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stern-Gespräch

Ostdeutscher Frust: Autor Clemens Meyer: "Eine Ruhrpott-Tour würde manchem Ossi die Augen öffnen"

Clemens Meyer, Sachse und Autor, schreibt schonungslos über die Nachwendezeit. Er hat ein paar ganz eigene Antworten auf die Frage, wie die AfD so erfolgreich werden konnte.

Von Karin Stawski und Jan Rosenkranz

Schriftsteller Clemens Meyer

Warum zeigen Ossis und Wessis eigentlich immer mit dem Finger aufeinander? "Solidarität!", fordert der Leipziger Clemens Meyer.

Hat der Osten wieder mal so gewählt, wie es dem Westen nicht gefällt?

Kann schon sein, dass das dem Westen nicht gefällt. Aber wir sind ja angeblich seit 1990 ein Land, also sind alle Entwicklungen, die hier stattfinden, gesamtdeutsche Entwicklungen. Und wenn man es ganz radikal sieht, ist die Lage jetzt ein westdeutsches Verdienst. Als damals der Osten dem Westen anheimfiel, ist vom Osten nichts geblieben. Nichts, nichts. Es gab ja nicht einmal den Gedanken zu sagen: Was ist in diesem gescheiterten Land erhaltenswert?

Das klingt sehr nach Ossi-Opferrolle!

Natürlich müssen wir uns an die eigene Nase fassen. Aber wenn man sich nur mal die Führungskräfte der AfD anguckt: Fast alles Wessis! So wie die Neonazi-Kader, die nach der Wende rüberkamen, um zu rekrutieren. Und es war ein west-importierter Ministerpräsident, der in den Neunzigern radikal geleugnet hat, dass es in Sachsen ein Neonazi-Problem gibt – auch wenn es jeder sah. Da kann sich auch der Westen mal an die Nase fassen.

Ist das nicht zu einfach, die Verantwortung für das Erstarken der Rechten dem Westen zuzuschieben?

Mag sich so anhören. Und sicher, hinzu kommt mal eben die komplette Verän­derung der Welt. Wenn ich mein T-Shirt in Bangladesch nähen lasse, wenn der günstige Tiefkühlfisch vor Afrikas Küsten weggefischt wurde, muss ich mich nicht wundern, dass die Menschen hinterherkommen. Mich wundert nur, dass diese Völkerwanderung nicht schon früher begonnen hat. Sie ist der Preis, den die westliche Welt zu zahlen hat.

Schriftsteller Clemens Meyer

Schriftsteller Clemens Meyer, 41, lebt mit seiner Familie in Leipzig. Als Kind lief er auf den Montagsdemonstrationen mit. Er schlug sich als Bauarbeiter und Wachmann durch, bevor er 2006 mit dem Nachwende-Roman "Als wir träumten" bekannt wurde. Zuletzt erschien "Die stillen Trabanten".

Also ist der Kapitalismus schuld am Frust im Osten?

Mit schuld. Aber man muss den Ostdeutschen schon sagen: Leute, was regt ihr euch auf, ihr habt den Kapitalismus und den Kon­sum selbst herbeigeschrien. Ich erinnere mich an eine Szene kurz vor der Währungsunion, mitten in Leipzig, da verkauften Wessis auf der Straße für 4,50 D-Mark überlagerten Joghurt, riesige Becher. Die Leute standen Schlange, rissen den Deckel ab und schütteten sich das Zeug in den Hals. Daneben war ein Stand mit Ost-Eis am Stiel für 50 Pfennig, das hab ich gekauft.

War die Wende also eher ein Aufstand der Gierigen als eine linke Revolution?

Anfangs war sie schon eine linke Bewegung. Kirchliche Kreise, Alternative, Umweltbewegte, wenige Mutige, die sich schon im Sommer 89 vor der Nikolaikirche versammelten. Im Herbst kam dann die breite Masse, und die rief nicht mehr "Wir sind das Volk", sondern "Wir sind ein Volk". Damit war es gelaufen. Die Mehrheit entschied sich für Helmut und die D-Mark.

Sie waren damals mittendrin, mit zwölf Jahren. Ihre Mutter hat Sie zu den Montagsdemos in Leipzig mitgenommen. Wie erlebten Sie diese wilden Monate?

Für mich war die Zeit der Abschied von der Kindheit. Ich habe gespürt, hier passiert etwas, da setzt eine Dynamik ein, die niemand bremsen kann.

