Johannes Paul II. Der Auferstandene


Lange war der streitbare Pole die Symbolfigur einer rückständigen, weltfremden Kirche, doch mit seinem Protest gegen den Irak-Krieg hat Papst Johannes Paul II. Millionen Menschen aus der Seele gesprochen.

"Nie wieder Krieg!" - Hoch über den Arkaden Berninis reckte Johannes Paul II. am Sonntag vor dem Angriff auf den Irak energisch die Faust in den römischen Himmel und rief zornig sein päpstliches Veto hinunter zu den Tausenden auf dem Petersplatz.

Weihnachten noch ein erbarmungswürdiger Greis mit tief gesenktem Kopf, gedunsenem Gesicht und so zittrigen Händen, dass er kaum die Hostie halten konnte bei der traditionellen Mitternachtsmesse in der Basilika von Sankt Peter, zeigte sich da nur drei Monate später ein unerwartet erstarkter alter Mann am Fenster seiner Residenz. Nie sei es für den Frieden zu spät, fuhr Karol Wojtyla der "Koalition der Willigen" in die Parade. "Ich gehöre der Generation an, die den Zweiten Weltkrieg erlebt und überlebt hat, und habe daher die Pflicht, allen jungen Menschen, all jenen, die jünger sind als ich und diese Erfahrung nicht gemacht haben, zu sagen: Nie wieder Krieg!" Niemals dürfe die Menschheit der Logik des Krieges folgen, verkündete er in lange nicht gesehener Rage und schmetterte auf Italienisch das "niemals" gleich dreimal hinterher: "Mai, mai, mai!" Doch da waren die Truppen der Amerikaner längst in Marsch gesetzt.

Bußfasten und Botschaften für den Frieden

Wochen und Monate waren vorausgegangen, in denen der Pontifex den Frieden am Persischen Golf zu retten versucht hatte. Mit Gebeten und Bußfasten, Botschaften und Gesprächen, Empfängen und Reisediplomatie durch Sondergesandte im Kardinalsrang, die er mit persönlichen Briefen nach Bagdad und Washington schickte. Kein Mittel, geistlich oder diplomatisch, blieb ungenutzt, das dem Papst als religiösem Führer von über einer Milliarde Katholiken und als Oberhaupt seines winzigen, doch souveränen Kirchenstaates zu Gebote steht.

Obwohl sein Appell Panzer und Cruise-Missiles nicht mehr stoppen konnte, rückte der Papst in diesen Krisentagen ins Zentrum vieler Hoffnungen. Nicht nur seine treu Ergebenen brachten sie ihm entgegen. Dass Johannes Paul nicht mit religiösen Floskeln zum Frieden mahnte, sondern mit der Überzeugung eines Menschen, der Gewalt und Gräuel selbst erlebt hatte, machte ihn so glaubwürdig. Zehntausende von Briefen und E-Mails mit Dank und Ermutigung für seine Friedensmission gingen täglich beim Vatikan ein. Der alte Mann am Petersplatz, der doch selbst in seiner eigenen Kirche vielen nur noch als bemitleidenswertes Relikt einer realitätsfernen Religion schien, sprach plötzlich Millionen aus der Seele.

25 Jahre im Amt

Und auch gesundheitlich schien er wieder so unerwartet kraftvoll, dass mancher gern an Wunder glauben wollte. Eher waren es wohl neue Medikamente und dazu ein kräftiger Adrenalinschub dank des Kriegsduos Bush und Blair, die den Greis im nun schon 25. Jahr seiner Amtszeit noch einmal mit Leben erfüllten. Der Zuspruch auch von Kirchenfernen - selbst Joschka Fischer redete feierlich vom "Heiligen Vater" -, hat Johannes Paul darin bestärkt, die katholische Kirche trotz Krankheit weiter zu führen. Und sei es künftig eben in der pontifikalen Prunkversion eines Rollstuhls, zu dessen Einsatz er sich nach hartnäckigem Widerstand durchringen konnte. "Das Alter!", soll er einmal frustriert gebrüllt und den Krückstock durch die päpstlichen Gemächer geschleudert haben.

Lähmung hatte sich seit Jahren nicht nur in seinem Gesicht breit gemacht. Die Kirche schien mit ihrem von der Parkinsonschen Krankheit geplagten Oberhirten zu erstarren, das Ende der Ära Wojtyla nicht mehr fern. So begann spätestens nach der Hüftoperation 1994, die ein schwerer Sturz im Bad erforderlich gemacht hatte und von der er sich nie wieder ganz erholen konnte, das traditionelle Pokern der "Papabili". Doch ungeachtet der vorsichtig aus der Deckung kommenden Riege von Nachfolgekandidaten schleppte sich Johannes Paul II. weiter durch Pontifikalämter und Pilgerempfänge, ernannte Bischöfe und verkündete neue Heilige in Rekordzahl - immer tiefer gebeugt, im Glauben an seine göttliche Mission aber ungebrochen.

Manch ein Kardinal mit allzu frühen Gelüsten auf den Stuhl Petri wurde vom gebrechlichen, doch überaus zähen Polen überlebt. So starb vergangenen September einer der Top-Favoriten für die Nachfolge Johannes Pauls II., der stockkonservative brasilianische Primas Lucas Moreira Neves aus Bahia.

Rücktritt oder Rückzug?

