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Zecken-Knigge: Der richtige Umgang mit den Plagegeistern

Fast der gesamte Süden Deutschlands gilt als Risikogebiet für die von Zecken übertragene Hirnhautentzündung. Mediziner raten zur Impfung. stern.de hat mit dem Zecken-Experten Jochen Süss gesprochen und räumt mit Irrtümern auf.

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) hat nach Daten des Berliner Robert Koch-Instituts (RKI) im vergangenen Jahr mit 546 Fällen den höchsten Stand seit Beginn der Meldepflicht erreicht. Insgesamt hat das Institut 33 Landkreise neu als Risikogebiete für die Virusinfektion ausgewiesen. Grundlage ist allerdings nicht nur die gestiegene Fallzahl, sondern eine neue Bewertungsmethode, die unter anderem Werte benachbarter Kreise einbezieht. Nach RKI-Analyse sind in den Risikogebieten noch immer zu wenig Menschen gegen FSME geimpft, wie das Institut in seinem jüngsten Bulletin betont.

Die Impfung gegen FSME wird allen Menschen in Risikogebieten empfohlen, die einer Zeckenstichgefahr ausgesetzt sind. Mit der neuen Methode zählt das RKI nun insgesamt 129 Landkreise zu den FSME- Risikoregionen - darunter fast alle Landkreise in Bayern und Baden- Württemberg, dort sind es 26 Kreise mehr als bisher. Ausnahmen sind Ballungsräume um Großstädte wie München, Augsburg und Ulm. Im südlichen Thüringen kamen die Stadtkreise Jena und Gera sowie die Landkreise Saalfeld-Rudolstadt und Sonneberg neu zu den bestehenden Risikogebieten hinzu. In Hessen wurden drei neue Risikogebiete ausgewiesen, der Main-Kinzig-Kreis, der Landkreis Groß Gerau sowie der Stadtkreis Darmstadt.

Das Klima wird günstiger für Zecken

Als Gründe für die steigenden FSME-Zahlen vermutet das RKI mehr Freizeitaktivitäten im Freien, aber auch ein erhöhtes Bewusstsein bei Ärzten. Mit wärmeren Wintern und längeren Sommern gibt es darüber hinaus günstigere Klimaverhältnisse für Zecken. Stärker vermehrt haben sich auch Nagetiere wie Mäuse, die wichtige Wirte für Zecken sind.

Die meisten registrierten Patienten wurden in Deutschland gebissen, einige Infektionen stammten von Stichen im Ausland. Von 511 Infektionsorten in Deutschland liegen 269 in Baden-Württemberg und 182 in Bayern. Weit weniger Fälle gab es in Hessen, Rheinland- Pfalz und Thüringen. Vereinzelt kamen Meldungen aus Sachsen, Sachsen- Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Nicht betroffen sind bisher Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Berlin, Nordrhein-Westfalen und das Saarland.

Jens Lubbadeh

Zecken und die Krankheiten, die sie übertragen

Zecken sind Blutsauger, die Vögel, Reptilien und Säugetiere befallen. Ihr Biss ist an sich harmlos, doch die bis zu vier Millimeter großen Spinnentiere können gefährliche Krankheiten auf den Menschen übertragen. In Deutschland sind das vor allem die bakterielle Lyme-Borreliose und - in bekannten Risikogebieten - die von Viren ausgelöste Hirnhautentzündung Frühsommer- Meningoenzephalitis (FSME), gegen die es eine Impfung gibt.

Zecken beißen vor allem von März bis Oktober zu. Ihr bevorzugter Aufenthaltsort sind hohe Gräser und Unterholz. Nach abgeschlossener Mahlzeit sind sie bis zu drei Zentimeter groß. Blutsauger sind bei Zecken nur die Weibchen.

Frühsommer- Meningoenzephalitis (FSME) und Impfung

Die Gefahr, dass eine Zecke einen Menschen mit FSME infiziert, ist eher gering. In den Risikogebieten sind laut Süss 0,1 bis maximal fünf Prozent der Zecken mit dem Erreger infiziert. Da die Viren bevorzugt in den Speicheldrüsen der Tiere sitzen, wechseln sie schon kurz nach dem Stich auf den Wirt - im Gegensatz zur Übertragung von Borrelien, zu der meist längeres Saugen nötig ist.

Aber für beide Erkrankungen gilt: Je länger eine infizierte Zecke saugt, desto mehr Erreger kann sie übertragen, und desto höher ist das Erkrankungsrisiko. Eine FSME-Infektion verläuft laut RKI bei etwa 70 Prozent der Menschen ohne Symptome. Bei den übrigen 30 Prozent verursachen die im Blut zirkulierenden Viren nach ein bis zwei Wochen Symptome einer Sommergrippe wie leichtes Fieber sowie Kopf- und Gliederschmerzen, die schnell wieder abklingen. Meist ist die Infektion damit beendet. Nur bei etwa einem Drittel dieser Personen erreichen die Viren das Zentrale Nervensystem (ZNS): Etwa eine Woche nach dem Abflauen der ersten Phase folgt ein zweiter Schub mit hohem Fieber, Übelkeit und Erbrechen, in schweren Fällen sogar Nackensteifheit, Bewusstseinstrübungen und Lähmungserscheinungen. Rund ein bis zwei Prozent dieser ZNS-Infektionen enden tödlich. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf.

