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Andreas Gabalier: Der Trachtkerl

Andreas Gabalier ist die männliche Antwort auf Helene Fischer und berühmt für seinen super "Oarsch". Unterwegs mit einem Massenphänomen.

Von Nora Gantenbrink

Der österreichische Musiker Andreas Gabalier begeistert auch in Deutschland die Fans - wie hier auf der Berliner Waldbühne

Der österreichische Musiker Andreas Gabalier begeistert auch in Deutschland die Fans - wie hier auf der Berliner Waldbühne

Später am Abend wird Andreas Gabalier mit einer Wurst in der Hand auf der Bühne stehen. Die Wurst kommt aus dem Publikum geflogen, eine Bifi ohne Verpackung, und Gabalier muss sich entscheiden: Ignorieren? Zurückwerfen? Bis die Entscheidung fällt, werden noch sieben volle Stunden vergehen. Jetzt ist erst einmal Soundcheck. Einen Tag zuvor stand der Weltstar Elton John hier auf der Freilichtbühne in Fulda. Für Elton John gab es noch Karten. Andreas Gabaliers Konzert ist ausverkauft. Gabalier, 29, trägt Karohemd und Jeans und sieht ziemlich normal aus, erst abends wird er sein "G'wand" anziehen.

Madonna ließ sich während ihrer Shows an ein Kreuz fesseln, Lady Gaga sprühten Funken aus ihren Brüsten. Ozzy Osbourne biss einer lebenden Taube den Kopf ab. Andreas Gabalier tritt in Lederhosen und mit steirischer Ziehharmonika auf. Doch während andere Musiker jahrelang auf ihren Durchbruch warten, kam er bei Gabalier schnell. Er gilt als Next-Generation- Schlagerkind, als die männliche Antwort auf Helene Fischer. Über 1,6 Millionen verkaufte Alben. Viermal Gold, zweimal Platin. In Deutschland erlangte er fernab von Hüttengaudis und Schlagerpartys vor allem durch die Fernsehsendung "Sing meinen Song" von Xavier Naidoo Aufmerksamkeit.

Brüche in der heilen Welt

Gabaliers Geschäft ist die heile Welt, doch so heil ist seine eigene Welt nicht. Nach dem Soundcheck sitzt er in seinem Künstlercontainer hinter der Bühne, isst Obstschnitze und erzählt von sich. Gabalier wurde in einem Vorort von Graz geboren, als zweitältester Sohn eines Architekten und einer Lehrerin. Eine liebevolle Mittelstandsfamilie, eine jüngere Schwester, ein jüngerer Bruder. Vier waren sie insgesamt. Gabalier sagt, dass es eine schöne Kindheit war. Die Wochenenden verbrachte er meist bei seinen Großeltern auf dem Dorf. Er ging mit seinem Opa in den Wald Rehböcke jagen oder half ihm, den Traktor zu reparieren. Nach dem Abitur begann er ein Jurastudium. Bis dahin schien alles gut. 2006 brachte sich sein Vater um. Er rannte aus dem Haus, übergoss sich mit Benzin, zündete sich an und ging in Flammen auf. Bis heute weiß niemand, warum er das tat. Er schrieb keinen Abschiedsbrief. "Vielleicht ist es auch irgendwann besser, es nicht zu wissen", sagt Gabalier. 2008 brachte sich seine Schwester um. Sie rannte aus dem Haus, übergoss sich mit Benzin, zündete sich an und ging in Flammen auf. Es war ihr nicht gelungen, den Tod des Vaters zu verkraften. Sie wurde 19 Jahre alt.

Nach dem Tod von Vater und Schwester kaufte sich Andreas Gabalier eine steirische Harmonika und brachte sich selbst das Spielen bei. Er saß auf der Alm und musizierte stundenlang. Er sagt, dass es ihm danach besser ging. Er sagt, dass ihm die Harmonika Halt gab. Es war seine Art zu trauern. Damals schrieb er ein Gedicht für Vater und Schwester, aus dem später ein Song wurde. Es ist sein bestes Lied, der Refrain geht so: Amoi seg ma uns wieder/ Amoi schau i a von obm zua/ Auf meine oitn Tag leg i mi dankend nieder/ Und moch für olle Zeitn meine Augen zua.

Vielleicht gibt es nur zwei Möglichkeiten, wenn einem etwas so Grausames widerfahren ist wie Andreas Gabalier: Man fängt an, das Leben sehr zu hassen oder sehr zu lieben. Man geht kaputt oder achtet darauf, dass man es eben nicht tut. Er selbst sagt: "Ich hätte meiner Schwester gerne gesagt: Tu es nicht."

Gabaliers Bruder Willi ist professioneller Tänzer, sein kleiner Bruder will vielleicht Kabarettist werden, er soll so lustig sein. Auch Andreas Gabalier singt heute vor allem fröhliche Lieder.

