HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Alles muss raus! Hört auf, meine Stadt zu plastinieren

Die Lieblingskneipe mit der unfreundlichen Bedienung? Weg. Der Lieblingsplattenladen - auch nicht mehr lange da. Hamburg wird zu einer Gina Lisa von einer Stadt. Micky Beisenherz über Gentrifizierung.

In der Abenddämmerung ist eine Eckkneipe in einem weißen Altbau zu sehen: Das "Bedford" am Schulterblatt in Hamburg

In den Räumen der Eckkneipe "Bedford" im Hamburger Schanzenviertel ist nun eine touristenfreundlichere, pseudohanseatische Systemgastronomie

Picture Alliance

Nur ca. fünf Meter und 30 Milliliter nackter Angstschweiß trennen mich von ihr. Ich weiß, ich muss sie ansprechen, um hier nicht zu verdursten. Womöglich wird sie auch zu mir kommen. Aber wann? Jetzt zu früh zu ihr zu gehen und sie um etwas zu bitten, kann schreckliche Folgen haben. Alles zwischen Herabwürdigung und Verbannung kann mein Schicksal werden. Und selbst wenn ich es schaffe, etwas bei ihr zu bestellen, kann eine falsche Nuance in meiner Stimme für einen irreparablen Schaden in der Kommunikation sorgen. Ähnlich wie bei den Chinesen, wo feine Unterschiede in der Tonlage demselben Wort dreißig Bedeutungen abringen, irgendwo zwischen "Entschuldigung, junge Frau, darf ich noch etwas trinken?" und  "bring mir sofort ein , Du Fotze!"

Ich habe wirklich gerne im gesessen und den spröden Charme der Bedienung genossen. Davor habe ich oft meinen Geburtstag gefeiert. Rein in den Laden, Bier geholt, mit den Pullen raus auf die Straßenecke Schulterblatt/Susannenstraße, den ganzen Bekloppten beim Beklopptsein zugesehen und "die Schanze" auf mich wirken lassen.

Das Bedford gibt es nicht mehr. Da drin ist jetzt eine wesentlich touristenfreundlichere, pseudohanseatische Systemgastronomie, deren Name Ortsunkundigen vermutlich den Eindruck vermitteln soll, sie befänden sich in einem Heinz Strunk- Roman.

Gegenüber ist die , so etwas wie die Elbphilharmonie der linksalternativen Szene, und wartet eigentlich nur darauf, dass man ihr mit einem McDonalds ein künstliches Herz einpflanzt.

Es läuft in vielen Städten schief

Das Schulterblatt in steht exemplarisch für das, was in vielen (deutschen) Großstädten fürchterlich schief läuft.

Gerade jetzt muss mit Zardoz einer dieser typischen Plattenläden weichen, die ich so gerne nach der allsamstäglichen Frühstücksrunde besuche.

Die Immobilienfirma, in deren Räumen man sich bislang noch befindet plant anders oder kurz: hochpreisiger.

Hier habe ich die Bill Evans- Platten gekauft, das alte "Hello I must be going"-Album von , das ich bisher nur auf dem iPod besaß (okay, und auf der 90er TDK-Kassette, die mein Bruder mir im Sommer 1986 aufgenommen hatte). Aus diesem Geschäft bin ich mit der letzten Bon Iver LP heraus spaziert, mit einem Gefühl wie zuletzt, als ich mir bei Schallplatten Müller in Castrop-Rauxel vom Kommunionsgeld den Soundtrack von Rocky IV gegönnt habe.

Hier darf man noch russisches Mimik-Roulette spielen, gespannt abwarten, mit welcher Miene dich der eigenwillige Ladeninhaber mustert, wenn du beispielsweise nach der neuen Killers-Platte fragst oder wissen möchtest, ob sie irgendwo auch was von den Fu Schnickens haben und er diese Frage mit einem Blick goutiert, als sei er nach einer Schachtel Scheibenscheiße gefragt worden.

Ist das nicht wunderbar.

Erlebnisse, die Du in diesen verkackten Balzac-Filialen mit ihrer genormten Freundlichkeit gewiss nie haben wirst.

Kampf gegen jedwede Form von Individualismus

Ich will Unberechenbarkeit, verdammte Scheiße!

Ich will mich vor dem Personal auch mal fürchten dürfen.

Ich will mit den Augen rollen, weil in der Schanzenbücherei auf den ersten Blick nur Hysterikerinnenprosa erhältlich scheint.

Ich will dieses Zoogeschäft mit Schwerpunkt Aquaristik, dessen Schaufenster mich mit seiner grenzenlosen Eingesperrtheit so schön traurig macht.

Der Modellbaufachhandel, dessen Front aussieht wie die Masturbationsfantasie eines Revellfetischisten.

Die Taverna Romana mit dem gütigen Griechen, der natürlich immer schon Rumäne war, wo ich so gerne Fußball schaue, Forelle fresse und mit dem Personal tiefschürfende Belanglosigkeiten austausche.

So soll das sein, so liebe ich das, nur:

In Zeiten, in denen jedewede Form von Individualismus bekämpft zu werden scheint - warum sollte es dem Einzelhandel und den Gastronomien anders gehen?

Alles verschwindet. Und wird ersetzt durch Filialen großer Ketten, die es geschafft haben, dass es in New York teilweise kaum noch anders aussieht als in Leverkusen.

