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Sunrise Avenue Samu Haber über seine Abschiedstour: "Ich hatte viele Schuldgefühle"

Samu Haber
Samu Haber, Sänger und Gitarrist der finnischen Rockband Sunrise Avenue, bei seinem Auftritt beim Provinssi Festival in Seinäjoki in Finnland. Jetzt kommt er für die Abschiedstournee der Band auch nach Deutschland. 
© Timo Aalto/Lehtikuva / DPA
Ab Sonntag tourt Samu Haber ein letztes Mal mit seiner Band Sunrise Avenue durch Deutschland. Mit dem stern sprach der finnische Sänger über tränenreiche Konzerte, den schweren Abschied von seiner Band - und seine Pläne für die Zukunft.

Er sieht umwerfend aus. Samu Haber sitzt leicht verschwitzt und oben ohne in seinem Apartment in Helsinki, seine sonst so kurzen Haare sind inzwischen zu einer richtigen Surfer-Mähne gewachsen. Er komme gerade von seinem Workout, Box-Training und Martial Arts, erzählt er. Um fit zu bleiben für die Abschiedstournee seiner Band Sunrise Avenue. Zwölf Konzerte noch in Deutschland, dann ist endgültig Schluss mit dem so beliebten Rock der Finnen. 

Sorry, aber wir müssen mit der typischen Fußballer-Frage anfangen: Wie fühlen Sie sich? 
Ich fühle mich echt richtig gut. Unsere Abschiedstournee ist schon halb durch, aber es fühlt sich immer noch magisch an, überhaupt wieder auf einer Bühne zu stehen. Ich hatte schon eine Ahnung, dass es sehr emotional und beglückend werden würde, aber meine Erwartungen wurden noch übertroffen. 

Wahrscheinlich haben Sie noch nie so häufig auf einer Bühne geweint? 
Nun, eigentlich weine ich nicht so oft, jetzt treibt es mir schon Tränen in die Augen, wenn ich ankündige: Okay, das ist jetzt unser letzter Song, unser letzter Auftritt in Städten wie Zürich, München oder Hamburg. Weil es viele Erinnerungen hochspült an die Clubs und Arenen, die Menschen und die Begegnungen. Immerhin haben wir diesmal immer mehrere Tage frei zwischen den Konzerten. Mein Management hasst das, weil solche Unterbrechungen viel Geld kosten. Für mich ist es herrlich. Ich kann einfach noch ein paar Tage länger in der jeweiligen Stadt bleiben und den Geruch der Straßen aufsaugen. 

Haben Sie an die Konzerte in Deutschland besondere Erinnerungen? 
Die meisten meiner Erinnerungen haben mit Deutschland zu tun. Ich erinnere mich beispielsweise gut an einen unserer allerersten Auftritte. Das war im Kölner Club "Underground", ich hatte sogar schon drei deutsche Fans. Ich litt dummerweise unter einer Racheninfektion und nahm eine Tablette, die angeblich auch gegen Schlangenbisse hilft. Oder die verrückt lauten Fans im München. Oder den Backstage-Bereich eines Clubs in Hamburg. Dort hing ein Schild, dass die oft sehr besoffenen Musiker daran erinnerte, in welcher Stadt sie gerade spielten, sehr lustig. Als wir aus Deutschland wieder nach Finnland zurückkehrten, dachten wir: Warum stehen die Fans nur rum? Warum klatscht keiner mit? Mein Manager hat hinter der Bühne geweint damals.

Hatte die lange Pause durch die Pandemie auch was Gutes? 
Vom Geschäftlichen her wäre es andersherum auch nicht schlecht gewesen. Aber wann hat man schon mal die Chance, zwei Jahre lang eine Auszeit zu nehmen – und dann verändert zurückzukehren? Wir haben neu schätzen gelernt, was wir als Band alles erreicht haben. Wenn wir die alten Songs spielen, fühlen sie sich nun bedeutsamer an, relevanter. Vor den ersten Shows habe ich heimlich geguckt: Sind wirklich so viele Leute gekommen? Ohne Masken und ohne zwei Meter Abstand? Wieder vor solch einer großen Menschenmenge zu stehen, war wie eine religiöse Erfahrung. Als würden wir gleich alle gemeinsam in den Himmel auffahren. 

