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Medienkolumne: Models auf der Resterampe

In der "Model-WG" und der am Sonntag startenden Sendung "Die Farm" schicken RTL und ProSieben ausgelutschten Kandidaten und Konzepte in die Zweitverwertung. Mit solchen "Hybrid-Formaten" können die Sender billige Inhalte erstellen und gleichzeitig passable Quoten erzielen.

Von Bernd Gäbler

Im "Luxus-Loft" in Köln Ehrenfeld. Tessa brüllt und weint. Jemand hat ihr Parfüm geklaut. Anni hat auswärts übernachtet. Das ist gegen die Regeln. Da ist Peyman sauer. Larissa macht lieber doch ihren Schulabschluss und verlässt das Haus. Da weint Sarina. Denise hilft nicht beim Putzen. Tessa darf zu einem "Foto-Shoot" nach Ibiza. Da sind alle neidisch. Aber auf Ibiza regnet es. Das dämpft den Neid. Ständig ist was los in der "Model-WG". Angeblich. Jedenfalls müht sich ProSieben redlich, diesen Eindruck zu erwecken: durch Inszenierung, Schnitt, Ereignis-Simulation. Manches wird nur angerissen (hat wirklich jemand geklaut?), nie aufgelöst. Wichtig ist allein die Dynamik. Das wissen auch die einsitzenden Hübschen in einem "Luxus-Loft" in Köln-Ehrenfeld. Sie verhalten sich so wie sie glauben, dass es Sender und Zuschauer von ihnen erwarten. Dabei wollen sie natürlich stets "sie selbst" bleiben. In dieser Übung haben sie Erfahrung.

Hoffnung zu Tiefstpreisen


Anni und Tessa und Sarina und wie sie alle heißen sind ziemlich unbekannt, aber einige kennen sie doch. Sie waren nämlich schon einmal dabei: Bei der quotenstarken Mutter-Sendung "Germanys Next Top Model" sind sie irgendwann ausgeschieden. Ihre Weiterverwertung suggeriert nun zugleich, dass man nie aufgeben soll. Selbst den Gescheiterten winkt noch eine Chance. Die jungen Frauen sind so preiswert wie Laien, bringen aber im Idealfall dennoch schon etwas Erfahrung oder gar ein paar Fans mit, die einschalten.

Diese "C-Promis" stehen in der Hierarchie der Aufmerksamkeitsökonomie ziemlich weit unten, verfügen aber noch über ein Fünkchen Aufstiegshoffnung. Von den schrägen Vögeln und traurigen Gestalten des Boulevard trennt sie nur dieser kleiner Funke. Zur Identifikation großer Zuschauerscharen taugt er kaum. Würde der Sender aber schlicht eine B-Version von "Germany's Next Topmodel" ("GNMT) mit Peyman Amin statt Heidi Klum produzieren - es würde nicht funktionieren, zu offensichtlich wäre, dass es sich nur um eine Billigversion des Klumschen "Premiumproduktes" handelt. Darum wird nun einfach "GNTM" mit "Girls Camp" gekreuzt - und herauskommt: eine neue Sendung. Ein so genannter "Hybrid". Meist sieht man ihm an, dass er am Reißbrett der Verwerter entstanden ist und nicht dem klugen Haupt eines Kreativen entsprang.

Das teure Dschungelcamp


Einst wurde das "Dschungelcamp" für viele Sender aus aller Welt aus einem für diesen Zweck hergerichteten und technisch gut ausgestatteten australischen Freiluft-Gehege produziert. Auch für RTL. Bestechend an der Sendung war der Aufwand. Von Textern für die Moderatoren bis zum Musikarchiv flogen fast zwei Hundertschaften Personal und ein paar Tonnen Equipment mit zum Ort des Geschehens. Das war teuer. Zu teuer. Zwar könnte man dieselben "Prüfungen" auch im Safari-Park drehen oder in einer Mehrzweckhalle von Castrop-Rauxel - aber der seltsame Zauber des "Dschungel-Fakes" wäre dahin. Also gibt es in der Werbekrise kein "Dschungelcamp" mehr.

Wohin mit den liebestollen Bauern?


Deutlich preiswerter in der Herstellung, aber keineswegs mit geringerem Quotenerfolg liefen am RTL-Montagabend die von Inka Bause mit einfühlend starker Hand dem anderen Geschlecht zugeführten liebestolpatschigen Landwirte. "Bauer sucht Frau" ist selbstverständlich auch nichts als ein mediales Konstrukt - vermag aber viele Zuschauer über die eigene Liebes-Unzulänglichkeit hinweg zu trösten. Auch hier verbietet sich eine simple, als solche erkennbare Zweitverwertung.

Was also tun? Wieder lautet das Zauberwort: "Hybrid". Clever kreuzen die Programmstrategen Not ("Kein Dschungelcamp") und Erfolg ("Bauer sucht Frau") - und herauskommt: "Die Farm". Wenn sie am Sonntagabend startet, hausen da zwar keine Bauern zusammen im gefakten Dschungel, dafür aber immerhin in einem realen, heruntergekommenen Bauernhaus. Prüfungen und Aufgaben lassen sich inszenieren, Dynamik ist herstellbar, denn der Hof soll ja wieder flott gemacht werden, für "Typen" und reges Männlein-Weiblein-Ringelrein ist gesorgt. Für RTL ist überdies wichtig: Ausgedehnte Vor- und Nachbereitungen in allerlei anderen Magazin-Sendungen sind möglich.

ProSieben gelingt außerdem noch ein permanentes Überlappen in die Werbung. Wenn Parfüm geklaut wird, ist dies ein Handlungsstrang der "Model-WG", wenn sich die Möchtegern-Models aber schminken lassen, ist das meist schon die Werbepause. Zudem ist man eine Partnerschaft mit dem Versandhaus Otto eingegangen. So hat Otto die Möglichkeit, eine eigene "Model-WG"-Jeans-Kollektion zu vermarkten sowie weitere Marken des Modehauses im Umfeld des Formats zu platzieren. Da tut sich RTL mit den Bauern noch etwas schwerer.

Sind Hybrid-Formate erfolgreich?


Mit 1,45 Millionen Zuschauern in der werberelevanten Zielgruppe erfüllt die "Model-WG" die Quoten-Erwartungen nicht, dennoch schauen mehr junge Menschen zu als etwa dem Kneipengründer Giovanni Zarella, in dessen strunzlangweiligem "Doku-Soap"-Leben schon das Fehlen eines Akku-Schraubers ein Highlight ist. Und die "Model-WG" hat eine Stützungsfunktion für das Mutter-Format. "Germany's Next Topmodel" ist so stark, dass es Heidi Klum fast gelang, sogar "Wetten, dass ..?" in einen "Hybrid" zu verwandeln: Bei der Saalwette wurden Spontan-Bewerberinnen für die neue Staffel von "Germany's Next Topmodel" in die Sendung gebeten, von denen sich die Moderatorin eine heraussuchen durfte. Mit Wirklichkeit hat das nichts zu tun, mit Kunst schon gar nicht, mit Verwertung viel. Da ist noch vieles denkbar. Und das ZDF ist gewiss auch willig, bald wieder einmal Inka Bause zu Thomas Gottschalk auf das Sichelsofa zu laden.