Um halb sechs an diesem Abend in Fulda gibt es ein "Meet and Greet" mit zehn Menschen, die ein persönliches Treffen mit ihrem "Andi" gewonnen haben. Sieben Frauen und drei Männer sind gekommen und grinsen selig. Brigitte und Michaela, Dieter, Anja und Marita. Gabalier setzt sich zu ihnen an den Tisch und erzählt, dass er gerade richtig viel Rindfleisch gegessen habe. Und dass er sich immer wieder wundere, wie schön die deutschen Städte seien.

Marita Kreis, eine elegante, ältere Dame im schwarz-pinken Dirndl, ist mit ihrem Ehemann da. Es ist ihr drittes Konzert mit Andreas Gabalier. Sie ist ein richtiger Fan. "Herr Gabalier, ich habe Ihnen etwas mitgebracht", sagt sie. "Jo, was ist denn des Schönes?", fragt Gabalier, während er auspackt, dann hält er ein Buch in den Händen und liest vor: "Fulda, ein Führer, ein F-Ü-H-R-E-R durch die Barockstadt." Er zieht die Augenbrauen hoch, die Mundwinkel nach unten. "Jessas, mit dem Führer will i nix zu tun habn", sagt er. Gelächter.

In Österreich und auch in Deutschland gab es zuletzt Ärger. Die "taz" hielt Gabalier vor, "Blut-und-Boden"-Lieder zu spielen. Einige linke Meinungsführer sahen in Gabalier keine Kunstfigur, sondern eine Bedrohung. Heimatsehnsucht, klassische Rollenverteilung, Volksnähe. Als "nationalsexuell" bezeichnet die "taz" seine Lieder, er sei rechts und frauenfeindlich. Andere Kritiker warfen ihm vor, in dem Lied "Sweet little Rehlein" Frauen mit Wildtieren verglichen zu haben. In Österreich gab es zudem Kritik, weil er bei einer Veranstaltung eine alte Version der Nationalhymne vortrug: Statt der Zeile "Heimat großer Töchter und Söhne" sang er "Heimat bist du großer Söhne". Gabalier zuckt mit den Achseln. Er scheint das alles nicht zu verstehen. Die Hymne habe er damals in der Grundschule eben noch so gelernt, und er sehe nicht ein, warum er sie nun anders singen solle. "Ich bin auch der Meinung, dass man sich auf diverse andere Art und Weise für die Rechte unserer Frauen im Land einsetzen kann und soll", heißt es auf seiner Facebook-Seite.

"Ist das noch Pressefreiheit oder schon Verleumdung?"

Er sagt: "Ich bin der weltoffenste und friedlichste Mensch, den es gibt. Und dann kommen die her und malen mich, meine Band und meine Fans braun an. Das habe ich nicht verdient. Ist das noch Pressefreiheit oder schon Verleumdung?" Gabalier findet es okay zu polarisieren. Schlager treffe schon immer auf Häme und Hass, das sei "Part of the Game", aber dass man ihm vorwerfe, braun zu sein und Frauen nicht zu mögen, das führe zu weit. Er mache schließlich Unterhaltung, keine Politik.

Um sieben Uhr läuft Andreas Gabalier in Unterhose durch seinen Wohnwagen und macht Liegestütze. Fitnessstudios findet er grässlich, die Luft, die Neonbeleuchtung. Am liebsten ist er draußen in der Natur. Im Sommer geht er wandern, im Winter fährt er Ski. Meist sind es pragmatische, gesunde Sätze, die Gabalier sagt. Er hat sich ein Haus gekauft, aber wohnt immer noch in seiner Studentenwohnung auf 60 Quadratmetern. Bis vor Kurzem beantwortete er noch alle Fanmails auf Facebook selbst. In einer Stunde wird er auftreten. Auf seinem Kopfhörer läuft Musik, "Moneytalks" von AC/DC. Die Lederhosen, die er gleich auf der Bühne tragen wird, hängen zum Auslüften am Fenster. Kürzlich war er in Amerika. Dort fragten sie ihn: "How do you wash these pants?" Und er antwortete: "Never."

Gabalier tritt um viertel vor acht aus seinem Container. Er hat jetzt Lederhosen an und seine steirische Ziehharmonika in den Händen und singt sich mit "O sole mio!" ein. Auf seine Wade hat er sich "Volks- Rock'n'Roller" stechen lassen. So nennt er sich selbst, den Begriff hat er sich patentieren lassen. Vor der Bühne warten 10.000 Menschen, sie wollen den "Andi" sehen.

