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TV-Kritik

Anne Will: Steinmeier? Ach, wenn er nur besser reden könnte

Ist Frank-Walter Steinmeier der richtige Bundespräsident, fragte Anne Will ihre Gäste. Ja, klar! Und wie! Aber mit zunehmender Dauer wuchsen die Zweifel. Im Visier des Unbehagens: seine Rhetorik.

Von Mark Stöhr

Anne Will

Die Wahl des neuen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier war bei Anne Will Thema Nummer eins

Hört sich so Begeisterung über einen neuen Bundespräsidenten an? Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters in Berlin: "Frank-Walter Steinmeier bringt die Expertise und die Netzwerke mit." Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär: "Er braucht keine Einarbeitungszeit in die Konflikte der Welt und kann sofort loslegen." Ulf Poschardt, Chefredakteur von WeltN24: "Steinmeier wird ein toller Präsident, aber ich hätte mir auch Andreas Voßkuhle vorstellen können." Der ist schon Präsident. Vom Bundesverfassungsgericht.

Die Runde bei Anne Will spiegelte gestern ziemlich gut die Stimmungslage der Mehrheit der Leute in Deutschland wieder: Steinmeier? Passt schon irgendwie. So ein symbolisches Staatsoberhaupt hat ja eh nicht viel auszurichten. Ein Besuch hier, eine Rede dort. Und wenn's passt, mal was Historisches raushauen wie Richard von Weizsäcker mit "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung" oder Roman Herzog mit "Durch Deutschland muss ein Ruck gehen". Das war's dann aber auch schon. Ganz ehrlich, was hat man vom präsidialen Wirken des gestern noch einmal hochgelobten Joachim Gauck großartig mitbekommen, wenn man beim Bügeln nicht gerade Deutschlandfunk hört oder FAZ-Abonnent ist?

Hannelore Kraft bei Anne Will: "Ich bin nicht abgehoben!"

Jetzt also Steinmeier, die Nummer 12 in der Präsidentenriege, der Anti-Trump mit der Berufspolitiker-Biografie. Für Hannelore Kraft, die NRW-Ministerpräsidentin, ist ihr Parteigenosse naturgemäß eine ausgezeichnete Wahl. Auch und gerade in Zeiten der Establishment-Kritik von rechts. Die geht ihr sowieso total auf die Nerven. "Ich bin nicht abgehoben und will mir das auch nicht dauernd unterstellen lassen!", schimpfte sie. "Bei uns kommen die Politiker nicht wie in Frankreich alle von der gleichen Eliteuniversität." Ganz im Gegenteil: Hier könne ein Buchhändler demnächst Bundeskanzler werden (Martin Schulz). Und mit Steinmeier wurde der Sohn eines Tischlers zum Bundespräsidenten gewählt.


Ein Unbehagen aber bleibt. Vor allem Ulf Poschardt unternahm mehrere Anläufe, die Personalie Steinmeier kritisch zu hinterfragen, ohne sie grundsätzlich in Frage zu stellen. Poschardts Hauptproblem mit dem ehemaligen Außenminister: dessen Rhetorik. Poschardt machte keinen Hehl daraus, dass er die Rede von Norbert Lammert gestern stärker fand als die des künftigen Bundespräsidenten. Er monierte allgemein die "tote, von Referenten autorisierte Sprache" in Politikerinterviews, die keinerlei Strahlkraft mehr besitzt.

Das Gegenteil von emotional und mitreißend

Steinmeier ist bekanntlich ein Meister der Abwägung, der tausendfach abgesicherten, diplomatischen Verschachtelung. Mithin das Gegenteil von emotional und mitreißend. Kann so einer den griffigen populistischen Parolen eine wettbewerbsfähige Kommunikation entgegensetzen? Poschardt hat da so seine Zweifel und setzt seine Hoffnung in Leute im Schloss Bellevue, "die gut Reden schreiben können". Vielleicht könne sich Steinmeier ja sogar an Twitter versuchen?

Gregor Gysi hat den SPD-Mann nicht gewählt, ihm aber bei der Bundesversammlung Beifall gespendet ("Aufstehen war mir zu viel"). Gysi ist im Gegensatz zu Steinmeier ein Meister der klugen und markanten rhetorischen Zuspitzung. Man hört ihm gerne zu. "Wir müssen lernen", sagte er gestern bei Anne Will, "eine Sprache zu finden, die die gesamte Bevölkerung versteht." Komplizierte Sachlagen in einfache Sätze übersetzen, heißt das. Doch anders als die Scharf- und Angstmacher. Gysi mit einer ziemlich genialen Populismus-Definition: "Populismus ist, einfach zu sprechen und zu wissen, dass es falsch ist."

Von Steinmeier, dem er immer noch die Agenda 2010 und den seiner Meinung daraus resultierenden "größten Niedriglohnsektor Europas" vorhält, erwartet er „keine langweiligen Eröffnungsreden“, sondern "Klartext". Mal hören, wie das unser künftiger Bundespräsident hinbekommt.

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