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Interview

Metal-Festival: Wacken-Chef: "Wir sind nicht bereit, uns den Wünschen einiger Bands anzupassen"

In dieser Woche wird das Dorf Wacken in Schleswig-Holstein zum Metal-Mekka. Im Gespräch mit dem stern spricht Festival-Gründer Thomas Jensen über die teils extremen Gagen von Rockstars, den Nachwuchs im Metal - und warum er hofft, dass Rammstein noch einmal auf den Acker zurückkehrt.

Wacken-Gründer Thomas Jensen: "Der Metal stirbt nicht!"

Matsch und Metal, das ist die Essenz des Wacken Open Air. Doch sollte die Wettervorhersage stimmen, bleibt es in diesem Jahr weitgehend trocken auf Schleswig-Holsteins wohl berühmtesten Acker. Das hofft auch , einer der beiden Gründer des Festivals. Denn nachdem Wacken in den vergangenen drei Jahren beinahe im Schlamm versank, wäre Sonne satt nun eine willkommene Abwechslung für die 75.000 Besucher aus der ganzen Welt. Dass das Festival ausverkauft wird, war lange nicht absehbar: Das letzte Ticket wurde erst vor knapp zwei Wochen verkauft. 

Herr Jensen, früher war das Open Air nach einem Tag ausverkauft. Nun kam der Sold-Out erst kurz vor Festivalbeginn. Bei Rock im Park waren zum Schluss sogar noch 10.000 Tickets übrig. Ist der Festival-Hype vorbei?

Das glaube ich nicht. Es gibt mittlerweile einfach viel mehr Festivals. Das finde ich auch super, denn sie haben eine wichtige Bedeutung für die . Manche sagen, die vielen Festivals schaffen die normalen Tourneen ab. Das sehe ich nicht so. Für Besucher sind Festivals eine Chance, mit wenig Aufwand neue Bands kennenzulernen. Dadurch hat auch der Nachwuchs eine Chance, gehört zu werden.

Dominiert wird die Szene nach wie vor von den "Alten". Die wiedervereinigten sollen für einen Festival-Auftritt in Großbritannien mehr als fünf Millionen Euro kassiert haben. Ist das noch normal?

So eine Entwicklung ist gefährlich. Doch das Festival hätte so eine Summe ja nicht bezahlen müssen. Am Ende ist es Angebot und Nachfrage. Wir verhandeln auch mit solchen Bands. Aber wir sind nicht bereit, den Charakter des Festivals den Wünschen einer Band anzupassen. Bei anderen liegt es jedoch nicht am Geld, sondern schlicht am Termin, dass es nicht klappt.

Viel Zeit bleibt nicht mehr. Judas Priest, Slayer, Manowar - derzeit befinden sich viele Größen der Szene auf Abschiedstour. Stirbt der Metal aus?

Metal will never die. Das wurde schon tausendmal besungen. Und daran glauben wir nicht nur, das ist auch so. Der Metal stirbt nicht. Es gibt viele talentierte Newcomer. Wir haben in diesem Jahr etwa eine mexikanische Nachwuchsband auf dem Wacken Open Air - Cemican. Die spielen ungewöhnlichen Aztekenmetal.

Wir sind nicht nur Organisatoren, sondern auch selbst Fans

Die ziehen beim Ticketverkauf aber nicht wie die großen Namen.

Als wir 2008 das erste Mal ein Kaliber wie Iron Maiden geholt haben, war uns bewusst: Jetzt werden wir immer an dieser Band gemessen. Das war ein Risiko. Aus kommerzieller Sicht hätten wir sie deshalb nie holen dürfen. Dadurch entstand viel Druck. Aber wir sind nicht nur Festival-Organisatoren, sondern auch selbst Fans - und deshalb haben wir sie gebucht. Man braucht ja auch nicht jedes Jahr eine Band dieser Größenordnung. Wir hoffen, dass Rammstein nochmal vorbeischaut. Denen hat ihre Show 2013 sehr gut gefallen! Und wir glauben, wer einmal in Wacken war, der kommt wieder…

Der Kontakt scheint ja nie abgebrochen zu sein. Im Frühjahr haben Sie stellvertretend für die Band den Musikautorenpreis der Gema entgegengenommen.

Der steht bis heute bei uns im Büro. Wir haben der Band gesagt: Wenn sie den Preis abholen wollen, müssen Sie auftreten. Wenn das klappt, wäre es großartig. Falls das nicht passiert, müssten wir aber wohl mit dieser Entscheidung leben.