Die Erkrankung lässt sich nicht ursächlich behandeln, Ärzte können lediglich die Symptome lindern. "Wenn die Virusinfektion anläuft, kann man nichts mehr machen", sagt Peter Kimmig vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg. Deshalb rät das Robert-Koch-Institut potenziell gefährdeten Einwohnern und Besuchern von Risikogebieten zu einer Impfung. Schutz bietet erst die zweite Vakzine, die gewöhnlich drei bis vier Wochen nach der ersten folgt. Die dritte Dosis wird ein Jahr später gegeben und verlängert den Schutz je nach Alter auf drei bis fünf Jahre. "Die neuen Impfstoffe sind sicher und sehr wirksam", betont Süss.

Lyme-Borreliose

Die Lyme-Borreliose wird von Bakterien ausgelöst und ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) die häufigste durch Zecken übertragene Erkrankung in Europa. Etwa 5 bis 35 Prozent der Zecken sind mit Borrelien befallen. In Deutschland erkranken dem RKI zufolge etwa 0,3 bis 1,4 Prozent der Betroffenen nach einem Zeckenstich an einer Infektion mit diesen Bakterien. Experten schätzen die Zahl der nicht überall meldepflichtigen Neuerkrankungen hier zu Lande auf bis zu 60.000 im Jahr. Die Borreliose, die sich oft durch einen ringförmigen Hof um die Stichstelle bemerkbar macht, ist im Frühstadium mit Antibiotika gut behandelbar, eine Impfung gibt es nicht.

Ein Zeckenbiss - was nun?

Bei einem Zeckenbiss sollte man am Besten zum Arzt gehen, der eine Infektion mit FSME oder Borreliose erkennen kann.

Klebstoff, Öl oder andere Hausmittel sollten im Falle eines Zeckenbisses in der Schublade bleiben. Im Todeskampf sondern die manchmal infektiösen Spinnentiere vermehrt Flüssigkeit ab, womit die Übertragungsgefahr von lebensbedrohlichen Krankheiten rapide ansteigt, wie die Johanniter Unfall Hilfe warnt. Zecken übertragen die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und Borreliose.

Notfalls lässt sich die Zecke mit einer speziellen Zeckenpinzette entfernen, teilte die Unfall Hilfe mit. Diese setzt man direkt über der Haut an und hebelt die Zecke vorsichtig heraus. Je kürzer die Zecke am Körper war, desto geringer ist die Gefahr einer Infektion.

Irrtum 1: Zecken springen von Bäumen

"Absoluter Unsinn", sagt Zecken-Experte Jochen Süss, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Krankheiten, die durch Zecken übertragen werden.

"Biologisch können Zecken nicht springen. Sie warten auf Grasspitzen, im Unterholz oder auf Sträuchern, bis sich ein Opfer nährt. Das Opfer selbst streift die Zecke ab, die auf dem Wirt herumkrabbelt, bis sie einen geeigneten Platz gefunden hat."

Irrtum 2: Lange Hosen und T-Shirts schützen

"Leider nicht", stellt Jochen Süss richtig. "Zecken krabbeln durch die Bündchen auch von langen Hosen und Pullis. Ausreichend Schutz vor einem Zeckenbiss und einer Ansteckung mit FSME bietet nur eine Impfung."

Irrtum 3: FSME-Impfungen sind nur für Personen sinnvoll, die viel im Freien sind

Diese Aussage traf früher zu, als 90 Prozent der Patienten sich den FSME-Erreger bei der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit einfingen, weil sie von einer Zecke gebissen wurden. In den letzten Jahren hat sich die Zahl umgekehrt und die meisten Menschen infizieren sich in ihrer Freizeit mit FSME. Das liegt auch daran, dass gefährdete Berufstätige fast alle geimpft sind.

Irrtum 4: Zecken müssen im Uhrzeigersinn herausgedreht werden

Auch wenn sich dieses Gerücht hartnäckig hält, ist es falsch. "Zecken haben zwar Widerhaken, aber kein Gewinde an ihrem Saugrüssel", sagt Zecken-Experte Süss. "Am besten ist eine einfache Pinzette, die möglichst hautnah angesetzt wird. Dann die Zecke herausdrehen - Richtung beliebig - ohne sie zu quetschen.

Irrtum 5: Zecken mit Klebstoff oder Öl töten

"Bloß nicht", warnt Jochen Süss. "Zecken haben ihre Atemöffnungen am Hinterleib. Werden diese mit Uhu oder Öl verstopft, kriegt die Zecke keine Luft mehr, bekommt Stress und spuckt mehr Speichel und damit möglicherweise Erreger in die Bisswunde.

Irrtum 6: Ein harter Winter tötet Zecken

Leider hat auch ein frostig-kalter Winter keinen Einfluss auf die Anzahl der Zecken. Vielmehr kann auch schon ein milder Tag im Winter Zecken aus ihrem Winterschlaf locken.

Irrtum 7: Knoblauch schützt vor Zecken

"Leider nein. Knoblauch ist kein Schutz gegen Zecken", sagt Jochen Süss. Gegen eine Ansteckung mit FSME hilft nur eine Impfung und gegen Borreliose nur das schnelle Entfernen der Zecke.

Irrtum 8: Zecken lieben weibliche Wirte

Zecken haben bestimmte Vorlieben, aber sie stehen nicht auf weibliche, sondern auf männliche Opfer. Die besondere Zusammensetzung des Schweißes entscheidet, ob die Zecke reagiert und sich am Wirt festkrallt.

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