Regt es Sie auf, dass die AfD plakatiert hat "Vollende die Wende"?

Na klar! Auch in meinem Bekanntenkreis sprechen Leute plötzlich von der "DDR 2.0", in der wir angeblich leben. Das ist so absurd. Da sag ich: "Ihr habt doch selbst in der DDR gelebt, es gab nicht mal Pressefreiheit." Aber viele empfinden die heutige Zeit eben auch als Meinungsdiktatur. "Man darf ja nicht mal mehr sagen...", sagen sie und merken gar nicht, dass dieser Satz in dem Augenblick, in dem sie ihn aussprechen, schon falsch ist. Woher kommt das? Das ist mir völlig fremd.

In Sachsen hat die AfD nun 27,5 Prozent geholt, in Brandenburg 23,5. Ist das eine Katastrophe? Oder ist die Katastrophe ausgeblieben? Immerhin ist die Partei nicht stärkste Kraft geworden!

Es ist keine Katastrophe, aber dass diese Partei in Sachsen auf die 30 Prozent zumarschiert, dass in Brandenburg sogar einer wie dieser Kalbitz die Leute nicht verschreckt, das ist bitter. Da kann man nicht mehr von Protestwählern sprechen.

Abgeschmiert ist dagegen die Linke. Dient jetzt die AfD den Protestlern als Ost-Identitäts-Partei?

Die Linke hat völlig versagt. Sie stand immer auch für die Menschen, die sich nicht im Westen angekommen fühlen und nicht von der Politik repräsentiert sehen. Ich wünschte mir für den Osten eine wählbare Linke, die für echte Alternativen steht, für Utopien jenseits des Kapitalismus. Da hat die AfD ja rein gar nichts zu bieten.

Offenbar wählen nicht nur alte Ostler die AfD, sondern vor allem Jüngere. In Sachsen liegt die Partei bei allen Wählern zwischen 18 und 45 Jahren vorn. Sind die auch schon alle frustriert?

Für Leipzig würde ich das immer abstreiten, aber in den ländlichen Regionen gibt es davon sicher einige. Die einen fühlen sich abgehängt, andere suchen die Antwort auf die Zumutungen der Globalisierung im Völkisch-Nationalen.

Was ist eigentlich schlimmer, das Wahlergebnis oder die Ost-Debatte, die es mal wieder ausgelöst hat?

Eindeutig das Wahlergebnis! Nach der Europawahl, als die AfD schon in manchen Wahlkreisen stärkste Partei geworden war, konnte man ja ahnen, wo es hingeht. Auch diesmal hab ich wieder gedacht: Verfluchte Scheiße, was ist hier los?

Ja, was ist denn hier los?

Alle tun immer so überrascht. Mensch, warum wählen die denn bloß rechts?! Das kommt nicht aus dem Nichts, das hat Tradition. In den Fußballstadien der DDR herrschte offener Rassismus, Sprüche wie "Juden Berlin" hab ich selbst noch gehört. Wurde alles unter den Teppich gekehrt, durfte nicht sein in der antifaschistischen DDR. Es gab in ihrer Endphase eine unglaubliche Verrohung, Gewalt, auch zwischen Kindern und Jugendlichen. Ich wurde verdroschen, bedroht, einmal hatte ich einen riesigen Nagel am Hals, und keiner half. Es war, als wären die Prinzipien der Pioniere, der Solidarität, ins Gegenteil verkehrt. Nach der Wende explodierte das. Und irgendwann saß eine DVU im Landtag von Sachsen-Anhalt, und in Sachsen gab es eine starke NPD.

Kann man die mit der AfD vergleichen?

Na ja, die NPD hatte Typen wie Holger Apfel, die haben den Hitler-Gruß gemacht, und einer brachte eine Pistole ins Parlament. Die konnte man nicht ernst nehmen. Jetzt haben wir es mit anderen Leuten zu tun, die geben sich bürgerlicher. Wessis wie: Gauland, Höcke, Storch, Kalbitz, Kubitschek. Eigentlich unglaublich! Was wollen die bei uns im Osten? Bitte geht zurück!

Die werden aber hier gewählt, und das, obwohl doch so vieles besser geworden ist: Städte saniert, Straßen gebaut, Arbeitslosigkeit bei nur knapp sieben Prozent.

