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Dioxin-Skandal: Foodwatch wirft der Regierung Verharmlosung vor

Exportförderung gehe der Regierung vor Verbraucherschutz, klagt Foodwach-Chef Thilo Bode. Zwei Wochen nach ersten Gift-Funden in Tierfutter rückt der politische Streit um Kontrollen und Konsequenzen ins Zentrum des Dioxin-Skandals.

Immer neue Dioxin-Funde heizen die Debatte um den Verbraucherschutz in Deutschland an. Dabei gerät nun auch die Verantwortung der Bundesregierung in den Blick. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hält der Regierung schwere Versäumnisse und die einseitige Bedienung der Interessen der Futtermittelindustrie vor. Um den Export deutscher Fleischprodukte nicht zu gefährden, habe die Regierung kein Interesse, die Futtermittelindustrie stärker zu belasten, sagte Foodwach-Chef Thilo Bode.

Der Fall weitet sich derweil an verschiedenen Fronten aus: Behörden stellten in Legehennen überhöhte Konzentrationen des Gifts fest. Eine Futterfett-Probe des Herstellers Harles und Jentzsch in Uetersen (Schleswig-Holstein) überschritt den zulässigen Grenzwert bei jüngsten Analysen fast um das 73-fache. International wollen mehrere Länder keine Eier und kein Fleisch mehr aus Deutschland.

Für Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) haben Verbraucherschutz und die Aufklärung Priorität, sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Wenige "schwarze Schafe" hätten enormen wirtschaftlichen Schaden angerichtet. "Danach werden wir über die Konsequenzen zu sprechen haben. Die Verursacher müssen zur Rechenschaft gezogen und in Haftung genommen werden. Sie haben für die entstandenen Schäden geradezustehen."

Keine umfassenden Kontrollen von Futtermitteln

Foodwatch-Geschäftsführer Bode hingegen beklagt, dass es viel zu wenig staatliche Kontrollen der 1700 Futtermittelbetriebe in Deutschland gebe. Bode verlangt, dass jeder Hersteller jede Charge einer Futtermittelzutat verpflichtend auf Dioxin testet, dokumentiert und bei Überschreitungen verpflichtend die Behörden informiert. "Nur das würde weiterhelfen, damit die schleichende Dioxinvergiftung durch Futtermittel aufhört."

In den Proben dreier Legehennen aus Nordrhein-Westfalen wurde der zulässige Grenzwert laut den Behörden um das 2,5-Fache des Erlaubten überschritten. Tests bei Hähnchen, Puten oder Schweinen zeigten bislang keine Überschreitungen, viele Ergebnisse stehen noch aus. Die Zahl der gesperrten Höfe sank derweil von 4700 auf rund 4000, wie das Bundeslandwirtschaftsministerium mitteilte.

Betrugsvorwurf gegen Futterfett-Firma

Auch gegen die Futterfett-Firma Harles und Jentzsch werden neue Vorwürfe laut: Der Verdacht des Betrugs und der Steuerhinterziehung liegt nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums nahe. Der Sprecher des Ministeriums, Gert Hahne, sagte, es spreche vieles dafür, dass die Firma ihre Kunden betrogen und technische Mischfettsäure als teures Futterfett verkauft habe.

Für eine Tonne Industriefett habe die Firma bloß 500 Euro erlösen können, für eine Tonne Futterfett aber 1000 Euro. Der Verdacht der falschen Rechnungsstellung und somit der Steuerhinterziehung liege nahe. Die Justiz ermittelt sowieso wegen Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetz. Das Magazin "Der Spiegel" berichtet außerdem, das Unternehmen habe Kontrolleuren zu hohe Dioxin-Werte vorenthalten.

Vor diesem Hintergrund kommen europäische Futterfett-Hersteller an diesem Montag zu einem Krisentreffen mit der EU-Kommission zusammen, wie der Sprecher von EU-Verbraucherkommissar John Dalli sagte. Die EU-Behörde setze sich dafür ein, die Produktion und den Transport von Industrie- und Futterfetten besser zu trennen. Außerdem gibt es von Brüssel aus Kontakte, um Blockaden deutscher Lebensmittel in Drittstaaten zu vermeiden.

Skurriler Verdünnungsvorschlag

Dioxinbelastete Produkte müssen nach Ansicht des Vorsitzenden der tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz, Prof. Thomas Blaha, nicht unbedingt vernichtet werden. Belastete Eier könnten mit unbelasteten gemischt werden, sagte der Leiter der Außenstelle für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover dem Magazin "Focus". So käme es zu Verdünnungsstufen, wie sie im Essen üblich seien. Ähnlich könne mit kontaminiertem Fleisch verfahren werden.

Angesichts der aktuellen Umständen tritt der Verband der Öl- und Fetthändler dem Eindruck entgegen, Rohstoffe für Futtermittel würden nicht ausreichend kontrolliert. "Alle Betriebe in der Lebensmittelkette haben in den vergangenen zehn Jahren ein umfangreiches Qualitätsmanagement aufgebaut", sagte Christof Buchholz, Geschäftsführer des Deutschen Verbandes des Großhandels mit Ölen, Fetten und Ölrohstoffen (Grofor), in Hamburg. In den größeren Handelsbetrieben würden die Lieferungen genau kontrolliert. Kleinere Betriebe würden ihre Handelswaren stichprobenartig überprüfen.

DPA / DPA

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