War das Zusammentreffen mit der alten Band wie ein Klassentreffen? Oder als würde man eine Ex wieder daten? 
Ja, als würde man mit seiner Ex plötzlich wieder gemeinsam in den Urlaub fahren. Dass ich Sunrise Avenue verlassen will, hat natürlich nicht nur positive Hintergründe. Ich liebe alle Bandmitglieder und mein Team, doch es war Zeit für eine Veränderung. Wenn wir jetzt wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen, merke ich: Am Ende ist Sunrise Avenue größer als unsere Gefühle und unsere Egos. Das ist eine heilsame Erkenntnis. 

Stimmt es, dass Sie sich so schuldig fühlten am Ende der Band, dass sie einen Therapeuten brauchten? 
Ich gehe schon seit über fünf Jahren zur Therapie und rede über viele verschiedene Themen. Meine Ängste oder wie es weitergeht nach Corona. Das hilft mir, mich und meine Bedürfnisse besser zu verstehen. Aber klar: Es ging auch viel um Schuldgefühle. Ich allein wollte dieses Projekt beenden – der Rest konnte das nur akzeptieren. Damit ändere ich leider die Zukunftspläne aller Beteiligten, aber es nun mal mein Weg und ich bin nicht der Diener der Anderen oder ihnen verpflichtet. Ich will meine Jahre so gut wie möglich nutzen. Wer weiß: Vielleicht werde ich im nächsten Leben als Krabbe wiedergeboren – und werde am zweiten Tag von einem Pinguin aufgefressen. 

Sie haben sich zweimal mit Corona angesteckt. Hatten Sie Angst um Ihre Lunge, ihre Stimme? 
Ich hatte vor allem generell Sorgen um meine Gesundheit. Dass mich das Virus umbringen könnte, wäre keine so gute Nachricht für mich selbst. Corona war vor allem nervig. Nach der zweiten Infektion hatte ich lange hohes Fieber. Die Krankheit war am Ende jedoch eher ein Augenöffner für mich: Es gibt keine Sicherheiten, keine absolute Kontrolle in meinem privilegierten Leben. Wir sollten immer dankbar sein für das, was wir haben. 

Nach dem Ende der Sunrise-Ära wollen Sie nun mit Liedern auf Finnisch eine Solo-Karriere starten. Was, wenn das Publikum ruft: "Shut up – and play the hits!"
Mein neues Album erscheint am 30. September. Ich hoffe mal, die meisten Zuhörer werden bis dahin wissen, dass ich jetzt nur noch Songs in meiner Heimatsprache spiele. Ich garantiere: Ich werde keine Sunrise-Avenue-Songs singen bei meinen Konzerten, nicht mal unplugged. 

Und nächstes Jahr treten Sie dann beim Eurovision Song Contest für Finnland an? 
Da macht man ja eher mit, um seine Musik in Europa bekannter zu machen, und Europa kennt meine Musik ja schon. Einige meiner Freunde sind immer beim lokalen Vorentscheid dabei. Sie müssten mir aber schon bestimmte Pilze geben, damit ich auch mitmache. Gefragt wurde ich schon mehrmals, klar. Also: Sag niemals nie. 

Sag niemals nie zu einer Wiedervereinigung von Sunrise Avenue in zehn Jahren? 
Ich sage niemals nie, aber es würde mich sehr überraschen. Schon meine Entscheidung, die Band zu verlassen, hat sich inklusive Pandemie über sechs Jahre hingezogen. Trotzdem: Ein Freund von mir hat sich scheiden lassen – zwei Jahre später waren sie wieder zusammen und glücklich. Andererseits: Im Showbusiness musst Du wirklich brennen, für das, was du machst und es gibt leichtere und schnellere Wege, Geld zu verdienen. Aber falls meine Solokarriere komplett den Bach runtergehen sollte, ich ausgelacht werde als Versager: Vielleicht überlege ich mir das noch einmal dann. Oder ich singe eben wieder auf Englisch. 

Die wichtigste Frage zum Schluss: Sind Ihre schönen langen Haare der Pandemie geschuldet? 
Teils, teils. Durch Corona konnte man eine Zeit lang nicht zum Frisör gehen. Aber ich mag inzwischen auch, dass ich jetzt auf der Bühne die Haare so schön fliegen lassen kann. Und ich kann mich hinter ihnen ganz gut verstecken manchmal. 

Für einige der Konzerte gibt es noch Restkarten, u.a. in Leipzig und Berlin, www.sunriseave.com 


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