Für die meisten Menschen fühlt sich dieser Aufschwung noch immer sehr fragil an. Bis heute gibt es keine gewachsene Mittelschicht. Wer jetzt dazu gehört, hat sich das nach der Wende selbst mühsam aufgebaut. Ich kenne niemanden, der größeres Vermögen besitzt oder Aussicht auf ein nennenswertes Erbe hätte. Im Westen ist das Geld über Generationen angespart worden. Der Osten hatte dafür erst 30 Jahre Zeit – und das waren nicht die leichtesten.

Die Menschen fürchten, ihr kleines Glück könnte wieder zerbrechen?

Diese Angst ist total verbreitet. Die Erfahrung, dass alles plötzlich nichts mehr wert ist, sitzt vielen bis heute im Nacken. Natürlich gibt es auch diese komische Neid­geschichte. Man findet immer jemanden, der sagt: "Ach, die Ausländer, die kriegen so viel Geld." Stimmt nicht! "Aber die haben immer teure Klamotten an." Quatsch, die gehen zu Primark!

"Die Russen gingen, die Kanacken kamen", sagen die Wachleute in Ihrem Buch "Die stillen Trabanten". Woher kommt diese Ablehnung von Fremden im Osten?

Es ist eher Angst als Hass, glaube ich. Und vielleicht ist diese Angst vor dem Fremden in Ostdeutschland wie auch in den osteuropäischen Ländern so verbreitet, weil man lange abgeschottet war. Man kam nicht raus, aber es kam eben auch niemand rein. Abgesehen von den paar Tausend Vertragsarbeitern aus Vietnam oder Mosambik war man Fremde nicht gewöhnt. Als es nach der Wende ein paar mehr Ausländer wurden, hatten viele Ostdeutsche gleich die Wahrnehmung: Die stehen nur am Bahnhof und verkaufen Drogen. Und das gab es ja auch.

Viele stören sich doch schon an den ganz legalen Geschäften, dem türkischen Imbiss, der vietnamesischen Schneiderei.

Mit Leuten, die so drauf sind, kann man kaum noch sprechen. Aber das gilt nicht für den Großteil derer, die jetzt AfD wählen. Die darfst du nicht aufgeben. Und die stößt du vor den Kopf, wenn du von oben herab sprichst. So wie zum Beispiel in Görlitz, als sich vor der Bürgermeisterwahl im Juni plötzlich alle möglichen Leute zu Wort meldeten, auch Schriftsteller, und zu einer Einheitsfront gegen die AfD aufriefen. Die waren in ihrem Leben noch nie in Görlitz gewesen. Da sagt der Görlitzer: Was wollt ihr Abgehobenen denn von uns?!

Anders ließ sich ein AfD-Bürgermeister aber nicht mehr verhindern!

Das zeigt, wie verfahren die Lage in manchen Regionen ist. Zwickau, ein Viertel der Einwohner weg. Gera, ein Viertel weg. Die Industrie kaputt, die Gruben geschlossen. Die Verbliebenen, das sind die Frustrierten. Da bekommt die AfD eben ein Drittel der Stimmen, auch wenn es dort noch immer kaum Ausländer gibt. Die Leute sagen: Wir wollen ja, dass das so bleibt!

Nehmen wir die Jungs aus Ihrem Roman "Als wir träumten", Rico, Danie, Pitbull, die durch das Leipzig der Nachwendejahre taumelten. Wie wären die heute drauf?

Die würden nicht AfD wählen.

Weil sie von Rechten verprügelt wurden?

Weil sie sich nicht in eine Herde begeben würden. Wo Herden herumziehen, wird es schnell stumpfsinnig.

Herr Meyer, Sie sind doch Boxer.

Sagen wir Box-Fan, ich betreibe seit Jahrzehnten keinen Sport mehr.

Hat der Osten ein Glaskinn?

Glaube ich nicht. Vielleicht ist es schwach. Aber der Osten steht immer wieder auf, vor 89 und nachher.

Der Westen hat den Eindruck, der Osten jammert, kaum dass er mal eine Gerade auf die Deckung bekommt.

Aber der Osten hat auch voll in die Fresse bekommen! Man hat ihm alles genommen. Die Arbeit, den Stolz, zum Schluss die Immobilien. Diese Stadt hier, Leipzig, ist in der Hand von westdeutschen Immobilienbesitzern! Ja, ein paar Ostdeutsche haben auch Häuser. Die große Mehrheit aber hat das Gefühl, dass alles verschwunden ist, von einem Tag auf den anderen. Und das haben viele nicht verwunden.

