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Meinung

Klimawandel: Joko bei Fridays for Future: "Ich habe eine unangenehme Wahrheit mitgebracht"

Joko Winterscheidt war beim Sommerkongress von Fridays for Future und hat erkannt: Der Klimawandel ist echt. In seinem Beitrag aus "JWD" fordert er, dass wir unsere Leben ändern müssen. Alle zusammen und jeder für sich.

Von Joko Winterscheidt

Joko auf der Bühne beim Sommerkongress von Fridays for Future in Dortmund

Joko auf der Bühne beim Sommerkongress von Fridays for Future in Dortmund

Freitage für die Zukunft. Auf Englisch hört sich das besser an. Fridays for Future. Ich habe diese Angelegenheit und den Trubel rund um Greta Thunberg lange beobachtet und unter "Interessant" abgetan. Bis vor einigen Wochen.

Für alle, die es nicht mitbekommen haben, Greta ist mittlerweile 16 Jahre alt und diejenige, die mit freitäglichen Streiks in Stockholm die Erste war, die gesagt hat: Wir dürfen nicht länger wegsehen, wir müssen handeln. Es geht um unsere Zukunft. Die globale Erwärmung ist real. Da es aber wahrscheinlich keinen interessiert, wenn Kinder auf die Straße gehen, müssen wir krasser sein, wir müssen die Schule schwänzen, jeden Freitag. So oder so ähnlich muss sie es wohl aufgesetzt haben.

Joko Winterscheidt beim Sommerkongress von Fridays for Future
Auf dem Kongress veranstaltet JWD einen Workshop. 14 Klimareporter und -reporterinnen machen mit.

Auf dem Kongress veranstaltet JWD einen Workshop. 14 Klimareporter und -reporterinnen machen mit.

Da sich aber auch niemand für ein einzelnes Kind interessiert, hat sie die Fridays for Future initiiert und Jugend­liche auf der ganzen Welt mobilisiert. Deren Mission? Freitags nicht in die Schule gehen und der Politik damit Feuer unterm Arsch zu machen, damit sie endlich handelt.

Gesagt, getan.

Sie hat wohl eine der wichtigsten Initiativen gestartet, die ich in meinem jungen Leben mitbekommen habe. Obwohl sie aber jeden Freitag Millionen Jugendliche mobilisierte, sollte sie recht behalten: Es interessiert sich niemand für ihr Anliegen. Die Erwachsenen diskutieren lieber, ob es okay ist, wenn die Kinder und Jugendlichen freitags nicht mehr in die Schule gehen.

Ich möchte das kurz beantworten: Ja, es ist okay. Es ist sogar notwendig. Die Kinder sind hier nicht die Täter, sondern die Opfer. Vor einigen Wochen habe ich dann einen Artikel in der "SZ" gelesen.

Da wurde Matthias Garschagen, Geografieprofessor in München und einer der weltweit führenden Forscher für Wetterextreme befragt, was denn dran sei an der Forderung, die Klimaerwärmung mit radikalen Maßnahmen zu senken, weil es um Leben und Tod gehe. Er erklärte: "Eines ist sicher: Der Klimawandel ist kein Modethema. Er wird uns nicht mehr loslassen. Es reicht aber auch nicht, nur an die Freiwilligkeit der Leute zu appellieren. Wir brauchen eine Politik, die den Wandel steuert." Kurzum: Was Greta Thunberg ins Leben gerufen hat, ist lebensnotwendig. Dennoch handelt niemand. Ich bin verwundert und verfolge die News zum Klimawandel seitdem etwas genauer. Und ich frage mich: In was für einer Welt Leben wir eigentlich? Wenn wir Meerwasser entsalzen, es dann zu Schnee umwandeln und über der Antarktis schneien lassen, dann besteht die Chance, dass vom Anstieg der Meeresspiegel betroffene Küstenstädte vor Überschwemmung geschützt werden könnten. Das sage nicht ich, das sagen Wissenschaftler. Andere Wissenschaftler sagen, nur durch Aufforstung der Wälder können wir zukünftigen und auch schon jetzigen CO2-Belastungen die Stirn bieten und die Klimaerwärmung abwenden. Dann sehe ich eine Reportage in der ARD, die die E-Mobilität so dermaßen zerlegt, dass ich nicht mehr ruhigen Gewissens ein E-Auto fahren kann. Nur um wenige Tage später einen renommierten Blog zu finden, der diesen Beitrag wiederum in seine Einzelteile zerlegt und alles entkräftet, was in der ARD-Reportage an Thesen aufgestellt wurde.

