HOME

Ehec-Infektionen: Gurken-Frage entfacht Streit mit Spanien

Deutsche Behörden widerlegen den spanischen Vorwurf, dass die Ehec-Keime erst in Deutschland auf die iberischen Gurken kamen. Spanien legt EU-Beschwerde ein, aus Holland kommt ein Dementi.

Nach dem Nachweis von gefährlichen Ehec-Bakterien auf spanischen Salatgurken ist ein Streit um die Schuld entbrannt. Spanische Produzenten fühlen sich von deutschen Behörden zum Sündenbock gemacht und spielen die Vorwürfe zurück.

Bei Sturz auf Hamburger Großmarkt verseucht?

Nach Angaben des Herstellers Pepino Bio Frunet, von dem die verseuchten Gurken stammen sollen, wurde die Ware auf dem Weg von Spanien nach Deutschland verunreinigt. Ein Manager des Unternehmens, Javier Lopez, sagte der "Bild"-Zeitung: "Die Gurken wurden mit einem Lkw abgeholt und kamen am 15. Mai in Hamburg an. Am 16. bekamen wir eine E-Mail unseres Kunden, der uns mitteilte, dass die Gurken während des Transports heruntergefallen wären. Er teilte uns mit, dass er sie trotzdem auf dem Hamburger Großmarkt verkaufen wolle." Die Lieferung habe insgesamt aus 180 Boxen mit Gurken bestanden.

Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) wies die Vorwürfe zurück: "Dass die belasteten Gurken von einer einzigen Palette stammten, die durch ein Umkippen verseucht wurde, können wir aufgrund der Probenentnahme an unterschiedlichen Stellen ausschließen." Ware von einer einzigen Palette könne unmöglich zu Ehec-Primär-Infektionen mit einem solchen Ausmaß führen.

Spanien beschwert sich bei EU

Auch Hans Joachim Conrad, Vorstandschef der Verwaltungsgenossenschaft des Hamburger Großmarktes, wollte die Vorwürfe aus Spanien nicht gelten lassen: "Wir treiben hier keine Kuhherden durch die Hallen", sagte er am Freitag. Der Vorsitzende des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure in Köln, Martin Müller, hielt die Theorie aus Spanien für unwahrscheinlich. "So was kann passieren, aber da müsste ein ganzer Lkw und noch mehr auf den Boden gefallen sein", sagte er. Denkbar wäre für ihn, dass die Gurken gewaschen wurden, bevor sie verpackt oder auf die Reise geschickt wurden - und dabei mit den Bakterien in Kontakt kamen.

Unterdessen kündigte Spanien in der Sache eine Beschwerde bei der Europäischen Union an. Das Madrider Agrarministerium teilte mit, Deutschland habe gegen die EU-Regeln verstoßen. Staatssekretär Josep Puxeu sagte, die deutschen Behörden hätten zuerst die Presse unterrichtet und nicht - wie vorgeschrieben - die Instanzen der EU.

Holländer dementieren

Auch eine weitere Behauptung zur Herkunft des Erregers könnte zu internationaler Verärgerung führen: Nach Informationen der "Bild"-Zeitung stammt eine verunreinigte Gurke aus den Niederlanden. Die holländischen Behörden dementierten den Bericht umgehend. "Wir haben bislang keinerlei derartigen Erkenntnisse", sagte Marian Bestelink, die Sprecherin der zuständigen Behörde für Warenprüfung (VWA).

Berichte über eine in Hamburg entdeckte infizierte Gurke aus Holland beruhten "vermutlich auf einem Missverständnis", sagte Bestelink. "Sie gehen möglicherweise darauf zurück, dass einer der betroffenen Gemüsebauern in Spanien, von wo wohl infizierte Gurken nach Deutschland geliefert wurden, Niederländer ist."

Spanische Gurken auch in Dänemark kontaminiert

Unterdessen sind mit Ehec kontaminierte Gurken aus Spanien auch bei zwei Großhändlern in Dänemark entdeckt worden. Die betroffenen Großhändler in Grinsted und Kolind im Westen des Landes seien aufgefordert worden, die verseuchte Ware aus dem Verkehr zu ziehen, teilte die dänische Veterinär- und Lebensmittelbehörde in Kopenhagen mit. Sie rief die Verbraucher auf, keine rohen Gurken aus Spanien und keine Tomaten und Salate aus Norddeutschland zu essen.

In Dänemark wurden in den vergangenen Tagen mindestens sieben Menschen mit dem Ehec-Erreger infiziert. Offenbar war bei ihnen aber ein Aufenthalt in Deutschland vorausgegangen. Nach Angaben der Europäischen Kommission wurden aus Schweden zehn Infektionen gemeldet, aus Großbritannien drei und aus den Niederlanden ein Fall.

60 neue schwere Ehec-Fälle

Trotz des Fundes eines Übertragungswegs ist der Ausbruch der Krankheit zunächst nicht gestoppt. "Von gestern auf heute sind etwa 60 neue HUS-Fälle, also schwere Verläufe dieser Ehec-Infektion, dazugekommen", sagte der Direktor des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, am Freitag. Bislang starben drei Frauen in Deutschland nachweislich an den Folgen der Infektion. Binnen einer Woche wurden bereits rund 800 bestätigte und Ehec-Verdachtsfälle registriert. In Deutschland werden normalerweise im gesamten Jahr etwa 900 Infektionen mit den Bakterien gemeldet.

Wegen der vielen Patienten könnte nach Angaben eines Mediziners das Blutplasma knapp werden. "Noch haben wir ausreichend Spendenplasma zur Behandlung der Patienten, aber wenn die Situation so anhält, könnte es schwierig werden", sagte Jan Kielstein, Nierenarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover. Um ein Nierenversagen bei den Betroffenen zu verhindern, müsse bei ihnen mindestens drei Mal ein Plasmaaustausch vorgenommen werden. "Pro Therapie brauchen wir das Blutplasma von sechs bis zehn Spendern."

RKI bleibt bei seiner Warnung

Auf der Suche nach einer Quelle für den Erreger waren Experten am Donnerstag fündig geworden: Gurken aus Spanien sollen für die tödlichen Infektionen verantwortlich sein. Neben Gurken ist Burger zufolge jedoch auch bei Tomaten und Salat weiter Vorsicht geboten. "Vor dem Verzehr dieser Gemüse in roher Form wird gewarnt", sagte der RKI-Chef.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung wollte keine Entwarnung für andere Gurken, Tomaten und Blattsalate gaben. Wer sicher gehen wolle, sollte zunächst ganz auf den Verzehr verzichten.

fw/DPA/AFP / DPA

Wissenscommunity