Man kann doch nicht 30 Jahre heulen!

Bei manchen kommt es jetzt erst richtig hoch, bei anderen reißt die Wunde immer wieder auf, und bei einigen reicht dafür ein "Spiegel"-Cover mit Deutschlandhütchen und der Zeile "So isser, der Ossi". Es schreibt schließlich niemand "So isser, der Ruhrpottler". Das trifft bei vielen auf eine spezielle Gefühlslage: Da werden wir schon wieder bevormundet, da wird uns schon wieder erklärt, wie wir funktionieren.

Ist Ossi-Sein Teil Ihrer Identität?

Nee. Aber wenn ich auf Lesereisen durch das Land fahre, suche ich schon immer noch, wo die Grenze war. Und natürlich ist einiges nicht ohne meine Herkunft zu erklären. Die Kinderhymne von Brecht etwa, die ist für mich existenziell. "Und weil wir dies Land verbessern/lieben und beschirmen wir’s./Und das liebste mag’s uns scheinen so wie andern Völkern ihrs." Ich finde auch, man hätte Deutschland 1990 eine neue Nationalhymne geben müssen, aber wir haben weiter diesen Fallersleben-Mist. Auch nur übergestülpt.

Es war ein Beitritt, keine Vereinigung.

Richtig, und der Ossi wollte es so. Ich war hier auf dem Augustusplatz mit zwölf, als über 300000 Helmut Kohl zujubelten. Er hat den Ossis die Einheit versprochen und blühende Landschaften.

Und inzwischen blühen sie auch!

Die Landschaften schon, das stimmt. Haben wir ja alles vergessen: Die DDR war nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch am Ende. Als Kind fuhr ich oft durch Bitterfeld, wir hatten in der Nähe Verwandtschaft. Damals sagte man: "Sehen wir uns nicht in dieser Welt, sehen wir uns in Bitterfeld." Das war wie bei Dante, da schlugen Flammen aus den Schornsteinen. Alles war schwarz, es stank, und nachts sah man den Himmel leuchten. Es war apokalyptisch. Und auf der anderen Seite lag der Braunkohlentagebau. Hier war alles völlig verseucht, komplett am Ende.

Heute kann man dort baden gehen.

Ich bin echter Bitterfeld-Fan. Ich liebe den Großen Goitzschesee. Das glaubt mir immer keine Sau, wenn ich sage, dass ich da schon Urlaub gemacht habe.

Aber dann könnten sich die Menschen daran doch auch mal erfreuen, oder?

Klar, die Landschaften sind begrünt, die Tagebauten geflutet, die Innenstädte saniert. Aber viele sind Potemkinsche Dörfer, hinter deren Fassaden der Frust haust, weil im Dorf, in der Stadt nichts mehr los ist.

Ist der Westen jetzt auch noch für die Party am Abend verantwortlich?

Darum sag ich ja auch: Tut mir leid, liebe Leute, dann macht was dagegen! Niemand zwingt mich, zu Hause billiges Dosenbier zu trinken. Niemand zwingt mich, bei Amazon zu bestellen. Für den Erhalt meiner Eckkneipe bin ich selbst verant­wortlich, genauso wie für den Erhalt des Einzelhandels. Und wenn ich höre, früher war mehr Gemeinschaftsgefühl: Na, dann wärt ihr doch zusammengeblieben!

Mehr Kneipen gegen die AfD?

Das Aussterben der Eckkneipen ist eine echte Katastrophe. Da hat sich viel entladen, da konnte man so ’n bisschen auf den Putz hauen. Das entlädt sich heute nur noch im Internet, und zwar oft widerlich.

Sie waren gerade für ein Jahr Stadtschreiber in Bergen-Enkheim, bei Frankfurt am Main, alter Westen – hat das Ihren Blick auf den Osten verändert?

Ich lese ja seit 2006 dauernd im Westen. Dabei entdeckt man auch Unorte wie Duisburg, die mich einfach faszinieren. Da denke ich: Gott im Himmel. Oder vor Kurzem bin ich mit dem Auto durch den ganzen Ruhrpott: Bochum, Recklinghausen – Mann, Mann, Mann, was ist denn hier los? Zechen kaputt, überall Ruinen. So eine Ruhrpott-Tour würde so manchem Ossi die Augen öffnen.

Woanders ist auch Mist – das könnte trösten?