Was soll ich denken? Was soll ich glauben?

Es gibt zu viele Meinungen zur Klimaerwärmung. Wie viele andere wohl auch, bin ich einfach lost. Ich habe keine Ahnung, was ich machen kann und was nicht, und handle nach bestem Wissen. Jedes Mal, wenn ich ein Flugzeug besteigen muss, gehe ich vorher auf Atmosfair und erkaufe mir ein reines Gewissen. Auf der Plattform tippt man seine Flugroute ein, auf deren Basis der CO2-Ausstoß und die Kosten errechnet werden, um diesen zu kompensieren.

Natürlich heißt das nicht, dass ich mich freikaufen kann. Es ist auch Quatsch zu glauben, dass Atmosfair ein Mittel kennt, um die Welt zu retten. Aber sie geben mein Geld an Einrichtungen weiter, die sich im Klimaschutz engagieren. Ich habe das rückwirkend gemacht, weil ich das Gefühl hatte, es ist meine Pflicht. Aber verändere ich damit etwas? Ich glaube nicht. Ich muss mein Verhalten ändern, aber nicht nur ich.

Wir alle.

Entweder oder: "Lieber Serien ohne Inhalt oder Pornos mit Handlung?" – Joko stellt sich delikaten Fragen

Freitags gehen Schüler auf die Straße und demonstrieren für eine bessere Klimapolitik. Ich frage mich: Warum nur Schüler? Können wir nicht alle freitags unsere Arbeit niederlegen und auf die Straße gehen? Es geht uns alle an! Mir macht die Entwicklung unseres Klimas große Angst. Wir erleben den heißesten Tag des Jahres mit Rekordtemperaturen seit Aufzeichnung des Wetters, nur um tags darauf den heißesten Tag des Jahres mit Rekordtemperaturen seit der Aufzeichnung des Wetters zu erleben. Das ist nicht normal.

Aber mein größtes Problem habe ich damit, dass durch Greta Thunberg inspiriert seit Monaten Kinder weltweit auf die Straßen gehen (in Ferien- wie zu Schulzeiten übrigens), und die Politik Abkommen trifft, die 2050 greifen oder 2038. Mit anderen Worten: viel zu spät. Kein einziger Politiker, der diese Abkommen im Namen seines Landes unterzeichnet, wird dann noch aktiv sein und dafür einstehen oder kontrollieren, dass diese Ziele auch erreicht werden. Ich habe das Gefühl, die Politik nimmt dieses Problem nicht ernst. Wie sie generell Probleme nicht ernst nimmt. Weil Probleme meist Probleme mit sich bringen.

Aber nochmals: Wir haben keine Zeit mehr zu warten

Erste Wissenschaftler sagen bereits: Wir werden das Problem der Klimaerwärmung nicht lösen, die Erde ist dem Untergang geweiht. Das macht mir noch mehr Angst. Dennoch versuche ich, meinen Teil dazu beizutragen, um diese Wissenschaftler vielleicht Lügen strafen zu können.

Wie? Ich fahre zum Beispiel Zug, wann immer es geht. So auch an diesem Mittwoch Anfang August. Ich bin verabredet mit den Mädels und Jungs von Fridays for Future, oder wie sie es nennen: FFF. Deren Sommerkongress findet in Dortmund statt, mich erwartet ein ­Zusammentreffen von rund 1500 Jugendlichen. Jugendliche, die sich austauschen wollen über Maßnahmen, die sie treffen müssen, um endlich die Politik zu bewegen. Denn obwohl sie zu diesem Zeitpunkt seit 33 Wochen jeden Freitag streiken und über eine Million Menschen auf den Straßen standen und Veränderungen gefordert haben, passiert in der Politik – nichts. Im Gegenteil. Die Entscheidungen, die gefällt und als Maßnahmen ­präsentiert werden, sind irre und realitätsfremd.

