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US-Bundesstaat Wie Kalifornien in den Würgegriff der Corona-Pandemie geriet

Am Anfang der Pandemie blieben die kalifornischen Strände noch leer.
Am Anfang der Pandemie blieben die kalifornischen Strände noch leer.
© Getty Images
In den USA wütet Corona heftiger als in den Anfangswochen der Pandemie. Besonders betroffen ist der Bundesstaat Kalifornien: Wird das Virus nicht unter Kontrolle gebracht, müssen hier bald sogar Häftlinge aus den Gefängnissen entlassen werden.

Als das Coronavirus in den Straßen New Yorks wütete, galt Kalifornien als Vorbild in den USA. Der sonnenverwöhnte Bundesstaat hatte als einer der ersten strenge Ausgangsbeschränkungen verhängt und konnte das Infektionsgeschehen dadurch deutlich abbremsen. Zwischenzeitlich fiel der R-Wert sogar unter eins. Während in New York mehr als 12.000 Menschen an oder mit dem Virus starben, verloren in Kalifornien weniger als 1000 Bürger ihr Leben. 

Doch dann waren die Menschen der Beschränkungen überdrüssig, die Masken nervten am Strand, die Disziplin ging verloren - und das Virus kehrte zurück. Vor allem im Großraum Los Angeles, einem Ballungsraum mit mehr als zehn Millionen Menschen, stiegen die Neuinfektionen rasant. Mittlerweile ist die Stadt der Engel der Hotspot der USA, 127.439 Fälle wurden der Johns Hopkins University zufolge bislang registriert.

Nun erlebte Kalifornien - hier leben 12 Prozent der Amerikaner - eine der bisher härtesten Wochen im Kampf gegen das Virus und verzeichnete die zwei bislang tödlichsten Tage seit Beginn der Pandemie. Kalifornien hat nach offiziellen Angaben inzwischen 310.000 Coronavirus-Fälle und 7000 Todesfälle gemeldet. Der Gouverneur, Gavin Newsom, sagte am Donnerstag, dass der Sieben-Tage-Durchschnitt des Bundesstaates 8.000 neue Fälle pro Tag überschritten habe - der bislang höchste Wert.

Ein Ende ist nicht in Sicht: Die Hälfte der 58 Bezirke (Counties) in Kalifornien stehen mittlerweile auf der "Beobachtungsliste" der Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden, die vor allem Parameter wie gemeldete Neuinfektionen, Krankenhauseinweisungen und Patienten auf Intensivstationen im Auge behalten.

Memorial Day als Ausbruchsbeschleuniger

Auch die Wiedereröffnung der Geschäfte, die US-Präsident Donald Trump trotz steigender Corona-Zahlen vehement fordert, ist ins Stocken geraten. Bars und Restaurants müssen vielerorts erneut für Wochen schließen, und die Stadt San Francisco hat am Freitag angekündigt, dass Friseurläden, Salons und Fitnesscenter nicht wie geplant am Montag öffnen würden.

"Covid-19 ist in unserer Gemeinde immer noch zu weit verbreitet, und wir müssen wachsam sein und alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, die die Ausbreitung nachweislich verlangsamen", sagte Bürgermeisterin London Breed in einer Erklärung. Ihr sei bewusst, dass die Betreiber der Geschäfte nichts sehnlicher wollen, als endlich ihre Türen aufzuschließen. "Aber damit dies geschehen kann, müssen wir die Kurve wieder abflachen, damit wir dazu in der Lage sind."

Doch warum sind die Infektionszahlen überhaupt explosionsartig in die Höhe geschnellt? Die Zahlen deuten darauf hin, dass das Wochenende um den Memorial Day - ein wichtiger US-amerikanischer Feiertag - eine Schlüsselrolle innehat. Hier könnte es zu einer Verkettung mehrere Umstände gekommen sein: Hunderttausende demonstrierten aus Protest gegen die Polizei-Brutalität auf den Straßen, zugleich trafen sich zahlreiche Familien anlässlich des Feiertages im privaten Kreis und Bezirke eröffneten Bars und Speiselokale, gegen den Rat vieler Experten. Zudem durften die Menschen Ende Mai wieder an die Strände, und so pilgerten tausende an die Surf-Spots - nicht jeder hielt sich an die Abstandsregeln.