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Kommen wir nochmal auf den Nachwuchs zurück. Auf dem Wacken Open Air treten in diesem Jahr fast 200 Bands auf. Kennen Sie die alle?

Niemand wird die alle kennen. Dank Musikstreaming kann man aber heutzutage neue Bands schneller entdecken als je zuvor.

Sie spielen selbst in einer Band. Sind Sie ein Fan von Streamingdiensten?

Ich bin hin- und hergerissen. Ich kenne viele Sammler, die jahrzehntelang mit viel Aufwand Einzelstücke zusammengetragen haben. Heute hat jeder mit einem Knopfdruck eine größere Sammlung. Das tut mir schon leid für die Sammler. Aber der Streaming-Boom ist eine totale Demokratisierung der Musik. Nun hat man die gesamte Musikbibliothek an jedem Ort auf der Welt. Das eröffnet viele neue Möglichkeiten. So kann man auch ganz neue Bands entdecken.

Das Thema Nachwuchs scheint Ihnen sehr wichtig zu sein.

Wir glauben: Die Erfolgreichen haben eine Verantwortung für die nächste Generation. Mit dem Metal Battle, den wir nun seit mehr als zehn Jahren veranstalten und mit dem wir das Festival eröffnen, wollen wir die Szene lebendig halten. Am Anfang war unser Ziel, den nächsten Headliner zu finden. In einer Art Talentwettbewerb ließen wir Bands aus verschiedenen Ländern gegeneinander antreten. Der Sieger bekam am Ende einen Plattenvertrag.

Davon dürften viele Bands träumen.

Wir haben schnell festgestellt, dass es vielen gar nicht um den Plattenvertrag ging. Für die war es schon ein Gewinn, überhaupt auf dem Festival auftreten zu können. Da wurde uns bewusst: Das ist nicht die Weltmeisterschaft des Metal, sondern eher die Olympischen Spiele.

Sie suchen also nicht mehr den nächsten Superstar?

Um im Bild zu bleiben: Wir haben den Viererbob aus Jamaika und nicht Lionel Messie. Uns geht es um Vielfalt. Deshalb haben wir neben dem Metal Battle ein Musik-Camp ins Leben gerufen, bei dem junge Kids knapp eine Woche lang in das Bandleben hineinschnuppern können. Mittlerweile haben sich dort auch schon einige Bands gegründet. Außerdem haben wir noch eine eigene Stiftung, mit deren Spenden wir junge Bands bei Tourneen oder diverse Initiativen wie "Stark gegen Krebs" unterstützen.

Im kommenden Jahr feiert das Wacken Open Air sein 30. Jubiläum. Wenn Sie zurückblicken: Was hätten Sie anders gemacht?

Wir haben teilweise zu viel - böse gesagt - Kaspermusik gemacht. Damit meine ich nicht das, was Rammstein mit Heino gemacht hat. Das fand ich gut! Das war ein Lied, das war keine Belästigung. Aber bei der Anzahl an Comedy-Bands sind wir - meiner Meinung nach - auch schon übers Ziel hinausgeschossen. Die Dosis macht das Gift.

Und was soll die nächsten 30 Jahre anders werden?

Für manche Bands ist das Wacken Open Air nur ein weiterer Gig auf dem Tourplan. Für manche ist es aber auch etwas Besonderes. Und denen wollen wir die Möglichkeiten bieten, die Grenzen zu verschieben. Wir hatten vor ein paar Jahren etwa einen Auftritt des Trans-Siberian Orchestra parallel über beide Bühnen hinweg. So eine Kulisse zu bieten, das reizt mich. Ein anderes Beispiel war Udo Dirkschneider, der gemeinsam mit dem Bundeswehrorchester aufgetreten ist.

Eine ungewöhnliche Mischung.

Musikalisch hatte das eine ganz hohe Qualität, ob man auf die Bundeswehr steht oder nicht. Ich würde mir wünschen, dass mehr Bands aus ihrem Alltag ausbrechen. Klar, wenn jetzt alle 180 Bands an dem einen Wochenende extra-witzig sind, ist das auch wieder zu viel. Da sind wir wieder bei der Dosis. In einigen Jahren haben wir vielleicht auch zu verkrampft irgendetwas gesucht. Manchmal muss man Dinge auch einfach laufen lassen. Rain Or Shine - das ist unsere Einstellung.