Meldungen wie "230.000 Inlandsflüge von Ministerien und Behörden 2018 absolviert" sprechen eine eigene Sprache und lassen mich dennoch nicht ungläubig zurück. Es passt zu ihrem politischen Handeln. Wir als Einzelpersonen überlegen uns, wie wir mit Zugfahrten unseren Teil dazu beitragen, weniger CO2 in die Luft zu pusten. Und jene, die in den Positionen sind, Veränderungen herbeizuführen und uns vertreten sollen, die wir gewählt haben, fliegen 230.000-mal im Jahr? Das ist schon verrückt.

Joko (links) und Klaas moderierten den 15-minütigen Beitrag nur kurz an - und ließen dann andere sprechen, "die mehr zu sagen haben".

Meiner Meinung nach sollten Ministerien ihren Leuten Inlandsflüge verbieten, allein damit sie die Missstände bei der Deutschen Bahn miterleben müssen und verstehen: Wir müssen handeln, und wenn es nur ein besseres Bahnfahren ermöglicht und ein geringerer CO2-Ausstoß nur das Nebenprodukt ist.

Es ist nicht mehr die Zeit, auf egal welches Problem mit dem Finger zu zeigen und zu sagen: "Da sollen die sich mal drum kümmern!" Es ist die Zeit, in der wir alle mit dem Finger auf uns zeigen und uns fragen müssen: "Was kann ich tun?" Und es ist nicht mehr die Zeit, unpolitisch zu sein.

Auf dem Sommerkongress in Dortmund treffe ich auf Helena Marschall und Lucas Pohl, kurz Luke. Helena ist 17 und geht noch zur Schule, Luke ist 21 und studiert. Die beiden haben die letzten sechs Wochen (während ihrer Ferien!) in einer WG in Dortmund gelebt und diesen Kongress auf die Beine gestellt. Die beiden waren nicht allein, mit ihnen waren noch 20 andere, die alle in ihrer Freizeit diesen Kongress für andere jugendliche Aktivisten erarbeitet haben. Die beiden erzählen mir davon, wie viel Spaß es ihnen macht, so eine Veranstaltung auszurichten, mit Zeltlager, Panels, Workshops und Konzerten. Weil sie so etwas noch nie gemacht haben und alles funktioniert. Sie erzählen mir, wie unglaublich es ist, wie unglaublich alle in ihrem Team sind. Niemand weiß immer genau, was zu tun ist, aber alle sind füreinander da und helfen, wo sie können. Am Ende haben sie ein Event auf die Beine gestellt, das einem kleinen Festival gleicht.

Klima-Proteste: "Fridays for Future"-Kongress: "Nochmal besser vernetzt"

Helena und Luke sind halb so alt wie ich und jetzt schon lebensweiser als ich es jemals seine werde. Es ist erschreckend und großartig zugleich. Denn ich weiß, all die Leute, die ich an diesem Tag in Dortmund kennenlerne, machen das nicht, weil sie schulfrei haben wollen. Diese Leute sehen es als ihre Pflicht an, zu handeln und die Gesellschaft aufzuwecken. Wir sprechen über Nächte, die sie durcharbeiten, weil sie Mails abarbeiten. Von Freizeitwerten, die nahe null laufen, weil neben FFF kaum Zeit für Party oder andere Dinge bleibt, die Menschen in ihrem Alter sonst so machen. Sie haben ihre Aufgabe innerhalb der Gesellschaft gefunden und nehmen diese ernst. Da ist das freitägliche Auf-die-Straße-Gehen nur die Spitze des Eisbergs.

Ein Teil der Bewegung zu sein, ist eine Lebensaufgabe und eine Lebenseinstellung. Da machen sie nicht mit, um ein paar Stunden weniger Schule zu haben. Da machen sie mit, weil sie es als ihre Aufgabe empfinden, Verantwortung zu übernehmen. Sie erzählen mir auch, wie viel Hass ihnen immer wieder begegnet, weil viele Menschen sie anscheinend als Bedrohung empfinden. Als Bedrohung für ihren Alltag. Weil Menschen bequem sind, bepöbeln sie lieber Jugendliche, als ihr eigenes Verhalten zu ändern. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, dass das so ist.

