Die Medienkolumne Der Alles-Kleber


Der "Spiegel" braucht einen neuen Chefredakteur: Claus Kleber, der Nachrichtenmann des ZDF, ist im Gespräch. Für Hörfunk und Fernsehen war er Korrespondent in Washington, dem "heute journal" hat er eine neue Lockerheit verpasst. Nur als Autor ist er bisher nicht auffällig geworden.
Von Bernd Gäbler

So herum ist es gewiss nicht gelaufen: Die Mitarbeiter KG (50,5%) und der Verlag Gruner+Jahr (25,5%) haben eine Riesenidee: Claus Kleber muss unbedingt "Spiegel"-Chef werden, darum muss der Amtsinhaber Stefan Aust gestürzt werden. Nein, niemand wäre auf diesen Gedanken gekommen. So wurde zuerst Aust gestürzt - halten wir fest: auf eine durch und durch unwürdige Art und Weise - und dann erst wurde hektisch gesucht. Es wurden Listen abgearbeitet, es gab mehrere Vorstellungsgespräche, dann stieg weißer Rauch auf. Auch wenn noch nichts unterschrieben ist, und das ZDF seinem "News-Anchor" noch ein Sonderangebot unterbreiten will - man darf davon ausgehen: Der neue Chefredakteur des "Spiegel" heißt Claus Kleber.

Vom Lerchenberg an die Brandstwiete

Das Foto zeigt Claus Kleber jubelnd. Er springt hoch mit angezogenen Beinen und schwenkt euphorisch die Mütze - als hätte er soeben das Angebot des "Spiegels" gehört. Im Hintergrund spannt sich die Golden Gate Bridge über die Bucht von San Francisco. Aber es ist nur die Postkarte, mit der das ZDF für einen neuen Film wirbt, den Claus Kleber mit Angela Anderson (tut sich der Mann nur mit Leuten zusammen, deren Namen - wie Gundula Gause - einen Stabreim aufweisen?) produziert hat: "Amerikas andere Seite - was Kalifornien besser macht". Am 12.12. wird er ausgestrahlt. Kleber hat ihn für das ZDF produziert; demnächst müsste ein solcher Film dann wohl in Kooperation mit "Spiegel TV" entstehen.

Claus Kleber ist sehr bekannt, ein netter Kerl und gewiss ein guter Journalist. Allein - diese Qualifikationen machen noch längst keinen guten "Spiegel"-Chef aus. Die Erben Rudolf Augsteins machen aus ihrer Skepsis keinen Hehl. Zum "Spiegel"-Chef gehört es, eine anspruchsvolle und gewiss komplizierte Redaktion zu führen - und vor allem: Man muss eine Idee haben von Sinn und Zweck des Blattes, des ehemaligen "Sturmgeschützes der Demokratie", also des Markenkerns eines zukünftigen Multimediahauses inmitten einer völlig veränderten Medienlandschaft. Ein "Spiegel"-Chefredakteur muss nicht unbedingt selber ein großartiger Schreiber sein oder erfahrener Investigator, aber ein "Blattmacher" mit Themenriecher. Einigen hätte man es zugetraut, die Sonderstellung des "Spiegel" mit Erfahrungen auf diesem Gebiet verteidigen zu können: Frank Schirrmacher, dem kampagnenfähigen "FAZ"-Herausgeber, Giovanni di Lorenzo ("Die Zeit"), dem umsichtigen Modernisierer, sicher auch Andreas Petzold (stern), der aber schon deswegen nie infrage kam, weil dies wie eine feindliche Übernahme des "Spiegel" durch den Verlag Gruner-Jahr gewirkt hätte. Aber auf Claus Kleber wäre spontan gewiss niemand gekommen. Einschlägige Erfahrung hat er nicht vorzuweisen.

Sehr locker, etwas konservativ

Seinen aktuellen Job macht Claus Kleber zweifellos gut. Er hat dem ZDF-"heute journal" eine neue Lockerheit und einen narrativen Stil verpasst. Was allerdings nicht ausreicht, um den Rückgang des Zuschauerzuspruchs aufzuhalten. Prägend in Erinnerung ist er vor allem, weil er - zunächst für den Hörfunk, später als Fernsehkorrespondent - sehr souverän aus den USA berichtet hat. Das gilt für die Zeit rund um den 11. September. Erstmals ins Zentrum der Aufmerksamkeit war er schon durch seine Wahlberichterstattung geraten. Insbesondere in der so lange zwischen Al Gore und George Bush jun. unentschiedenen Wahlnacht bestach er durch eine sich von der sonstigen Hektik angenehm abhebenden Ruhe und Unerschütterlichkeit. Stets hat er die Politik der Regierenden mit klaren Worten analysiert, aber nie Vorurteile bedient. Seit seinem langen USA-Aufenthalt nimmt man Claus Kleber die Attribute lässiger Weltläufigkeit ab.