Im Bezirk Los Angeles trägt nach offiziellen Angaben geschätzt eine von 140 Personen unwissentlich das Virus in sich. Barbara Ferrer, Leiterin des öffentlichen Gesundheitswesens, sagte gegenüber der "Los Angeles Times", dass die Menschen keine Lust mehr hatten, zuhause zu bleiben. Sie sehnten sich nach dem Leben vor der Pandemie, und haben so zu der Welle neuer Fälle beigetragen.

Die Tests werden in Kalifornien knapp

Dass die Zahlen rasant steigen, liegt auch daran, dass der Bundesstaat mehr Tests durchführt als je zuvor. Vor einigen Monaten waren 20.000 Tests pro Tag, mittlerweile sind es mehr als 106.000. Ein Fakt, den US-Präsident Donald Trump immer wieder anführt: Würden die USA weniger testen, gäbe es kein Problem mit Corona, erklärte er immer wieder. Eine fatale Logik.

Denn in Wahrheit testen die USA noch viel zu wenig: Im kalifornischen San Bernardino, einer Stadt mit 209.000 Einwohnern, hat sich die Zahl der bestätigen Corona-Fälle seit dem Memorial Day verdreifacht - und die Gesundheitsbehörden mussten Dutzende von Terminen für Coronavirus-Tests absagen, weil die Tests knapp wurden. Ähnlich sieht es im Bezirk Los Angeles aus, hier waren Medienberichten zufolge die Testtermine für die gesamte Woche ausgebucht. In Sacramento wurden Testkliniken sogar geschlossen, weil sie kein Material mehr vorrätig hatten.

Experten erwarten, dass die Test-Knappheit zumindest kurzfristig andauern werde. Deshalb änderten die Gesundheitsbehörden im besonders stark betroffenen Bezirk Los Angeles die Leitlinien: Corona-Tests bekommen nur noch diejenigen, die Symptome aufweisen, in einer Hochrisikoumgebung arbeiten (etwa Krankenhäuser) oder die Kontakt mit bestätigt Covid-19-positiven Personen hatten.

Gefängnisse müssen Häftlinge entlassen

Geschlossene Geschäfte, ausbleibende Touristen, überforderte Krankenhäuser - das sind die unmittelbar sichtbaren Folgen der rasanten Ausbreitung des Coronavirus. Doch nun offenbaren sich noch weitere schwerwiegende Probleme: Kalifornien steckt inmitten der jährlichen Waldbrand-Saison, und die Feuer wüten stärker als sonst. Mehr als 4000 Waldbrände wurden bereits verzeichnet, das sind 1500 mehr als der Durchschnitt für diese Jahreszeit, sagte Kaliforniens Gouverneur Newsom vor wenigen Tagen. Durch die Pandemie und die damit verbundenen Quarantäne- und Sicherheitsvorschriften könnte es zu einem Engpass an Feuerwehrleuten kommen.

Auch vor Gefängnismauern macht das Virus nicht halt: Zuletzt kam es zu massiven Ausbrüchen unter den Insassen staatlicher Gefängnisse, etwa im San Quentin State Prison, dem ältesten Gefängnis im Bundesstaat Kalifornien. Am Freitag kündigten Gefängnisbeamte an, dass bis Ende August bis zu 8000 Gefangene freigelassen werden sollen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

"Diese Maßnahmen werden ergriffen, um für die Gesundheit und Sicherheit der inhaftierten Bevölkerung und des Personals zu sorgen", sagte Ralph Diaz, Sekretär der Gefängnisbehörde CDCR. Inhaftierte, die noch 180 Tage oder weniger von ihrer Strafe absitzen müssen, ein geringes Gewaltrisiko darstellen und nicht für ein Gewaltverbrechen inhaftiert sind, werden die erste Gruppe von Häftlingen sein, die für eine vorzeitige Entlassung in Frage kommen. Häftlinge, die noch weniger als ein Jahr vor ihrer Verurteilung stehen und kein Gewaltverbrechen begangen haben, könnten ebenfalls für eine Freilassung bis Ende August in Frage kommen.

Quellen: NY Times, LA Times, The Mercury NewsSFGateDaily NewsABC


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