Anpassung statt Anarchie

Es sind Menschen, die sich wohlfühlen in der Welt, die Gabalier besingt. Eine einfache Welt zwischen Skiurlaub und Sissi- Nostalgie. Seine Fans schätzen an ihm, dass da einer noch gern Schweinsbraten isst und seine Heimat liebt und seine Familie. Der "Andi" steht für Bodenständigkeit, für Männlichkeit und Tradition. Er ist keiner von diesen veganen Hornbrillenträgern mit Bart und Blog, er ist einer von ihnen. Einer, dem es nicht peinlich ist zu sagen, dass es ihm "dahoam" gefällt. Ein erdiger Typ. Und die Frauen, mei, die finden ihn halt irre sexy. Es sind junge Mädchen dabei, die sagen, so einen wie ihn, den würden sie sofort heiraten.

Volksmusik galt lange Zeit als tot, dabei war sie nie tot. Auch nicht bei Leuten unter 25. Im Gegenteil: Statt zu rebellieren sind viele Jugendliche zusammen mit ihren Eltern zum Konzert gekommen. Eine Mutter sagt: "Von mir aus könnte die Leni viel frecher sein, aber ich kann sie ja nicht zwingen." Die Jungen übertreffen die Alten in ihren Werten. Viele wollen keine Anarchie, sondern Anpassung, Ordnung. Viele wollen gar nicht mehr das große, sondern das kleine, heimelige Glück: einen Mann, ein Kind, einen Schweinsbraten.

Auf dem Konzert in Fulda erzählen 19-jährige Mädchen aus Schwarzbach, einem 600-Seelen-Dorf, dass sie dort zum Kirchweihfest in Paaren um einen Baum herumtanzen. Es gibt irgendeine seltsame Sehnsucht nach Rosigkeit und Rückbesinnung. Wahrscheinlich gab es sie schon immer, aber heute gibt es mehr Antworten. Und eine davon ist Andreas Gabalier.

Das Alter von Gabaliers Fans entspricht der Angabe auf einem Memory-Spiel: "0 bis 99". Etwa die Hälfte der Zuschauer ist zum Konzert in Dirndl oder Lederhose gekommen. Die Frauen tragen Tolle oder Flechtfrisur, Lederjacken und "I mog di"- Ketten. Zwischendrin steht ein Jugendlicher mit Kiss-T-Shirt neben einer Oma. Der Volks-Rock ’n’ Roller spielt jetzt etwa seit einer Stunde, dann sagt er, dass er nun ein sehr persönliches Lied singen möchte. Und dass er sich wünschen würde, dass es dafür ganz ruhig wird und dass danach bitte niemand klatscht. Er spielt jetzt das Lied für seinen Vater und seine Schwester. Es wird ganz still.

Danach wird es wieder laut, es geht um Bergseen und Bier. Hüpfen, Klatschen, Busseln. Dann und wann macht Gabalier einen blöden Witz: "Was ist das Lieblingstier der Deutschen?" - "Der Zapfhahn", hahaha, aber was soll's, die Menge lacht. Fazit: Das Leben ist schön, und am schönsten ist es zu Hause, nicht den Mut verlieren, komm, lass uns tanzen gehen, heißahoppsatralala. Gabalier lässt seinen "Oarsch" kreisen. Vorn in der ersten Reihe platzt einer Frau das Dirndl auf. Fulda eskaliert. Auch der Vater von Heidi Klum ist da. Mit seinem Handy fotografiert er Gabalier.

Hinter der Bühne steht Josef Adlmann, ein kleiner Mann mit rundem Gesicht und blauer Goretex-Jacke, den alle nur "Sepp" nennen. Adlmann ist Promoter und begleitet Gabalier, seit der kommerziell erfolgreich ist. In der Branche heißt es über ihn, er sei ein "alter Hase" und ein "knallharter Hund". Jetzt sieht er zufrieden aus. "Wenn man was mit Herz und Hirn macht, dann hat man damit auch Erfolg", sagt er. Franz Beckenbauer hat mal gesagt: "Erfolg ist ein scheues Reh, der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond."

Büstenhalter und Bifi

Kurz vor dem Ende des Konzerts geht Gabalier noch mal ganz nach vorn auf den Steg, ganz nah zu seinen Fans. Meistens fliegen Büstenhalter, jetzt schmeißt jemand die Bifi. Gabalier fängt sie. Die Masse singt: "Ohhhhhh, wie ist das schön! Ohhhhhhh, wie ist das schön. So was habt ihr lange nicht gesehen! So schön! So schöööön!"

Es ist längst dunkel geworden. Von der Bühne herunter sieht Gabalier in ein Meer aus Menschengesichtern. Die dazugehörigen Körper verschwimmen ineinander, so eng stehen sie. Es scheint gerade alles zu stimmen, der Wind, die Witterung, die Sterne und der Mond. Gabalier steht noch ein wenig mit der Wurst in der Hand auf der Bühne herum.
Dann beißt er hinein.

Die Geschichte ist ...

... im Juli im stern erschienen (Heft 30).

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(