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Porträt Richard Branson: Weltraumreisen mit einem Milliardär

Richard Branson verkaufte unter dem Label "Virgin" erst Platten, dann Flugtickets. Und bald bietet er Reisen in den Weltraum an. Der stern besuchte ihn auf seiner Privatinsel in der Karibik und in seinem Luxus-Chalet in der Schweiz.

Von Cornelia Fuchs

Richard Branson lacht, als er die Fotoabzüge sieht, die ihn beim Kitesurfen vor seiner karibischen Insel Necker zeigen. Er beteuert sofort, dass es nicht seine Idee war, sich eine nackte Frau auf den Rücken zu packen - der Fotograf habe die Idee gehabt. "Und wie konnte ich einen solchen Vorschlag ausschlagen?", fragt er. "Das Leben ist doch da, um Spaß zu haben."

Branson legt ein paar Holzscheite nach im Wohnzimmerkamin seines Schweizer Chalets. Er kommt gerade vom Skifahren und hat die blauen Socken mit der weißen Zehenpartie noch an. Im Untergeschoss spielt sein Sohn Sam, 23, Gitarre. "Sam, wunderbar klingt das, ganz toll", ruft der Vater herunter. "Mensch, dank dir", schallt es zurück. Es ist heimelig im Hause Branson, in einer von vier Luxusimmobilien, die Sir Richard abwechselnd bewohnt. Er pendelt zwischen der Karibik, einem südafrikanischen Nationalpark, den Schweizer Alpen und einem Herrenhaus bei Oxford.

55.000 Mitarbeiter

Eine Woche wollte er hier in Verbier im Wallis in Ruhe Ski fahren, aber jetzt sieht es so aus, als müsse er schon morgen nach Großbritannien zurück. Der Premierminister hat einen Krisengipfel einberufen, und Richard Branson, Gründer der Marke Virgin und Herr über 55.000 Mitarbeiter, 200 Firmen und geschätzte 17 Milliarden Euro Jahresumsatz, ist zur Rettung der Wirtschaftswelt einberufen worden. Jetzt trinkt er aber erst einmal eine Tasse Tee und lümmelt sich im Ledersessel gegenüber dem Kaminfeuer. Die Füße legt er auf den niedrigen Holztisch, auf dem später umsichtige Hausangestellte kleine Canapés mit Lachs und Leberwurst anrichten werden. Branson zeigt währenddessen die Fotoabzüge herum, er liebt wilde Ideen. Für den Fotografen hat er beim Feuerspucken mit seinem Sohn posiert. "Ich habe mir fast den Bart abgefunzt", sagt er.

Seine Frau Joan gibt sich von den Bildern auffallend unbeeindruckt. Seit 32 Jahren ist Branson mit der bodenständigen Schottin aus Glasgow zusammen. "Und ich weiß genau, wie weit ich gehen kann", sagt Branson. Joan regt sich vor allem darüber auf, dass er auf einem Foto die Zunge herausstreckt. "Ein Kind dürfte so was nicht", sagt sie.

Aber Sir Richard Branson schon. Der Erfinder der Plattenläden Virgin Megastores und Inhaber der Fluglinie Virgin Atlantic wurde ohne das Scham-Gen der britischen Oberklasse geboren. Wenn es seiner Marke dient, wirft Branson sich ins Zeug. Nach 40 Jahren Selbstdarstellung ist er selbst zur Marke geworden. Beim Streben nach immer neuen Rekorden hat sich Branson fünfmal nach Havarien aus dem Meer fischen lassen. Er ist mit 320 Stundenkilometern in einer Kapsel unter einem Riesenheißluftballon durch die Luft geschossen und hat sich nackt bis auf ein strategisch günstig positioniertes Virgin-Mobiltelefon auf dem New Yorker Times Square abseilen lassen.

In allen Branchen vertreten

In England gilt Branson als Hansdampf in allen Geschäftsbereichen, von Virgin-Wein bis Virgin-Wodka, von Virgin-Fitnessstudios bis Virgin-Finanzen. Seit Jahren arbeitet er mit Virgin Trains daran, der englischen Bahn Verspätungen und miesen Service abzugewöhnen. Er hat vor dem ersten Golfkrieg Geiseln mit seiner Fluglinie aus Bagdad gerettet und will nun als Vorsitzender der Patientenvereinigung die Hygiene in britischen Krankenhäusern revolutionieren - seine Tochter Holly, 26, ist Ärztin.

