookpost nacherzählt.

Streit wegen Rollstuhlfahrer im Planetarium: Das ist passiert

Schnittger hatte drei reguläre Tickets gekauft und auf den Kauf eines gesonderten Behindertentickets verzichtet. Doch auf den regulären Plätzen durften er, sein Sohn Nico und seine Frau nicht sitzen. Das sei aus Brandschutzgründen nicht möglich, so ein Mitarbeiter des Planetariums. Daraufhin wurde der Familie ein gesonderter Rollstuhlplatz vorgeschlagen – allerdings mit der Bedingung, dass Nico in seinem Rollstuhl sitzen bleibt. Das wollte sein Vater nicht akzeptieren, auch weil es in den normalen Sesseln eine spezielle Funktion gibt: Man kann sich nach hinten lehnen und so die 360-Grad-Ansicht genießen.

NIX TABALUGA MIT ROLLI AUS DEM PLANETARIUM GEFLOGEN Ein schlechter Tag heute. Wir haben Karten für Tabaluga im...

Gepostet von Arnold Schnittger am Dienstag, 9. Oktober 2018

Planetarium Hamburg beharrt auf Einhaltung der Brandschutzregeln

Der Planetariummitarbeiters blieb stur und verwies auf geltende Brandschutzregeln: Sitzt Nico im Falle eines Feuers in einem normalen Sessel, müsste er im Notfall erst aus dem Sessel gehoben werden. Dass Arnold Schnittger erklärte, dass das nur drei Sekunden dauere, soll, so die Darstellung des Vaters, nichts an der Entscheidung des Planetariummitarbeiters geändert haben. Der verwies auf die AGBs. Nico müsse auf dem vorgeschriebenen Platz in seinem Rollstuhl sitzen oder könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen.

Dazu schreibt Nicos Vater auf : "Für Nico bedeutet es auch ein Stück Lebensqualität, dort sitzen zu dürfen, wo andere auch sitzen. So machen wir das im Restaurant, im Kino, im Theater, in der Kirche … Es bedeutet für einen behinderten Menschen auch ein Stück Würde." Familie Schnittger entschied sich, das Planetarium zu verlassen. Nico soll dabei lautstark protestiert haben. Nicos Vater, der außerdem sein Geld nicht zurück bekommen hat, fasst auf Facebook zusammen: "Ein schlechter Tag für uns. Ein schlechter Tag für die Inklusion!"

Wenn Sie sich ein Flugzeug setzen und sich nicht anschnallen wollen, wird der Kapitän auch nicht abheben

Seinen Text veröffentlicht Schnittger am Dienstagabend um 21 Uhr. Seitdem geht der Post viral. Über 9000 Mal wurde der emotionale und wütende Beitrag mittlerweile geteilt. Über 3000 Menschen haben Kommentare verfasst. Zahlreiche Medien berichten über den Fall. Was sagt das Planetarium zu den Vorwürfen? Auf Anfrage des stern erklärt Pressesprecher Stephan Fichtner, dass das "ganz normale Vorschriften" seien, die für jeden gelten. Das Planetarium müsse sich schlichtweg an geltende Brandschutzverordnungen halten. Herr Schnittger habe sich danach aber nicht richten wollen. Ganz klar sei aber, dass man niemanden schlechter behandeln wolle. Aber es sei nun mal so vorgeschrieben. "Wenn Sie sich ein Flugzeug setzen und sich nicht anschnallen wollen, wird der Kapitän auch nicht abheben", so Fichtner.

Planetariumssprecher: "Wir wollen eine Lösung finden"

Natürlich wolle man aber eine Lösung finden und sei deshalb auf Arnold Schnittger zugegangen. Das Geld will man ihm zurückerstatten und Familie Fichtner zu einer anderen Vorstellung einladen. An der Vorgabe, dass Nico in seinem Rollstuhl sitzen bleiben muss, wird aber festgehalten. "Wir wissen, dass Rollstuhlfahrer bei uns nicht dasselbe Erlebnis haben. Wir arbeiten aktuell daran, das zu verbessern – zum Beispiel mit einer absenkbaren Bodenplatte", sagte Fichtner. Auf das Angebot des Planetariums ist Nicos Vater bislang nicht eingegangen.

Arnold Schnitter: "Verspüre wenig Lust, die Einladung anzunehmen"

Auf stern-Anfrage erklärt Arnold Schnitter: "Da die Geschäftsführung des Planetariums weiterhin auf der Bestimmung besteht, dass Rollstuhlfahrer sich nicht umsetzen dürfen, verspüre ich wenig Lust, die Einladung anzunehmen." Ein Gesprächsangebot – mit Feuerwehr, Behindertenbeauftragten und der Presse – nehme er dagegen sehr gerne an. Eine Entschuldigung vom Planetarium brauche er nicht. "Es geht einzig und allein um die Sache, wobei ich bei meiner Einschätzung bleibe, dass Rollifahrer ausgegrenzt werden", so der Familienvater. Der "Shitstorm", wie er es nennt, der nun gegen das Planetarium losgetreten wurde, und die Beteiligung an seinem Post "mache ihn schwindelig". Dabei gehe es gar nicht nur um Nico oder seine Familie, sondern um "die grundsätzliche Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen". Die Beteiligung an diesem Post zeige, wie groß der "Bedarf an Normalität" ist. Von dem nun stattfindenden Medienecho erhoffe er sich den Anstoß einer Debatte und eine "Neuorientierung".

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hh

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