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Musikjahr 2006: Abwechselung bleibt Spitzenreiter

Die Rockband Sportfreunde Stiller, Schlagersängerin Andrea Berg und Altmeister Bob Dylan haben eins gemeinsam: Sie erreichten die Spitze der deutschen Musikcharts. So blieb im Musikjahr 2006 nur die Abwechselung konstant.

2006 war ein Jahr, in dem sich was drehte - die Fußballweltmeisterschaft hat hierzulande die Rock- und Popszene tüchtig aufgemischt. Mag "Crazy" von Gnarls Barkley der Radiohit des Jahres gewesen sein: Die Sportfreunde Stiller mit ihrem fröhlichen "54, 74, 90, 2006", Xavier Naidoo mit dem ultimativen "Danke" an die deutsche Nationalmannschaft und die Fußball-Hymne von Herbert Grönemeyer und Amad waren Soundtrack zur fröhlichsten und größten Party, die Deutschland je gefeiert hat. "You Have To Win Zweikampf" - wenn nicht, freuen sich Sportfreunde und Nationalmannschaft halt über den dritten Platz.

Im Musikjahr 06 war darüber hinaus musikalische Qualität gefragt. Die Red Hot Chili Peppers standen mit "Stadium Arcadium" fünf Mal auf Platz eins der Album-Charts, Naidoos schon 2005 abgeschicktes "Telegramm für X" avancierte zum Punktsieger unter den 85 Alben, die sich in 51 Wochen dieses Jahres in den Top 5 der Verkaufscharts platzieren konnten. Nellys experimentierfreudiges "Loose" hängte die Popdiven-Konkurrenz von Shakira bis Christina Aguilera ab, und Madonna machte vor, wie man mit einem Abba-Zitat (in "Hung Up") einen Hit landet. Depeche Mode demonstrierten, wie man mit starker Live-Präsenz den Plattenabsatz ankurbelt. "Playing The Angel" und "Touring The Angel - Live" sowie ihr erstes "Best of"-Album gaben wochenlange Gastspiele in den Verkaufscharts.

Altstars können noch mitmischen

Altstars wie Bob Dylan, Bruce Springsteen, David Gilmour, Neil Young, Mark Knopfler und Emmylou Harris, J.J. Cale und Eric Clapton zeigten, dass sie noch oben mitmischen können. Yusuf Islam alias Cat Stevens gelang nach langer Pause mit "An Other Cup" ein Achtungserfolg. Pink Floyd platzierten "Pulse" als erste DVD auf Platz eins der Album-Verkaufscharts, den Beatles gelang mit George Martins Abschiedsproduktion aber nicht mehr der Siegeszug auf die Pole-Position - Rammsteins "Völkerball" ließ sich von "Love" nicht verdrängen. Meat Loafs "Bat Out Of Hell 3" wird vermutlich mit der im kommenden Jahr angekündigten Tournee noch einmal durchstarten.

Rosenstolz etablierten sich mit "Das Große Leben" gleich zweimal - als Studio- und Live-Album - in der Pop-Elite und ließen den erfolgsverwöhnten Robbie Williams hinter sich. Neuer Stern am deutschen Pophimmel ist die gerade 16 gewordene LaFee, die wie Tokio Hotel mit harten Rock-Klängen die Teenies ausflippen ließ. Die ein paar Jahre älteren Fans katapultierten Silbermond und Juli in Spitzenpositionen. Etablierte Acts wie die Ärzte, Pur und Rammstein sowie Hip-Hopper wie Jan Delay, Bushido und Fleer zeigten eine Vielfalt in der deutschen Musikszene auf, die selten zuvor auch kommerziell so erfolgreich war wie 2006.

Comeback des Schlagers

Auch dem schon lange tot gesagten Schlager gelang ein Comeback: Andrea Berg mit "Splitternackt" und Semino Rossi mit "Ich denk an Dich" ließen in ihren Chart-Wochen so manchen internationalen Superstar hinter sich und grüßten sogar von Platz 1 - Rossi drei, Berg ein Mal. Zwtl: Robbie Williams noch vor Justin Timberlake Die Österreicherin Christina Stürmer ließ auf "Schwarz Weiss" mit "Lebe Lauter" ein absolutes Hit-Album folgen: Drei Mal war es auf Platz eins. Der von Deutschland gesuchte Superstar Tobias Regner blieb klar dahinter. Mit "Straight" war er zwei Mal unter den besten Fünf, davon in einem Fall auf dem Spitzenplatz. Vize-Superstar Mike Leon Grosch gelang zwar auch ein Chart-Gastspiel, ein nachhaltiger Erfolg wie der ehemaligen "Starmania"-Zweiten der Österreich-Version ist aber noch keinem DSDS-Auserwählten gelungen.

Es war auch Härte gefragt. Rammstein beherrschten mit ihrem "Völkerball" die Jahresendzeit, Iron Maiden brachten "A Matter of Life and Death" in die Pole-Position, Motörhead und Slayer mischten wie Nightwish, Evanescence, Muse, Tool und In Extremo ganz oben mit. Billie Talent und Mando Diao, die Raconteurs, Keane und Pink sorgten für musikalische Vielfalt. Für Robbie Williams lief 2006 wohl nicht so wie geplant - trotz beeindruckender Zuschauermassen bei seinen Open-Air-Konzerten. Das im vergangenen Jahr erschienene Album "Intensive Care" war 2006 nach Punkten erfolgreicher als die "Rudebox", deren musikalische Unentschiedenheit vom Publikum durchaus registriert wurde. Immerhin drei Mal stand "Rudebox" ganz oben, und Williams gelang es auch als einzigem, mit zwei Produktionen gleichzeitig in den Top 5 zu sein: In der 48. Woche gesellte sich "And Through It All" zur "Rudebox". Williams bleibt hierzulande damit weit vor Justin Timberlake, dessen auch von Prince beeinflusste "Future Sex/LoveSounds" nur zwei Wochen in den Top 5 waren. Prince gelangte mit "3121" noch bis auf Platz vier.

Umjubelte Tournee von Katie Melua

Live in deutlich größeren Hallen als 2005 unterwegs war James Blunt. Sein Debüt "Back To Bedlam" gehört zu den Dauerbrennern dieses Jahres, am längsten unter den ersten Fünf war aber Katie Melua mit ihrem erstmals im September 2005 veröffentlichten "Piece By Piece". Nach umjubelter Tournee wurde genau ein Jahr später eine "Special Bonus Version" nachgeschoben, insgesamt wurde "Piece By Piece" 2006 genau 15 Mal unter den fünf Spitzenpositionen notiert. Auf mindestens zwei Monate Präsenz in dieser Kategorie kamen außer ihr Naidoo (13 Wochen), Furtado (12), Blunt (11), Red Hot Chili Peppers (10), Rosenstolz (9), Madonna (8) und Sportfreunde Stiller (8).

Uwe Käding/AP / AP