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Frachter "Arctic Sea": Geisterschiff auf Irrfahrt

Mafiosi, Geheimdienste, Piraten - alle jagen angeblich die "Arctic Sea". Es muss eine besonders wertvolle Fracht an Bord dieses Geisterschiffs sein. Und was geschah mit der Besatzung?

Haben Piraten oder die Mafia die "Arctic Sea" entführt? Hatte der Holzfrachter eine geheime oder gefährliche Fracht geladen? Und warum ist Russland so daran interessiert, das 4000 Tonnen schwere und 98 Meter lange Schiff zu finden, das nach seiner Fahrt durch den Ärmelkanal seit rund zwei Wochen bis auf einen vagen Hinweis spurlos verschwunden ist? Das mysteriöse Schicksal des unter maltesischer Flagge fahrenden Frachters mit seiner 15-köpfigen Besatzung sorgt für immer wildere Spekulationen und Verschwörungstheorien. Und die Frauen und Verwandten der russischen Seeleute bangen um ihre Angehörigen. Ihrer Bitte, intensiv zu suchen, hat Russlands Präsident Dmitri Medwedew inzwischen entsprochen. Die finnische Polizei sowie die britischen und französischen Behörden boten an, die Suche zu unterstützen.

"So etwas hat es in Europa seit langem nicht gegeben", kommentierte Jim Davis, der Chef des Internationalen Schifffahrtsverbandes in London, die Angelegenheit. "Die Osteuropa-Mafia könnte dahinter stecken. Esten, Letten oder Russen. Möglicherweise geht es um Drogen", zitieren britische Zeitungen einen sogenannten Piraten-Experten, der wegen früherer Verhandlungen mit somalischen Seeräubern nicht namentlich genannt werden möchte. Er hält die Sorge der Angehörigen der Seeleute für mehr als berechtigt. Denn sollte sich das Schiff in der Hand von Piraten befinden, befürchtet der Experte das Schlimmste: "Die Crew könnte tot sein."

Finnische Reederei gibt sich zugeknöpft

Gegen die Piratenthese spricht jedoch, dass bislang keine Lösegeld-Forderung bekannt wurde. Eine solche Forderung müsste bei der finnischen Reederei eingehen. Ob das vielleicht schon geschehen ist, ist aber ebenfalls unbekannt. Denn merkwürdigerweise gibt man sich dort äußerst zugeknöpft. Selbst Anfragen aus Finnland werden abgebügelt, nicht beantwortet, Telefonhörer werden einfach aufgelegt.

Der russische Schifffahrtsexperte Michail Wojtenko glaubt nicht, dass Piraten in der Ost- oder Nordsee zugeschlagen haben, um Lösegeld für das Schiff, die Besatzung oder die Holzfracht der finnischen Firma Rets Timber im Wert von rund 1,3 Million Euro zu erpressen. Schließlich hat es einen solchen Piratenakt - anders als vor der Küste Somalias - in europäischen Gewässern seit mehr als 150 Jahren nicht mehr gegeben. "Das ist ein richtiges Mantel-und-Degen-Stück wie in einem Spionageroman von John le Carré", vermengt Wojtenko in der Aufregung die literarischen Genres. "Als einzig vernünftige Antwort erscheint mir, dass das Schiff heimlich mit etwas beladen wurde, von dem wir nichts wissen", sagt er und erinnert daran, dass die "Arctic Sea" im russischen Kaliningrad vor Anker lag, bevor sie in Finnland mit jenem Holz beladen wurde, das nun offiziell als Fracht gilt.

Dass es sich bei der fraglichen Ladung um Drogen oder gar um normale Schmuggelware handelt, schließt der Herausgeber eines Marine-Informationsdienstes jedoch aus. "Ich denke, es ist etwas, das teurer und gefährlicher ist." Schon seit einigen Tagen gibt es Gerüchte, dass das Schiff Waffen aus Russland für Afrika geladen haben könnte. In diesem Fall wäre offen, ob die Waffen in Russland, Finnland oder auf offenem Meer an Bord gelangt sind, und für wen sie bestimmt sind.

