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Venezuela: Der Oligarch und sein Rum: Wie der Nachfahre eines Hamburgers sein Geschäft aufbaute

In Venezuela fehlen ganz alltägliche Produkte. Doch mit feinem Rum lässt sich selbst in der darbenden Wirtschaft Geld verdienen. Über Piratenfusel, der längst eine feine Spirituosen ist.

Rum lagert in Eichenfässern in Venezuela.

Rum lagert in Eichenfässern in Venezuela.

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Wirtschaft ist im freien Fall. Menschen wühlen im Müll nach Essbarem, Frauen verkaufen ihr langes Haar für ein paar Dollar, Hundertausende kehren dem Elend den Rücken und suchen ihr Glück im Ausland. Der Rumhersteller Santa Teresa aber macht noch immer gute Geschäfte. "Wir verkaufen unseren Rum in etwa 40 Ländern und wollen weiter wachsen", sagt Besitzer Alberto Vollmer.

Auf der Hacienda Santa Teresa, rund 80 Kilometer von der Hauptstadt Caracas entfernt, ist die Krise weit weg. Die Finca liegt in einem idyllischen Tal nahe der Ortschaft Revenga im Bundesstaat Aragua. Sie wurde 1796 gegründet - heute reift in den Eichenfässern dort eine der besten Rumsorten der Welt. 

Santa Teresa ist eine der wenigen Erfolgsgeschichten im krisengebeutelten Venezuela. Der Internationale Währungsfonds rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang der Wirtschaftskraft um 15 Prozent und einer Inflationsrate von sagenhaften 13 000 Prozent. Aus Mangel an Devisen kann das einst reiche Land kaum noch Lebensmittel, Medikamente oder Dinge des täglichen Bedarfs importieren. 

Mit Rum gegen die sozialistische Regierung

"Venezuela braucht endlich mal wieder gute Nachrichten", sagt
Vollmer. Deshalb bleibt er. "Mit jedem Licht, das ausgeht, wird es hier dunkler." Der 49-jährige Unternehmer stammt aus einer der schillerndsten Dynastien des Landes. Zu seinen Vorfahren gehört eine Cousine des südamerikanischen Freiheitskämpfers Simón Bolívar und ein Händler aus Hamburg, der 1826 mit dem Schiff nach Venezuela kam und dort eine Spanierin heiratete.  Vollmer ist ein Oligarch, wie es ihn im "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" nach dem Willen von Präsident Nicolás Maduro eigentlich nicht mehr geben dürfte. Gemeinsam mit Lorenzo Mendoza vom Lebensmittelgiganten Polar ist er aber auch der Beweis dafür, dass Privatunternehmer trotz der Anfeindungen der linken Regierung noch immer gute Geschäfte in Venezuela machen können. 

Über seine Gewinne will Vollmer trotzdem lieber nicht sprechen. 50 Prozent seiner Einnahmen muss er an den Fiskus abführen. Im vergangenen Jahr füllte Santa Teresa über 1,2 Millionen Kisten Rum á neun Liter ab. Trotz der höchsten Inflation der Welt verkauft der Spirituosenhersteller den größten Teil der Produktion in Venezuela, etwa 15 Prozent gehen in den Export. 

Deutsche finden Geschmack am Rum

Auch die Deutschen finden immer mehr Geschmack an dem einst billigen Piratenfusel. Während der Pro-Kopf-Verbrauch an nach den jüngsten Zahlen des Bundesverbandes der Deutschen Spirituosen-Industrie (BSI) seit Jahren bei 5,4 Liter pro Kopf stagniert, wächst der Rummarkt. Laut BSI verkaufte der Lebensmitteleinzelhandel 2016 fast 30 Millionen Flaschen - ein Zuwachs von gut vier Prozent im Vorjahresvergleich. 

Die Anfangszeiten des Rums, in denen vor allem die exotische Herkunft des Getränks die Kunden anlockte und man ihn meist zum "Mojito" oder "Cuba Libre" mixte, seien längst vorbei. Heute böten viele namhafte Hersteller qualitativ hochwertige Produkte, die pur genossen würden wie Cognac oder Whiskey, berichtet der

Aktuell schätzen Fachleute den Umsatz mit Rum in Deutschland im laufenden Jahr auf rund 580 Millionen Euro. Pro Kopf trinken die Deutschen im Schnitt 0,6 Liter Rum, wie Andreas Kemper von der Branchen-Plattform "About-drinks" sagt - immerhin fast eine ganze Flasche (0,7 Liter).

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    Hersteller

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    Ländereien besetzt

    Damit sein Rum auch die Liebhaber in Deutschland erreicht, muss Vollmer in Venezuela lavieren. Der Patriarch ist mit Sicherheit kein Anhänger der linken Chavisten, aber er hat sich arrangiert. Oppositionelle vor allem im Exil werfen ihm vor, einen teuflischen Pakt mit der autoritären Regierung geschlossen zu haben. "Die Venezolaner müssen wieder zusammenkommen", sagt er. "Es ist eine Sache, von außen zu kritisieren, ohne wirklich Lösungen anzubieten. Ich glaube, Taten sagen mehr als Worte."

    Als Unternehmer im sozialistischen Venezuela muss Vollmer Kompromisse machen. Im Jahr 2000 besetzten Chavisten Teile seine Ländereien in Aragua. "Wir haben uns Land genommen von Leuten, die mehr hatten als wir", erinnert sich Omar Rodríguez, der die Besetzung damals anführte. 

    Vollmer wurde die Eindringlinge nicht los. Also spendete er einen Teil der Ländereien an die Dorfgemeinschaft und engagierte den Rädelsführer Rodríguez. Heute verwaltet der Ex-Militär die Sozialprojekte von Santa Teresa. Vollmer rief beispielsweise das Projekt Alcatraz ins Leben, um Häftlingen die Rückkehr ins bürgerliche Leben zu erleichtern und die Kriminalität zu bekämpfen. 

    Als einmal drei Verbrecher versuchten, Vollmers Finca zu überfallen, bot er ihnen kurzerhand Jobs als Touristenführer auf seinem Gut an. "Alberto hat Führungsqualitäten. Und er verfügt über eine Sensibilität wie sie wenige Oligarchen haben", sagt Rodríguez. 

    Sein alter Feind ist nun sein "Genosse", wie er grinsend erzählt. Vollmer ist Patenonkel seines Sohnes, den er nach seinem großen Vorbild, dem venezolanischen Ex-Präsidenten Hugo Chávez, benannt hat. Von dessen Nachfolger Nicolás Maduro hält er allerdings wenig. "Ich hatte mehrere Posten in Behörden, aber ich bin enttäuscht worden", sagt der Altlinke. "Die Politiker verfolgen nur ihre eigenen Interessen. Sie lieben das Volk nicht."

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