Aber ich sollte eines Besseren belehrt werden

Ich kann nicht sagen, was ich gemacht habe, aber ich weiß, mir schlägt auf einmal irrwitziger Hass entgegen, weil ich einen Tag beim Sommerkongress der Fridays-for-Future-Aktivisten verbracht habe. Ich möge mir doch selbst mal die Frage stellen, was ich leiste, um Veränderungen zu generieren. Ich solle doch gefälligst mal meinen AMG in der Garage lassen. Ich sei ein verlogenes Arschloch. Ich solle meinen Elfenbeinturm verlassen und aufhören, kluge Reden zu schwingen. Diese Kommentare prasselten auf mich ein.

Also, einmal der Reihe nach. Was ich leiste? Ich fliege nur noch die unvermeidbaren Strecken und kompensiere diese. Ich habe meinen Fleischkonsum auf ein Minimum reduziert, ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wann ich zuletzt Fleisch gegessen habe. Ich habe meinen SUV gegen einen Kleinwagen getauscht, ein AMG war es leider sowieso nie, da war ich zu geizig für.

Ich bin also ein verlogenes Arschloch, weil ich in meiner Freizeit auf eine Veranstaltung gehe, auf der junge Leute sich organisieren, um die Politik unter Druck zu setzen? Ich checke es nicht. Ich sage gar nicht, dass ich frei von Lastern bin, die CO2-Fußabdrücke hinterlassen haben, die unverantwortlich waren. Aber ich habe für mich erkannt, dass ich bei mir anfangen muss, wenn ich Veränderung will. Aber was ist das Problem der anderen? Kann es sein, dass wir alle zu bequem geworden sind? Wir sind diejenigen, die die Politik dazu bringen müssen zu handeln. Wir sind diejenigen, die dafür zuerst handeln müssen. Da können mich noch so viele Menschen beleidigen, mir hasserfüllte E-Mails schreiben, meiner Familie drohen und meine Mitarbeiter am Telefon beleidigen. Ich werde deswegen nicht aufhören.

Im Gegenteil.

Regt euch alle auf über das, was ich sage, beschwert euch über den Unsinn, der da aus meinem Mund kommt. Aber fragt euch auch, was aus eurem Mund kommt. Wenn ihr Dinge sagt wie: "Ach, das Klima hat sich immer verändert, es gab immer schon Schwankungen", dann denkt noch mal darüber nach, ob all diese Wissenschaftler falsch liegen, wenn sie sagen, es ist kurz nach zwölf, wir müssen jetzt handeln, sonst wird es unerträglich auf diesem Planeten. Oder denkt noch mal nach, ob ihr mit euren Stammtischweisheiten argumentieren wollt. Werdet aktiv. Sagt was. Aber wenn ihr etwas erreichen wollt, nicht in meine Richtung. In Richtung der Politiker und am besten freitags auf den Straßen dieses Landes.

Greta Thunberg (links) auf der "Malizia II"

Hört auf, eure Energie und Lethargie an mir abzuarbeiten

Steht auf und geht freitags auf eine Demo in eurer Nähe. Keiner muss sich rechtfertigen, wenn das in seinem Beruf nicht geht, weil sonst Menschen sterben würden oder die Sicherheit auf unseren Straßen nicht mehr gegeben wäre. Wenn dem so ist, dann bin ich doch schlau genug zu verstehen, dass es euch nicht möglich ist. Dann bitte ich euch, kümmert euch um die Menschen, die ihr pflegt, kümmert euch um die Sicherheit auf unseren Straßen. Aber all den anderen, die in ihrem Leben noch nichts verändert haben und noch nicht mal zu ihrem Chef gegangen sind und gesagt haben: "Ich würde freitags gern mal auf so eine Demo, weil ich glaube, dass das für uns alle wichtig ist, ginge das wohl?" – denen sage ich: Haltet. Einfach. Euren. Mund.

Und noch viel wichtiger, lasst mich und alle anderen, die aktiv sind, in Ruhe. Wir brauchen hier keinen Gegner. Wir brauchen ein Miteinander, und wenn ihr anderer Meinung seid, ist das in Ordnung. Wir machen den Job für euch mit, und das sogar gern. Weil wir alle im selben Boot sitzen.

Diese Geschichte stammt aus der 14. Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.