Dabei wirkt Branson nicht wie ein lauter Besserwisser. Seine Stimme ist sanft. Er spricht langsam, fast bedächtig, und wenn ihm die richtigen Worte nicht einfallen, füllt er die Pausen mit langgezogenen Hmmms und entschuldigt sich im feinen Akzent englischer Privatschulen dafür, dass er nicht schneller geantwortet habe. Dann bietet er noch eine Tasse Tee an.

Seine höfliche Art hat Branson jedoch noch nie daran gehindert, gute Geschäfte zu machen. Hat er keine Angst vor diesem Jahr, dem Jahr der großen Rezession? Branson lacht und wechselt die Teetasse von einer Hand in die andere. Nein, sagt er, der Abschwung sei die richtige Zeit für gute Geschäfte: "Mich hat vor drei Jahren ein Mitarbeiter davor gewarnt, dass eine Finanzkrise bevorstehe. Daraufhin habe ich alle meine Aktien verkauft." Branson sagt, er wolle gerade jetzt investieren.

Immer mehr wollen

Die erste Gelegenheit bot sich im Herbst 2007, als die britische Bank Northern Rock vor dem Kollaps stand und sich lange Schlangen vor den Filialen bildeten. Bransons Idee: Er, der bekannteste Unternehmer des Landes, könne das Vertrauen in die Banken wiederherstellen - dazu müsse Northern Rock einfach zu Virgin werden.

Doch die Politik traute dem Selbstvertrauen Bransons nicht. Die Bank wurde verstaatlicht - wie inzwischen drei weitere britische Finanzhäuser. Ist er heute glücklich, dass Northern Rock nicht sein Problem geworden ist? "Wir hätten eine großartige Bank aufgebaut", sagt Branson, "Aber schon der Versuch, Northern Rock zu kaufen, hat uns enorm viel Geld eingebracht. Kunden haben uns doppelt so viel Geld anvertraut wie im Jahr zuvor!"

Diese Geschichte vom Gewinn in Zeiten des Umsturzes ist ganz im Sinne einer Familien-Ethik, die postuliert: niemals stillsitzen, niemals aufgeben, immer mehr wollen. Bransons Mutter setzte den Jungen Richard schon mal auf ein Fahrrad und wies ihn an, 70 Kilometer an die Küste zu fahren und wieder zurück. Seinen Schlafplatz unterwegs sollte er sich selbst suchen, wie auch genug Wasser zum Trinken. "Meine Frau hätte mich angezeigt, wenn ich so etwas mit meinen Kindern probiert hätte", sagt Branson. Aber er habe damals gelernt, sich niemals von etwas abhalten zu lassen, schon gar nicht von eigener Angst.

"Etwas weniger steif"

Trotz Rechtschreibschwäche gewann Branson in der Schule einen Essay-Wettbewerb. Und obwohl er im Internat Stowe noch nicht einmal den Hauptschulabschluss schaffte, verließ er die Schule mit 16 Jahren nicht als Versager, sondern als Herausgeber einer eigenen Zeitschrift. Er stand im Briefverkehr mit dem Premierminister und hatte Interviewzusagen von Jean-Paul Sartre und Mick Jagger. Branson zog auf ein Londoner Hausboot und veränderte die englische Geschäftswelt wie kaum ein Unternehmer vor ihm.

"Vielleicht habe ich dazu beigetragen, dass die Londoner City etwas weniger steif wurde", sagt Branson mit ungewohnter Untertreibung. Als er Anfang der Siebziger als Jungunternehmer in Jeans und Pullover und manchmal ohne Schuhe im Privatbankhaus Coutts auftauchte und um Kredit bat, verhinderten nur die Kontakte seiner Eltern seinen sofortigen Hinauswurf.

Branson residierte mit seinem ersten Unternehmen Virgin Music in einem Herrenhaus mit Tonstudio, in dem er gern wilde Partys feierte. Zu Konferenzen lud er Bankmanager auf sein Hausboot ein. Mike Oldfield, die Sex Pistols und Boy George hat Branson damals herausgebracht. "Ich klinge wie ein Großvater, aber das war die beste Zeit", sagt er. Was schwer zu glauben ist angesichts des angenehmen Umfelds, in dem er heute lebt. Das Schweizer Chalet wird während seiner Abwesenheit für bis zu 80.000 Euro pro Woche vermietet, Masseur und Koch inklusive. Im Untergeschoss glitzert ein Pool inmitten von dunklen Schieferplatten. Davor liegt der Medienraum, in dem Branson gern am großen Flachbildschirm virtuelles Golf spielt und am liebsten dabei gewinnt.