Was weniger in Erinnerung ist: Er war schon einmal Chef. Und zwar: Chefredakteur des RIAS, ausgerechnet in der Zeit von Mauerfall und deutscher Vereinigung. Es ist aber weder überliefert noch erinnerlich, dass er hier ähnlich nah und prägend am Geschehen gewesen ist.

"Das bisschen, was ich von Journalismus verstehe..."

Kleber ist gelernter Jurist. Als Schüler - sein Abitur legte er in Bensheim bei Köln ab - schrieb er gelegentlich für den "Kölner Stadtanzeiger", seine einzige Erfahrung als "Schreiber". Während des Studiums in Tübingen hat er nebenbei beim Hörfunk gejobbt. Dr. Hubert Locher, eine schwergewichtige Größe des Hohenzollerschen Journalismus, war sein erster Mentor. Einmal durfte er eine Korrespondentin in Genf ersetzen. Das hat er so gut gemacht, dass er anschließend wagte, bei SWF 3 und seinem legendären "Macher" Peter Stockinger anzuklopfen. Noch während des Rechtsreferendariats hat er in Baden-Baden "illegal" morgens die "Litfasswelle" moderiert. Stockinger wurde ein weiterer wichtiger Lehrmeister. Etwas kokett sagt Kleber heute: "Das bisschen, was ich von Journalismus verstehe, habe ich bei ihm gelernt." Tatsächlich gab es damals strenge Kritik, und Stockinger machte alle mit dem heute leider vergessenen Lehrbuch "Der Zeitungsreporter" von Egon Jameson bekannt.

Heute ist SWF 3 nur noch als vergangener Mythos bekannt. Man könnte auch sagen, als der letzte Radiosender innerhalb der ARD, der die Jugend noch zu packen verstand. Es gab damals populäre englischsprachige Musik und einen schnellen und fundierten Journalismus. Er war nicht ideologiegeleitet progressiv. Deswegen konnte auch Kleber da mitmachen, der einem katholischen Milieu inklusive entsprechender Studentenverbindung entstammt.

Als Moderator des "heute journals" ist er darauf stolz, dass sein politischer Standort nicht eindeutig identifizierbar ist. Das mag der Moderatoren-Rolle entsprechen. Als "Spiegel-Chef" wird er das nicht aufrechterhalten können. Denn zu den in jüngerer Zeit deutlichen Schwächen des "Spiegel" gehört nicht nur, dass keine Scoops, Enthüllungen vom Ausmaß des Flick- oder Neue-Heimat-Skandals mehr gelungen sind, sondern auch, dass profunde, bissige Kommentare vermisst werden.

Der Nette als Retter?

Die wird Kleber nicht unbedingt selber verfassen müssen. Große Interviews kann er führen, auch wenn sein Befragen des US-Präsidenten George Bush als eher devot in Erinnerung ist. Bei Kurt Beck zeigt er Mut und Süffisanz. Dass er dabei den Kopf etwas schief legt, wird man ja demnächst nicht mehr sehen. Einen Sinn für PR hat er jedenfalls - spätestens als er Harald Schmidt zu solcher ins ZDF-Nachrichtenstudio lotste, wurde er sichtbar. Da ließ er sich gerne parodieren.

Natürlich muss Kleber den "Spiegel" nicht alleine retten. Martin Doerry, dem allein zu wenig Durchsetzungskraft attestiert wird, soll ihn als Stellvertreter ebenso flankieren wie der mit "Spiegel Online" so erfolgreiche Matthias Müller von Blumencron, dessen Berufung zum Chef vielen als Wende zum Boulevard hätte erscheinen müssen. Ein Dritter von außen soll hinzustoßen.

Viele sagen: Ein guter Journalist ist in allen Medien ein guter Journalist. Andererseits: Spezifische Kenntnisse für Print, Hörfunk TV und Online sind nicht trivial - und einer der wichtigsten Chefposten in der deutschen Medienlandschaft ist sicher kein Lernort. Dass die Augstein-Erben sich auch mit dieser Personalentscheidung ihrer Sorgen nicht enthoben fühlen, ist nachzuvollziehen. Noch ist das Land in einer Verfassung, dass es einen eigensinnigen "Spiegel" braucht.


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