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TV-Kritik

"Anne Will": Je unverlässlicher Trump, desto besser für Europa?

Anne Will diskutiert über Donald Trumps Außenpolitik: Während die einen ihn als "handhabbar" ansehen, wollen ihn andere aussitzen – oder Europa unabhängiger von den USA machen.

Von Jan Zier

Anne Will

Christoph von Marschall (l-r), langjähriger USA-Korrespondent des "Tagesspiegel", Susan Neiman, amerikanische Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein Forums, Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg, Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist, und Norbert Röttgen (CDU) zu Gast bei Moderatorin Anne Will (Mitte)

In der Politik kommt es ja auf Kompetenz nicht so an. Zwar gilt eine gewisse Expertise allgemein schon als wünschenswert, Voraussetzung ist sie aber nicht, schon gar keine zwingende. Insofern ist die Antwort auf Anne Wills Frage, ob Donald Trump "Außenpolitik kann" im Grunde total egal. Sie findet einfach statt, so oder so. Er macht einfach eine, weil er eben der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist.

Vergangene Woche war der Mann nun auf einer innenpolitischen Reise durch die Welt, hat einen großen Waffendeal mit seinen neuen Freunden, den Autokraten in Saudi-Arabien, abgeschlossen, um zu Hause "Jobs! Jobs! Jobs!" zu schaffen und ist da und dort durch rüpelhaftes Verhalten aufgefallen, bei der Nato etwa.

Letzteres ist an sich nicht so schlimm, findet Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Bürgermeister von Hamburg, denn unerzogene Leute gebe es ja anderswo auch. Und, ja, Donald Trump sei "unberechenbar", sagt der 89-Jährige, aber das sei George Bush damals ja auch gewesen. Man müsse sich in Europa aber eben jetzt klar werden, dass die USA "nicht unsere Interessen vertreten", sagt der SPD-Politiker, der in den Siebzigern mal die Europapolitik der Bundesregierung koordiniert hat. Von Dohnanyi will die NATO deswegen reformieren, von den USA emanzipieren und ihr neben dem militärischen auch einen diplomatischen und einen außenpolitischen Arm geben. Vor allem aber solle Europa sich stärker auf sich selbst besinnen: "Wir müssen unsere Interessen besser definieren", sagt von Dohnanyi, und mit den USA über reale Politik "streiten". Wo ganz genau diese Interessen liegen? Da wird der alte Herr dann doch etwas wage.

US-Präsident Donald Trump und Papst Franziskus schütteln sich im Vatikan die Hand. Im Hintergrund arbeiten Fotografen.

Röttgen findet Trump nur "peinlich"

Norbert Röttgen von der CDU, dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags geht das eh schon viel zu weit: Er hofft darauf, dass Trump auch den Republikanern zu Hause "peinlich" wird und will ansonsten einfach die "die transatlantische Gemeinschaft" irgendwie über Trumps Präsidentschaft "retten". Augen zu und durch! Wird schon gut gehen! Röttgen also will so recht gar keine eigenen europäischen Interessen definieren, sondern angesichts einer "chaotisierten Globalisierung" - und der Gefahr aus Russland! - lieber die "geopolitische Schicksalsgemeinschaft" mit den USA beschwören.

Wieder andere, etwa der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn, haben da schon ein paar Interessen: Er redet deshalb der Aufrüstung in Europa das Wort und träumt von einem Ausbau des Sicherheitsapparates im großen Stil. Am Ende beschleichen ihn dann aber angesichts des "sicherheitspolitischen Desinteresses der Öffentlichkeit" doch Zweifel, ob seine Forderung auch durchsetzbar sein wird. Im übrigen hofft er auf ein Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump, so wie auch Susan Neiman, die Philosophie-Professorin und Direktorin des Potsdamer Einstein Forums, die wachsenden Widerstand gegen Trump auch zu Hause in den USA wahrnimmt: "Er hat eine Situation geschaffen, in der man protestieren muss". Nur 35 Prozent der US-Amerikaner seien mit Donald Trumps Amtsführung zufrieden.

Je unverlässlicher Trump, desto besser für Europa?

Christoph von Marschall, langjähriger USA-Korrespondent des "Tagesspiegel", erinnert sich derweil voller Wehmut an Barack Obama, der gerade beim Kirchentag weilte – er war halt ein höflicher Mann voller guter Umgangsformen, das hat man ja gerne in der Diplomatie. Trump hingegen rette sich in "Zorn und Frustration", sagt von Marschall, weil er nicht mehr länger über das Bild bestimmen könne, dass sich die Öffentlichkeit von ihm mache: Etwas Küchenpsychologie darf ja auch mal sein, wenn man über jemandem urteilt, den man ja auch im Grunde auch nur aus den Medien kennt. Dennoch sieht er Trump als "handhabbaren Partner": Je unverlässlicher der sei, desto besser sei das ja für Europa, denn vieles von dem, was er im Wahlkampf forderte, "wollen wir ja gar nicht".

Donald Trump indes war mit seiner Reise durch die Welt ja sehr zufrieden. Jedenfalls äußert er das bei Twitter.