Branson lebte privat schon immer wie ein Hedonist - seine erste Ehe scheiterte an Affären auf beiden Seiten -, aber er war stets knallharter Geschäftsmann. So verkaufte er vor zwei Jahren alle Virgin Megastores, mit denen er sein Imperium Anfang der 70er Jahre begründet hatte. Dass die derzeit pleitegehen und das legendäre Geschäft am Londoner Piccadilly Circus inzwischen leer steht, ist für ihn logische Konsequenz eines veränderten Geschäftsumfeldes: "Schon vor Jahren wusste ich, dass der Platteneinzelhandel keine Zukunft hat - und ich wollte noch nie an einem Unternehmen beteiligt sein, das Insolvenz anmelden muss." Zeit für Sentimentalitäten hatte Branson noch nie.

Schon früh verlagerte er den Sitz seiner Firmen auf kleine Inseln mit günstiger Steuergesetzgebung. Virgin war stets ein für Außenstehende undurchsichtiger Zusammenschluss kleiner und kleinster Unternehmen. Branson baute sich so ein eigenes Finanzierungsnetzwerk auf: Geld fließt von etablierten Firmen in Start-ups. Nicht immer sind alle Ableger profitabel - Virgin Cola, zum Beispiel, häufte über Jahre mehrere Millionen Euro Defizit auf.

Branson sagt, dass ein erfolgreicher Geschäftsmann die Angst vor dem Ungewissen überwunden hat. Kann ihn nicht gerade das leichtsinnig werden lassen? Er überlegt lange, bevor er antwortet, und er lacht diesmal nicht. "Wissen Sie, es war sehr traurig, über den deutschen Unternehmer zu lesen, der sich das Leben nahm", sagt er schließlich. "Dabei muss er ein sehr faszinierendes Leben gehabt haben." Branson schweigt wieder. Seine Augen heften sich auf den Boden, suchen im Raum, bleiben am Kaminfeuer hängen. Er schaut selten in die Augen seines Gegenübers, wenn er spricht. "Selbst wenn man alles verliert - dann geht man eben nach Bali, wo das Leben fast nichts kostet, und beginnt wieder neu. Aus Fehlern lernt man!"

Abenteuer auch für die Kinder

Vielleicht redet Branson jetzt auch ein bisschen mehr über Branson als über einen ihm unbekannten Unternehmer namens Adolf Merckle in Deutschland, als er anfügt: "Und Familie und Freunde sind sowieso das Wichtigste!" Bei der Geburt seines Sohnes Sam 1985 überquerte er gerade auf einem Schnellboot den Atlantik, auf der Jagd nach einem neuen Weltrekord. Bei der Geburt seiner Tochter Holly drei Jahre zuvor war er so betrunken, dass ihn die Ärzte im Krankenhaus in ein separates Bett packten. Er sagt, er und seine Frau Joan ergänzten sich als Eltern perfekt: "Sie ist großartig, aber auch sehr vorsichtig. Ich habe dafür gesorgt, dass meine Kinder auch was erleben."

Branson hat seinen Sohn Sam ein Stück auf einer dreimonatigen Arktis-Expedition begleitet, als dieser mit einem Forschungsteam auf Hundeschlitten die kanadische Baffin-Halbinsel durchquerte. Am langen Esstisch im Schweizer Chalet tauscht die Familie Branson zwischen Rucolasalat mit Schafskäse und Rinderfilets mit Pfeffersauce wie selbstverständlich Anekdoten aus über das physikalische Verhalten ausgelaufener Urinbehälter in Schlafsäcken unter arktischen Verhältnissen und über wilde Wasserbüffel, die in afrikanischen Flüssen beinahe ihre Ausflugsboote zum Kentern gebracht haben. Vor wenigen Monaten hat Branson mit seinen Kindern versucht, in einem Segelboot den Atlantik zu überqueren, ein bisschen zum Spaß, aber auch, um einen neuen Weltrekord aufzustellen. Das verhinderte ein Sturm, sie werden es noch einmal probieren. "Es war aber niemals lebensgefährlich", beteuert Branson.