Ursprünglich war jedenfalls die Hafenstadt Bejaia im Nordosten Algeriens das Ziel der Frachtfahrt. Dort sollte die "Arctic Sea" am 4. August eintreffen. Die letzten offiziellen Kontakte gab es am 28. Juli, als sich das Schiff per Funk bei den britischen Behörden meldete und anschließend durch den Ärmelkanal fuhr, sowie am 31. Juli, als die schwedische Polizei nach eigenen Angaben kurz Kontakt mit dem Schiff hatte. Seitdem gibt es keinen Hinweis mehr auf den Verbleib des Frachters und seiner Besatzung - bis auf die Meldung der russischen Fregatte "Ladni", deren Besatzung am Donnerstag vor Gibraltar ein Schiff ausgemacht haben will, das dem gesuchten Frachter zumindest "ähnelt". Allerdings erklärte die maltesische Schifffahrtsbehörde, die "Arctic Sea" habe die Straße von Gibraltar nicht angesteuert.

Was passierte auf der Ostsee?

Ihren Anfang nahm die mysteriöse Odyssee auf der Ostsee. Nach Berichten der Behörden war die "Arctic Sea" dort einen Tag nach ihrem Auslaufen aus Finnland von bewaffneten Männern vorübergehend gekapert worden. Nach Angaben der schwedischen Ermittlerin Maria Lonegard existiert ein schriftlicher Bericht über die damaligen Vorgänge. Dieser liege der Reederei und der schwedischen Polizei vor. Angaben über den Inhalt machte die Polizistin nicht. Der einzige öffentliche Bericht über die Kaperung des Schiffes stammt von der schwedische Zeitung "Metro". Das Blatt berichtete, man habe am 31. Juli telefonisch mit einem Mann gesprochen, der sich als Kapitän der "Arctic Sea" ausgegeben habe. Er habe berichtet, Männer in schwarzen Uniformen hätten das Schiff gekapert. Die Täter hätten wie amerikanische Elite-Soldaten ausgesehen, zitierte "Metro" aus dem Telefonat. Sie sprachen demnach Englisch mit Akzent und erklärten, sie seien auf der Suche nach Kokain, das in Kaliningrad habe an Bord gebracht werden sollen.

Hintergrund der Irrfahrt könnte aber auch ein wirtschaftlicher Streit sein, theoretisch könnte die "Arctic Sea" sogar irgendwo an der Westküste Afrikas gestrandet sein. Oder es waren doch Seeräuber, die den Frachter zu einem Geisterschiff gemacht haben, das sie - versehen mit einem neuen Anstrich und einem neuen Namen - für ihre Angriffe auf andere Schiffe nutzen.

Russen intensivieren die Suche

Was auch immer geschehen ist: Die Angehörigen der 15 russischen Seeleute an Bord wollen Klarheit über das Schicksal ihrer Lieben. Sie flehten Ministerpräsident Wladimir Putin um Hilfe an und schrieben einen offenen Brief an Präsident Medwedew. "Wir bitten darum, alle nötigen russischen Sonderdienste mit einer umfassenden Such- und Rettungsoperation zu beauftragen", flehten sie darin. Wie es aussieht, fanden die besorgten Menschen Gehör. Medwedew ordnete am Donnerstag an, dass mit allen Mitteln nach dem Schiff gesucht werden soll - auch im Atlantik. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wird auch ein Satellit eingesetzt. Da die russische Regierung längst nicht immer so bereitwillig Ressourcen einsetzt, um Soldaten oder Zivilisten aus prekärer Lage zu retten, sieht sich mancher Experte in seiner Annahme bestätigt, dass die Fracht der "Arctic Sea" weit wertvoller ist als das geladene Holz.

Trotz der Suchaktion: Im Gegensatz zur Ladung war das Schicksal der Männer an Bord bisher kaum ein Thema. Bei dem Überfall auf der Ostsee sollen die Besatzungsmitglieder misshandelt und zum Teil schwer verletzt worden sein, heißt es. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür nicht. "Wir haben keine Informationen über die Besatzung", sagt Reeder Viktor Matwejew. "Wir hoffen aber, dass es den Seeleuten gut geht und sie wohlauf sind."

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters