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Der 11. September 2001 und die Medien: Im Bann der Bilder

9/11 war ein Live-Erlebnis, das weltweite Public Viewing einer Katastrophe. Vor allem TV-Sender stießen an Grenzen. Was haben die Medien daraus gelernt?

Ein Gastbeitrag von Stephan Weichert

Vor 13 Jahren im TV: Die bewegende 09/11-Moderation von Peter Kloeppel

Der 11. September 2001 bleibt in den Köpfen der Menschen ein unauslöschbares Datum, verknüpft mit unauslöschbaren Bildern. Noch heute weiß jeder genau, wo er war, als er von den Anschlägen erfuhr - und was er empfand. Die Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Center sind tief eingebrannt in unser kollektives Gedächtnis, in ihrer Wirkung allenfalls vergleichbar mit der Ermordung Kennedys 1963, der ersten bemannten Mondlandung 1969 oder dem Fall der Berliner Mauer 1989.

Auch für die Medien - und hier vor allem für das Fernsehen - markierte die Berichterstattung 2001 eine Zäsur. Egal mit welchen Auslandskorrespondenten, Krisenreportern oder Nachrichtenredakteuren man zehn Jahre später darüber spricht, wird der 11. September immer wieder als krasser Einschnitt bezeichnet, als Auslöser für einen Sinneswandel in der Live-Berichterstattung über Krisen. Denn es war der Echtzeitfaktor, der die Medien besonders herausforderte. Ohne Vorwarnung, ohne Planungsmöglichkeiten, wurde 9/11 zu einem weltweit live übertragenem Armageddon. Alle Sender berichteten nur über die Anschläge, Zuschauer saßen stunden-, manche tagelang vor den Bildschirmen, oft im engen Freundes- oder Familienkreis, aber auch im Kreis von Kollegen oder sogar Fremden. 9/11 war ein "Public-Viewing-Event", lange bevor die Fußball-WM 2006 das Public Viewing chic machte. Nur ging es 2001 eben nicht ums gemeinschaftliche Vergnügen, sondern ums gemeinschaftlichen Bestaunen und Begreifen dieses Angriffs. Journalisten durften dabei nicht nur staunen: sie mussten aus dem Stand erklären, wie sich die Welt binnen Minuten fundamental veränderte - ohne viel mehr zu wissen als ihre Zuschauer. Sie waren Live-Kommentatoren einer Zeitenwende. Wie gingen sie mit dieser Rolle 2001 um? Und was haben die Medien aus der extremen Erfahrung gelernt?

Die Medien steckten in einem Dilemma

Als die Flugzeuge in das World Trade Center einschlugen, erwiesen sich die meisten Journalisten in den USA aber auch in Deutschland von der Rolle des Orientierungsgebers als überfordert. Die Bilder aus New York wirkten schlicht übermächtig, schockierend, surreal. Die tief fliegende zweite Passagiermaschine, der explodierende Feuerball, die zusammenstürzenden Zwillingstürme, die mit Staub überdeckten Straßen und umherirrenden Menschen. Diesem Eindruck konnten sich auch Medienprofis nicht entziehen. Als RTL-Nachrichtenchef Peter Kloeppel am 11. September 2001 das Unfassbare in Worte fassen muss, kämpft er mit den Tränen. Auch Ulrich Wickert, der damaligen Anchorman der "Tagesthemen", stockt die Stimme, als er die beiden Türme zusammenbrechen sieht. Live. Als er an jenem Dienstagnachmittag eilig in das ARD-Nachrichtenstudio nach Hamburg-Lokstedt gerufen wird, weiß er genau so viel wie der Zuschauer. Die Medien steckten in diesem Moment in einem Dilemma: Eigentlich hatten sie kaum etwas zu sagen. Die Wucht der Bilder sprach für sich selbst und bedurfte keiner Erläuterung. Tatsächlich erhellende Erklärungen konnten nicht sofort geliefert werden. Gleichzeitig erwartete das Publikum dieses Live-Ereignisses kompetente Einschätzungen. Es musste etwas Bedeutungsvolles gesagt werden.

Dieses Dilemma hatte direkte Konsequenzen. Zum einen wurden grobe, handwerkliche Fehler bei der Berichterstattung gemacht. Zwar war Osama bin Laden als Hauptverdächtiger schnell in aller Munde. Gleichzeitig aber schossen wilde Spekulationen über den Ablauf des Anschlags, über die genauen Opferzahlen - anfangs war bei RTL etwa von über 40.000 Toten die Rede - und mögliche Reaktionen ins Kraut. Aber auch subjektive Wertungen waren gang und gäbe, bei den deutschen Privatsendern mehr als bei den Öffentlich-Rechtlichen. So herrschte in der Nachrichtensendung RTL Aktuell gerade in der Anfangsphase durchgängig ein eher wenig dis-tanzierter, emotional gefärbter Ton vor, der sich etwa an Bush-freundlichen Einschätzungen ablesen lässt. Aber auch in der sonst eher nüchternen Tagesschau ist am 11. September, assoziativer als sonst, von einem "Chaos auf den Straßen" ist die Rede, das die "beispiellose Terrorwelle" angerichtet habe. Insbesondere die Korrespondenten werden im Fernsehen immer wieder als Augenzeugen befragt, die über persönlich Erlebtes, teils Privates berichten. Zum anderen versuchten die Sender, den nachvollziehbaren Kompetenzmangel dadurch wett zu machen, dass sie die gleichen Bilder immer und immer wieder zeigten. Die Berichterstattung wurde auch dadurch ungebremst emotionalisiert. Es war wie bei der Live-Berichterstattung zu einem Fußballspiel, wenn der erfolgreiche Torschuss immer und immer wieder aus allen Kameraperspektiven und in Zeitlupe gezeigt wird. Es ist kein Wunder, dass die Anschläge in New York zum meist fotografierten und meist gefilmten Ereignis der Mediengeschichte geworden sind.

