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Corona-Pandemie Große Corona-Sorgen in Europa – Gesundheitssysteme unter Druck

 Ärzte testen Patienten in Marseille, Frankreich auf das Coronavirus in einem mobilen Testzentrum
Ärzte testen Patienten in Marseille, Frankreich auf das Coronavirus in einem mobilen Testzentrum
© Daniel Cole/AP / DPA
Fast überall in Europa bereiten steigende Corona-Infektionszahlen den Regierungen neue Sorgen. In Ländern wie Frankreich und Spanien wird schon über die Verhängung des Notstands nachgedacht.

In Europa ist die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation erstmals über die Marke von 100.000 gesprungen. Vielerorts sind die Intensivstationen von Krankenhäusern bereits am Limit. Regierungen verhängen strengere Maßnahmen, um die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen. Ein Überblick über die Entwicklung in der vergangenen Woche in wichtigen Ländern:

Spanien ist mit 850.000 Infektionen besonders schlimm betroffen. Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen lag zuletzt bei 115. In der vergangenen Woche starben nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Freitag 541 Menschen. Der Anteil der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern steigt. Landesweit gelten strenge Beschränkungen und Maßnahmen, auch Maskenpflicht im Freien. Viele Gebiete und Gemeinden sind abgeriegelt. Über die Hauptstadt verhängte die spanische Regierung am Freitag den Notstand. In Madrid und einigen Vororten dürfen die Menschen ihre Wohngemeinde nur mit triftigem Grund verlassen – etwa für den Weg zur Arbeit oder für Arztbesuche. Betroffen sind knapp 4,8 Millionen Menschen. Der Notstand soll zwei Wochen gelten. 

Frankreich hat in mehreren Großstädten bereits die höchste Corona-Warnstufe verhängt – unter anderem in Paris, Lyon und Marseille. Gesundheitsminister Olivier Véran warnt, dass es noch schlimmer wird. Sorge herrscht über die Lage in den Pariser Krankenhäusern. Dort nimmt der Anteil der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen zu –am Freitagabend wurden dort 1439 Menschen behandelt. Die Regierung reagiert etwa mit Schließungen von Bars in den Regionen, in denen die Lage besonders ernst ist. Generelle Ausgangsbeschränkungen im ganzen Land sollen verhindert werden. Mit mehr als 20.000 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden gab es am Freitag einen Tageshöchstwert.

Tschechien – ehemals ein Corona-Musterschüler – hat stark mit der Ausbreitung des Virus zu kämpfen. Am Freitag wurden den Behörden 8618 neue Fälle gemeldet, wie am Samstag bekannt wurde. Das waren knapp 3300 mehr als am Vortag. Es ist der vierte Tagesrekord in Folge. Seit Beginn der Pandemie gab es 905 Todesfälle in Verbindung mit einer Covid-19-Erkrankung. Die Regierung hat Kultur- und Sportveranstaltungen verboten. Sollte die Kurve nicht abflachen, droht nach Ansicht von Experten bald ein dramatischer Engpass im Gesundheitssystem.

Großbritannien leidet ebenfalls stark: Mangel an Tests, ein Flickenteppich an Regelungen, marode Kliniken, Zehntausende Todesfälle. Der im Frühjahr selbst erkrankte Premier Boris Johnson steht zunehmend in der Kritik, ein schlechter Krisenmanager zu sein. Seine Regierung spricht von einer "gefährlichen" Lage. Besonders stark betroffen sind der Norden Englands, Schottland, Nordirland und Teile von Wales. Experten zufolge stehen vor allem in Nordengland die Kliniken vor dem Kollaps. Am Freitag meldeten die Behörden landesweit knapp 14.000 neue Fälle.

Italien sorgt sich über den steilen Anstieg der Infektionsfälle in dieser Woche. Das Land, das im März Europas Corona-Hotspot war, registrierte am Freitag 5372 neue Ansteckungen. Der große Unterschied: Jetzt sterben pro Monat so viele Menschen an Covid-19 wie damals an einem Tag. Die Intensivstationen sind mit annähernd 400 Covid-Patienten nicht am Limit. Rom verschärft ständig die Maßnahmen – nun gilt eine Maskenpflicht auch im Freien. Außerdem plane die Stadt ein striktes Verbot von Gruppen im Freien vor Bars und Restaurants, hieß es am Samstag in verschiedenen italienischen Zeitungen. Besonders stark kletterten die Werte am Freitag in der Lombardei im Norden und in Kampanien im Süden.

In den Niederlanden wurden am Freitag knapp 6000 Neuinfektionen gemeldet, ähnlich viele wie auch am Donnerstag. Die Zahl der Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen steigt schnell. Kliniken haben die Versorgung für andere Patienten drastisch reduziert und Hunderte Operationen abgesagt. Innerhalb von sieben Tagen infizierten sich zuletzt 841 Menschen je 100.000 Einwohner. Vergangene Woche wurden im Schnitt 16 Tote am Tag gemeldet. Bürger und Experten fordern deutlich strengere Maßnahmen. Masken sind für öffentliche Räume dringend empfohlen, bislang aber nicht Pflicht. 

Belgien verzeichnete zuletzt ebenfalls rasch steigende Zahlen. Die 14-Tage-Inzidenz – die Zahl an Infektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb zwei Wochen – lag zuletzt bei 280,7. In der Hauptstadt Brüssel sind Cafés und Bars nun für einen Monat geschlossen. Die Regierung verschärfte auch die landesweiten Regeln: Bürger dürfen pro Monat nur noch mit drei Personen außerhalb der Familie engen Kontakt pflegen. Um 23 Uhr ist Sperrstunde.

In Polen hat die Zahl der täglichen Neuinfektionen erstmals die 5000er-Marke überschritten. Innerhalb von 24 Stunden kamen 5300 neue Fälle hinzu. Das teilte das polnische Gesundheitsministerium am Samstag mit. Im gleichen Zeitraum starben 53 Menschen in Zusammenhang mit dem Virus. Seit Beginn der Pandemie gab es in Polen 2972 Todesfälle in Verbindung mit einer Covid-19-Erkrankung. Wegen des erhöhten Infektionsgeschehens werde man ab Donnerstag wieder Senioren-Einkaufsstunden einführen, kündigte Regierungschef Mateusz Morawiecki am Samstag an. Seit Samstag gilt im gesamten Land wieder eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit – sogar im Freien. Zudem dürfen an Feiern maximal 75 Menschen teilnehmen. In sogenannten roten Zonen sind die Auflagen strenger, unter anderem müssen Bars und Restaurants um 22 Uhr schließen.

rw DPA AFP

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