Die kleinen, feinen Läden werden aus den Ladenlokalen geschmissen, bluten aus, werden ins Exil geschickt, nur, damit man dort, wo man gestern noch Ayran getrunken hatte, zum Double Frappucino Chai Latte die x-te verschissene Weekday-Baseballjacke kaufen kann.

Es ist zum Kotzen.

Und hat unterschiedliche Gründe: Selbstverständlich fällt es den großen Konzernen leichter, die horrenden Mieten für die Ladenlokale zu zahlen, bei denen kleine Einzelhändler sich fast wünschen, der Vermieter hätte zumindest den Mindeststandard an Ehrgefühl wie die albanische Schutzgeldmafia, die dann und wann vorbeikommt.

Unser Kaufverhalten macht einen Unterschied

Aber auch unser Konsumverhalten trägt natürlich dazu bei. Es hilft ja nix, vor der tollen Editors-Platte zu schwärmen, wenn man das Album dann doch nur bei Spotify hört oder das Gorkow-Buch bei Amazon bestellt.

Ich für meinen Teil kriege es ziemlich gut hin, fast ausschließlich beim "Local Dealer" meine Hosen (bei Blue de Genes habe ich quasi den Fußboden bezahlt!), Spielzeug oder Bücher zu kaufen.

Das sage ich gewiss aus einer bequemen Position. Würde ich noch in meinem Heimatdorf, der Ruhrgebietstoskana Henrichenburg leben, wäre es bedeutend schwieriger, ohne Internet oder sehr lange Fahrten an all die begehrten Produkte zu gelangen. Aber das ist nicht der Punkt:

Da niemand nur gut sein kann, muss es der persönliche Anspruch sein, so wenig wie möglich zum ignoranten Arschloch zu verkommen.

Eine Disziplin, in der ich mich mit wechselndem Erfolg versuche.

Wohnen ist die eine Sache.

Und dass ich den ganzen Gentrifizierungsirrsinn mitmache, dabei helfe, den Mietspiegel nach oben zu treiben, weil ich bereit bin, so lange es mir möglich ist, für eine 100qm-Wohnung dasselbe zu zahlen wie für eine Villa in Bochum - geschenkt. (In bereits fünf bis zehn Jahren wird man mich um den "alten" Vertrag beneiden, weil Hamburg dann genau so teuer sein wird wie London, Paris, New York.) Schlimm genug.

Schon klar, auf mich hat da auch keiner gewartet.

Da, wo ich mir nur selbst begegne, möchte ich nicht leben.

Dafür allerdings würde ich gerne weiterhin in einem Viertel wohnen, das durch seinen ranzigen Charme glänzt. Mit all den Kneipen, den Uhrmachern und dem Fussbodenschleifmaschinenverleih.

Städte ohne Einheimische?

Dabei muss man fast noch dankbar sein. In Prag, Venedig oder Barcelona zum Beispiel sind kaum noch Einheimische, weil Immobilienbesitzer den innerstädischen Wohnraum lieber via AirBnB anbieten, anstatt klassisch zu vermieten.

Abgesehen davon, dass ehemalige beliebte Viertel so überschwemmt von Touristen sind, dass die "Natives" keinen Bock mehr haben, sich dort aufzuhalten.

Aber nehmen wir mal an, Touristen seien normale Menschen: Auch die kommen sicher nicht, um in einem "coolen, versteckten Indie-Viertel" (Marco Polo- Reiseführer) einen Kaffee zu trinken, den sie so genau auch in Gütersloh bekommen können.

Alles verschwindet

Der Central Park in Hamburg, das Underground in Köln-Ehrenfeld, die Schwabinger Sieben in München. Alles verschwindet. Alles muss raus. (Von der Reeperbahn, die zu einem einzigen Megapark mit Fresstempeln verkommen ist und Kiezlegende Michel Ruge einen einsamen Kampf zu führen scheint, ganz zu schweigen.) Eine Stadt wird plastiniert, wird zu einer Gina Lisa von einer Stadt.

Ursprünglich durchaus schön, mit einem angenehm asozialen Charme, wird das unperfekt Hübsche mehr und mehr durch konventionelle Bauteile ersetzt, umgebastelt, falsche Teile implantiert, bis am Ende nichts mehr an die ursprüngliche Beauty erinnert, sondern zu einer uniformen Attraktion verkommt, die wie frisch aus dem Stanzwerk nur noch Leuten gefallen kann, die in den Urlaub nach Dubai fliegen oder im Foodcourt essen gehen.

Ich kann und will das nicht verstehen.

Es ist traurig zu sehen, dass es nicht nur Immobilienspekulanten (logo), sondern auch den Stadtoberen, der Politik egal zu sein scheint, was mit dem urigen Einzelhandel, dem türkischen Kiosk mit den herrlich kaputten auf den Bierbänken davor, den eigenwilligen Bars, Cafés und ranzigen Clubs geschieht.

Es ist mir unverständlich, wie man so wenig auf die Mosaiksteine einer städtischen Identität geben kann.

Eine Stadt ist nicht nur die Elbphilharmonie, sondern die Summe ihrer individuellen, kleinen, coolen Teile.

Es ist ignorant, grob fahrlässig, ja, fast schon böswillig, Läden wie zum Beispiel Zardoz den Schutz zu verwehren.

Unterlassene Hilfeleistung bei h&mmungsloser Verstarbuckung.

Es heißt Hamburg-, nicht REWE City.

Ich will nicht Westworld.

Ich will kein Pleasantville.

Ich hätte gerne eine lebendige Stadt.

 

Danke.


Mit freundlichem Gruß,

ein besorgter Gentrifizierer