Und? Was haben sie gelernt?

Allein, was haben die Medien aus diesem epochalen Ereignis gelernt? Die Dilemmata der Berichterstattung bei Live-Katastrophen sind immer wieder aufgetaucht - und werden es auch in Zukunft tun. Das Fukushima-Desaster zeugt davon ebenso wie der Fall des norwegischen Massenmörders Anders Breivik. Wenn man mit Journalisten spricht, sagen sie, seit 9/11 habe ein strategisches und moralisches Umdenken statt gefunden. Die Strategie bestehe nun darin, sich, so widersprüchlich das klingt, auf das Überraschende besser vorzubereiten, der israelische Terrorismusforscher Gabriel Weimann spricht im Zusammenhang mit Terrorereignissen von der Planung des Unerwartbaren, der "routinization of the unexpected."

Die Sender entwickelten neue Formate und redaktionelle Arbeitsabläufe, um der urplötzlich über sie hereinbrechenden Nachrichtenflut in Krisensituationen technisch und handwerklich Herr werden zu können. Video-Trailer, Montagen, Split-Screen-Verfahren und Computer-Simulationen sind Inszenierungselemente, die nach den Terroranschlägen Karriere machten - und längst nicht mehr nur US-Nachrichtensendungen prägen. Ganz praktisch gesehen werden Journalisten mittlerweile auch verstärkt auf Einsätze in Extremsituationen vorbereitet, mit Trainings, mit psychologischer Präventiv- und Nachbehandlung. Unproblematisch ist diese Aufrüstung jedoch nicht. Allein die neuen Inszenierungselemente und die einhergehende oftmals martialische Rhetorik schaffen mitunter Bedeutungsrahmen, die in die Irre führen. Anders als beim 11. September 2001 werden die Ereignisse dem oft nicht mehr gerecht. Oder, in anderen Worten, die stilistischen Mittel, die 9/11 hinterließ, jazzen Ereignisse heute oft unnötig hoch. Sie führen im Alltag zu einer im Wortsinn katastrophalen Berichterstattung, vor allem hinsichtlich einer Vorverurteilung und Konzentration auf Skandalthemen, wovon letztlich auch der Fall Strauss-Kahn oder die tödliche Love Parade in Duisburg als publizistische Kollateralschäden zeugen.

Same procedure: Fukushima

Dass die Medien immer noch keine überzeugende Antwort darauf gefunden haben, den Widerspruch zwischen übermächtigen, aber erklärungsbedürftigen Bildern und Informationsmangel auflösen zu können, zeigt das Beispiel Fukushima. Obgleich sich die Sender bewusst waren, wie heikel es ist, großzügig frei geschaufelte Sendezeit mit frischem, wertvollem Material zu füllen, wurde das Programm auch bei dem Atomdesaster an der japanischen Küste wieder frei geräumt. Auch hier verliehen Live-Bilder von der Explosion des Meilers dem Ereignis eine seltsame Dramatik, die Moderatoren und Korrespondenten zu Fehleinschätzungen und Kurzschluss-reaktionen verführte, was das gesamte Ausmaße der Katastrophe und die Folgen betraf: Das Spiel mit der "German Angst" wurde seinerzeit zum geflügelten Wort, die Agenturticker-Manie war obendrein ein schönes Gegenbeispiel dafür, dass eine Kernschmelze nicht den gleichen dramaturgischen Regeln folgt wie ein Champions-League-Finale. Ein weiteres Beispiel liefert der Massenmord auf der norwegischen Insel Utoya. Auch dort verstiegen sich Instant-Kommentatoren zu wilden und im Nachhinein unsinnigen Spekulationen über die Hintergründe und Motive der Täter - unabhängig von jeder sachlichen Erkenntnis.

Es geht hier nicht darum, den Medien vorzuwerfen, dass sie starke, emotionalisierende Bilder senden, auch live. Das gemeinschaftliche Beobachten fundamentaler Ereignisse, die sich in Jetztzeit abspielen, kann durchaus als Errungenschaft begriffen werden, auch als gemein-schaftsbildender, kathartischer Prozess. Die Rolle sozialer Medien - von Facebook, Twitter & Co. - als journalistische Prothesen, die allerdings erst ein paar Jahre nach 9/11 hinzugekommen sind, ist dabei nicht zu unterschätzen: Sie bieten die Möglichkeit, dass ein Ereignis von jedem Konsumenten sofort in soziales Handeln, in Kommunikation eingebettet und so in seiner Bedeutung interpretiert wird. Das alles schafft gewaltige Chancen. 9/11 war für diesen Prozess so etwas wie eine Initialzündung. Gleichzeitig hat sich jedoch erwiesen, dass Medien mit ihrer Rolle als kompetente Sofortkommentatoren überfordert waren und nach wie vor sind. Sie sind nicht im Stande zu leisten, was auch niemand sonst zu leisten vermag. 9/11 hat den früheren Welterklärern die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit aufgezeigt. Allein: diese Lektion ist offenbar noch nicht von allen Journalisten verstanden worden - auch zehn Jahre danach nicht.

Der Journalismus muss sich - auch oder gerade in Krisenzeiten - stärker vom flüchtigen Reiz der Schnelligkeit und der ungeprüften Aktualität lossagen. Und er muss sich auf das konzentrieren, was er im digitalen Zeitalter nicht-journalistischen Medienangeboten voraushat: die Professionalität und den Luxus, echte Geschichten nicht nur anhand von Bildern erzählen zu müssen.