HOME

Stern Logo Eurovision Song Contest

Eurovision Song Contest: Was Nicole und Lena gemeinsam haben

Neun Mal zwölf Punkte, das gab es auch vor 28 Jahren, als Nicole zum ersten Mal für Deutschland den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Jetzt hat es Lena Meyer-Landrut geschafft. Ihr Musik und ihr Look trennen Welten, doch ihr Erfolgsgeheimnis ist gleich.

Von Jens Maier

Die Siegerin des Eurovision Song Contest 1982 sah aus, als sei sie gerade unterwegs zu ihrer Kommunion: Eigentlich fehlte zum schwarzen Kleid mit Glitzersteinchen und weißem Spitzenkragen nur eine Kerze. Als Ersatz hatte die 18-jährige Saarländerin eine weiße Gitarre umgebunden. Ihr fein gebürstetes Haar machte den engelsgleichen Look perfekt. Eine Mischung aus Unschuld und Glaubwürdigkeit überzeugte vor fast drei Jahrzehnten die Jurys in ganz Europa. Und hat es auch fast 30 Jahre später wieder getan.

Am 24. April 1982 setzte sich Nicole im englischen Harrogate mit dem von Ralph Siegel komponierten Titel "Ein bisschen Frieden" mit klarem Abstand gegen die Konkurrenz durch. Obwohl sie aus Österreich nur einen Punkt bekam, war ihr Vorsprung nach der zwölften von 18 Wertungen uneinholbar. Neun Mal erhielt sie die Höchstzahl von zwölf Punkten. Ein grandioser Sieg, der damals von vielen genau so vorhergesagt worden war. Genau wie bei Lena - obwohl sie etliche Zweifler hatte, es gab auch sehr viele Leute, die genau diesen Sieg prognostiziert hatten. 246 Punkte insgesamt bekam sie, der Abstand zum Zweitplazierten, der Band Mango aus der Türkei, beträgt 74 Punkte, und genau wie bei Nicole damals gab es neun Mal die Gesamtpunktzahl von zwölf Punkten: aus Estland, Dänemark, Spanien, der Slowakei, Lettland, Finnland, Norwegen, Schweden und der Schweiz - allerdings hat sich die Zahl der Länder mit 39 mehr als verdoppelt. Nach diversen peinlichen Niederlagen hat Deutschland 2010 also wieder die Spitze des Eurovision Song Contest erklommen.

Nicole und Lena verbindet mehr, als es auf den ersten Blick scheint

Und es ist wieder eine Frau, die den Sieg geholt hat. Und wieder ist sie im Teenageralter. Hier hören die offensichtlichen Gemeinsamkeiten zwischen Nicole und Lena Meyer-Landrut allerdings auf. Während die eine als provinziell und bieder galt, kommt die andere weltmännisch und modern daher. Während die eine ein Lied sang, das eher auf Howard-Carpendale- als auf Nena-Fans abzielte, nimmt die andere es heute eher mit Lady Gaga auf. Und während die eine der Liebling von Schwiegermüttern und -vätern war, ist die andere heute ein Idol von mehreren Generationen.

Doch beide Sängerinnen verbindet mehr, als es auf den ersten Blick scheint. "Find' ich zum Kotzen", hatte Lena Meyer-Landrut bei "Wetten dass..?" in ihrer koddrigen Art über Opernstars gesagt, um im Nachsatz mit "war nur Spaß" zurückzurudern. Über Nicoles Schlager "Ein bisschen Frieden" würde sie wahrscheinlich das gleiche sagen. Weil sie kein Blatt vor den Mund nimmt, alles sagt, was ihr spontan in den Sinn kommt. Genau diese Ehrlichkeit zeichnete auch Nicole aus. Das Brave, Biedere und Unschuldige der Saarländerin war seinerzeit keineswegs nur eine Erfindung von Ralph Siegel, Nicole war so.

Wer sich heute ihren Auftritt von vor 28 Jahren anschaut, das weiße Klavier, den Barhocker und ihre Frisur sieht, wird von der Aufdringlichkeit der Details schier erschlagen. Doch damals lieferte er für ein Europa, das um Abrüstung kämpfte, genau die richtige Dosis Harmonie, ihr Lied als Mahnmal und Hoffnungsschimmer in Zeiten des weltweiten Rüstungswettstreits. Nicole überzeugte die Jurys, weil sie glaubwürdig war. Sie spielte sie nicht nur, sie war die Unschuld vom Lande. Eben das kleine Mädchen mit der Gitarre, das sich nach "ein bisschen Frieden" sehnt. Neben der Nicole von damals wirkt Lena heute wie ein Vamp.

Lena braucht kein tiefes Dekolletee

Die Schülerin aus Hannover ist sexy, ohne Sexbombe zu sein. Sie braucht kein tiefes Dekolletee, um ihre Wirkung auf Männer auszuüben. Wenn sie verschmitzt in die Kameras lächelt und wild drauf losquatscht, dann entfaltet sie einen Charme, der alle in ihren Bann zieht. Dabei wandert sie immer auf dem schmalen Grat, prätentiös zu wirken. Vor allem wenn sich ihre Kleinmädchenhaftigkeit in überdrehten Ausdrücken wie "Alter Finne" oder "Scheiße ist das geil" ihren Weg bahnt. Dann wirkt das Spontane oft wie geplant - doch genau das ist Lena.

"Sie ist so. Sie verstellt sich nicht vor der Kamera", sagen Freunde über Lena. Und dass sie sich eben nicht verstellt, um das spontane, verrückte Huhn zu sein, um unschuldig ihren Lolita-Charme spielen zu lassen, das macht Lena aus. Ganz Deutschland liegt ihr zu Füßen - auch weil sie unkonventionell singt, sie mit "Satellite" den passenden Song hat und gut aussieht - aber vor allem, weil sie echt und authentisch ist. Das merken die Zuschauer. Und das ist ihr Erfolgsgeheimnis. Es ist das gleiche, das Nicole zum Sieg verholfen hat.

Und noch einer war genau mit der Mischung aus Unschuld und Authentizität erfolgreich: der Norweger Alexander Rybak. Sein Jungencharme, gepaart mit einer perfekt inszenierten, aber aufrichtigen Show, zog die europäischen Zuschauer im vergangenen Jahr in ihren Bann. Die Nicole-Methode funktioniert fast drei Jahrzehnte nach ihrem Sieg also noch immer. Und trotz des immensen Medienhypes hat sich Lena ihre Natürlichkeit auf der Bühne in Oslo bewahrt. Ganz Europa hat sich erneut verliebt in einen Teenager aus Deutschland.