Viele im Osten wissen nicht, wie viel auch im Westen kaputtgegangen ist. Mancher ist ja bis heute nicht wirklich dort gewesen. Es halten sich so viele Klischees: Der Besserwessi lebt im ewigen Wohlstand. Und warum schimpfen wir eigentlich ständig aufeinander? Es wäre viel sinnvoller, sich zu solidarisieren. Flaschensammler aller Bundesländer – vereinigt euch!

Und was erleben Sie auf Reisen im Osten?

Auch viel Schönes. Es gibt so viele Leute, die sich reinhängen. Ich war gerade in Ei­senhüttenstadt, es war toll. Die Chefin der Stadtbücherei war früher Bibliothe­karin des örtlichen Stahlwerkes. Da kam der Arbeiter und hat sich Bücher ausgeliehen. Wer viel liest, hat mehr Sinn für Empathie. Ich habe in der ganzen Stadt nur ein einziges AfD-Plakat gesehen. Draußen auf den Dörfern hing an jeder Laterne eins, nicht ganz oben, wo es keiner abreißen kann, sondern auf Augenhöhe.

Meinen Sie im Ernst, weil im Osten keine Bücher mehr gelesen werden?

Ich glaube an die Kraft der Literatur. Und ich ziehe meinen Hut vor jedem, der in seiner Kleinstadt gegen die Schließung der Bibliothek ankämpft. Ich bin heilfroh über jedes subventionierte Theater, das in Plauen oder Altenburg am Leben erhalten wird. Wenn das alles weg ist, dann ist es aus.

Kultur hilft gegen die AfD?

Ja. Es ist auch die AfD, die es der Kultur überall schwer macht, wo sie im Stadtrat sitzt. Darum ärgert es mich dermaßen, wenn sich Leute wie der AfD-Höcke hinstellen und von der deutschen Kultur schwadronieren. Die Ausländer verdrängen unsere Kultur? Ja, dann schickt eure Kinder in die Büchereien. Dann sollen sie Goethe zitieren und Schiller und Heine und Brecht meinetwegen. Macht ja keiner.

Kinotrailer: "Als wir träumten"

Aber die AfD ist kein Unterschichten-Phänomen. Die Partei ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

In Leipzig, nein. Woanders, ja: auf den Dörfern, in den Kleinstädten, von der Sächsischen Schweiz gar nicht zu reden. Es gab ja sogar mal eine Warnung für Reisende, die ausländisch aussehen. Dieses Denken ist bis nach Dresden in die intellektuellen Kreise vorgedrungen. Das ist mir unerklärlich. Dieses "Turm"-Bürgertum sieht jetzt seine kulturellen Werte bedroht. Ich sage: Das sind nicht meine, ich habe andere. Ich kann Goethe lesen und Balzac genau­so verehren. Aber in diesen Dresdner Kreisen geht es immer nur um das Deutsche. Da spricht die Angst vor Islamisierung – ausgerechnet in Dresden, wo das einzige vermeintlich muslimische die alte Zigarettenfabrik "Yenidze" war, die wie eine Moschee aussieht.

Was ist das: Paranoia?

Ich glaube jedenfalls nicht, dass wir vor den hier lebenden Muslimen Angst haben müssen. Aber ich finde schon, Leute, die hierherkommen, müssen sich benehmen. Manche AfD-Wähler meinen ja, das dürfe man nicht sagen, wegen der angeblichen Meinungsdiktatur. Aber klar darf ich das!

In Sachsen müssen sich nun schon drei Parteien zusammenschließen, um gegen die AfD regieren zu können – vermutlich CDU, SPD und Grüne...

Vielleicht liegt darin sogar eine Chance. Vielleicht führt das alle anderen Parteien näher zueinander, ohne alte Dogmen und Vorbehalte. So ein demokratisch-bürgerliches Bündnis könnte die Alternative sein zur vermeintlichen "Alternative".

Sie würden also keine aktuelle Reisewarnung für Sachsen aussprechen?

Nee, im Gegenteil. Ich sage: Kommt alle bitte schnell hierher! Das gibt den Leuten Auftrieb. Fahrt nach Eisenhüttenstadt, eine großartige Stadt, ein architektonisches Wunderwerk der 50er Jahre. Fahrt in die Provinzen, nach Zwickau, nach Cottbus! Lasst die Leute nicht mit dem einen lauten Viertel der Bevölkerung alleine. Macht die Dreiviertel stark.