Er hat genug davon, sein Leben für Abenteuer aufs Spiel zu setzen. Auf den Tod seines Freundes Steve Fossett angesprochen, seufzt er tief und schaut wieder in das Feuer. Dann erzählt er, dass Fossetts Witwe ihn gefragt habe, ob er anstelle ihres Mannes in ein Auto steigen wolle, das den Geschwindigkeitsrekord auf Land brechen sollte. Branson hat abgelehnt, das Risiko war ihm zu hoch. "Steve war fantastisch", schiebt Branson schnell nach, aber er sei inzwischen zu erwachsen für so etwas.

Weltraumtourismus

Branson will der Menschheit - und vor allem sich selbst - noch einige Träume erfüllen. Und als er das erzählt, setzt er sich auf, stellt die Teetasse auf den Beistelltisch und beugt sich vor. "Normalsterbliche werden ins All reisen können", sagt er dabei. "In den nächsten Wochen wird das Mutterschiff von Virgin Galactic zu einer Testfahrt in die Erdumlaufbahn aufbrechen, im August oder September lassen wir Raumschiffe von dort aus zu Testläufen starten. Und nach einigen Monaten werde ich dann meine Familie mitnehmen und unsere Mission offiziell beginnen."

Hat er keine Angst vor den finanziellen Risiken eines solchen Unternehmens? Diese Bedenken wischt Branson mit einer schnellen Handbewegung zur Seite: "Das Ganze kostet uns so viel wie der Bau eines einzigen 747-Jets. Und in diesem Fall bekommen wir für das Geld fünf Raum- und zwei Mutterschiffe." Schon bald werden die Tickets weit weniger als 200.000 Dollar kosten, glaubt Branson, und je mehr Leute fliegen, desto besser für ihn: "Das wird ein großartiges Aushängeschild für die Virgin-Gruppe - wir werden auf der ganzen Welt die Einzigen sein, die Reisen ins All anbieten." Stephen Hawking hat sich für die Jungfernfahrt schon angemeldet, eine Tatsache, die Branson "absolut fantastisch" findet: "Ich verehre diesen Mann sehr."

Und als sei die Eroberung der unendlichen Weiten noch nicht genug, will Branson auch noch die Erderwärmung besiegen. Er kümmert sich wenig um den Widerspruch, dass er als Besitzer von vier Fluglinien und mehreren Raumschiffen die Umwelt schädigt, die er retten will: "Wir investieren immerhin unseren gesamten Gewinn in die Erforschung alternativer Treibstoffe!" Dann rechnet er vor, dass eine Fahrt ins All mit Virgin Galactic nicht mehr CO2 kostet als ein Rückflugticket von London nach New York. Das sei technologischer Fortschritt, der bald vom normalen Luftverkehr genutzt werden könne.

Der Ältestenrat

"Die Leute sollen sich nicht an mich erinnern, weil ich in Heißluftballons geflogen bin", sagt der 58-Jährige. Er erzählt stolz von dem Kampfzentrum für Umweltstrategien, das er gründen will. Und dann ist da noch der Ältestenrat, der die Weltgemeinschaft vor Kriegen retten soll. Wahrscheinlich kann eine solche Idee nur Richard Branson haben, der mit einer ähnlichen Chuzpe als 16-Jähriger den Premierminister um Hilfe für sein Jugendmagazin bat und der in den 80er Jahren eine Fluglinie mit einer einzigen geliehenen Boeing 747 gründete. Die Idee, einen Ältestenrat zu Hilfe zu rufen, kam ihm und seinem Freund, dem Musiker Peter Gabriel, angesichts des drohenden Irak-Kriegs. Wenn wir nur jemanden finden, der Saddam Hussein zum Exil in Libyen überreden kann, dann können wir den Krieg aufhalten, dachte Branson. Und schrieb an Nelson Mandela, ob der nicht nach Bagdad fliegen wolle. Das Virgin-Flugzeug stand in Johannesburg schon bereit, da fielen im März 2003 die ersten US-Bomben auf den Irak.

Inzwischen haben sich als "The Elders" neben Mandela elf weltweit geachtete Männer und Frauen zusammengefunden. Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan und der südafrikanische Bischof Desmond Tutu konnten helfen, in Kenia eine neue Koalitionsregierung zu schmieden und so das Morden auf den Straßen vorerst zu beenden.

Branson hat sich wieder zurückgelehnt in seinen Sessel. Den Tee hat er ausgetrunken, zum Abschluss des Abends bestellt er ein Glas Champagner. "Dieser Ältestenrat ist wahrscheinlich das Wichtigste, was ich in meinem Leben überhaupt gemacht habe", sagt er. Und es sieht so aus, als habe er dabei noch mehr Spaß als beim Kitesurfen mit einem nackten Model.

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