Urbi et orbi, dem ewigen Rom und der ganzen Welt, schien allmählich die Geduld auszugehen beim Warten auf den Wechsel. Wem darum im höheren Klerus das Tempo des medizinischen Verfalls Seiner Heiligkeit nicht mehr ausreichte, der brachte - ausreichend laut, aber mit allen gebotenen Bücklingen - die R-Frage in Umlauf: Rücktritt und Rückzug aufs apostolische Altenteil? In die geliebte Heimat werde er bald zurückkehren, hieß es aus den üblichen gut informierten Kreisen. Eine noch undatierte Abdankungsurkunde sei sogar schon unterschrieben, wurde geflüstert - Klatsch und Intrigen gehören zur Kirche wie Weihrauch und Kerzen.

Einmal erst hat mit Coelestin II. ein Pontifex auf den apostolischen Thron verzichtet, 1124 war das, und es geschah wohl nicht ganz freiwillig. Diesmal kam die Antwort auf das Murren vor den Mauern des Apostolischen Palastes prompt und unmissverständlich: Jesus habe sich seines Wissens nicht vom Kreuze weggestohlen, ließ dessen Stellvertreter auf Erden wissen. Und so gedenke auch er auszuharren.

Wer Johannes Paul beobachtete bei den wöchentlichen Generalaudienzen auf dem Petersplatz, wenn er sich mit starrer Miene und mit letzter Kraft an die Haltestange seines weißen Jeeps klammerte, musste zwischen Bewunderung und Entsetzen schwanken. Wie konnte ein über 80-Jähriger solche Strapazen auf sich nehmen? Was trieb ihn dazu, sich als von schwerem Leiden Gezeichneter immer und immer wieder öffentlich zu präsentieren und sogar seine Reisen in beinahe aller Herren Länder bis zur völligen Erschöpfung fortzusetzen, statt endlich auszuruhen?

Disziplin, kein Zweifel, ist einer der ausgeprägtesten Charakterzüge Johannes Pauls. Und der fiel schon den Schulfreunden im polnischen Wadowice auf, wo Karol 1920 geboren wurde. 40 Kilometer etwa sind es von dort nach Krakau, der alten polnischen Königsresidenz, 30 bis zu den Mordlagern von Auschwitz - beide hat Karol Wojtyla nie vergessen.

Selbstdisziplin und Stärke

Wenn "Lolek", wie ihn Freunde und Familie nannten, beim Fußball "wie ein Löwe" im Tor stand, dann war Verlass auf ihn. Er war, so heißt es, "der Beste in allem". Sich zusammenreißen, sich nicht wichtig nehmen und immer Stärke zeigen, das hat Wojtyla vor allem vom Vater.

Karol Senior ist zunächst noch unter österreichischer Herrschaft Soldat, dann bis 1928 Offizier in der Armee des nach dem Ersten Weltkrieg als Staat wiedergeborenen Polen. Ein stiller, über die Maßen frommer Mann. Wenn der Sohn nachts aufwacht, findet er den Vater nicht selten auf dem Boden kniend im Gebet. Militärischer Drill und ein für seine Heimat typischer, mystischer und vom immer gegenwärtigen Martyrium durchdrungener Katholizismus haben ihn gelehrt, Gefühle wie ein Opfer für einen unergründlichen Gott tief in seiner Seele zu versenken.

Dass sich der Mensch klaglos dem vom Himmel bestimmten Schicksal zu fügen hat, lehrt er auch den Sohn. Bezeichnend dafür ist sein Verhalten, als seine kränkliche Frau Emilia mit 45 Jahren stirbt. Lolek ist da erst acht, noch nicht einmal zur Erstkommunion gegangen und erfährt in der Schule vom Tod der Mutter. Nicht vom Vater, sondern von einem Lehrer wird der Sohn informiert - ganz stark sein muss schon der kleine Karol. Am Grab der Mutter habe er nicht einmal geweint, erinnern sich die Klassenkameraden.

Was wirklich in dem Jungen vorgeht, scheint erst viele Jahre später durch, als er begonnen hat, ziemlich schwülstige Gedichte zu schreiben und eines der ersten seiner Mutter widmet: "Auf deinem weißen Grab blühen die weißen Blumen des Lebens. Oh, wie viele Jahre sind schon entschwunden ohne dich - wie viele Jahre?" Seit Emilia Wojtylas Tod, wissen Freunde, trägt Karol ein Bild bei sich, das ihn als Baby im Arm seiner strahlenden Mutter zeigt. Ihren Verlust deutet schon der Junge als göttliche Fügung. Gemeinsam mit seinem Bruder und dem verwitweten Vater pilgert er zur "Muttergottes von Kalwaria", nicht weit von Wadowice, um Trost zu finden. Und auch später als Bischof, Kardinal und Papst sucht er immer wieder diese Wallfahrtsstätte auf, in deren Zentrum ein goldgekröntes Gemälde aus dem 16. Jahrhundert steht: Maria hält darauf den kleinen Jesus im Arm und drückt ihn zärtlich an sich - muss nicht der Himmel bereithalten, was auf Erden versagt bleibt?

Serie von Schicksalsschlägen

Die Zeit der Prüfungen dauert an. Drei Jahre nach der Mutter stirbt Edmund, der ältere Bruder mit nur 26 Jahren an Scharlach. Was ihn selbst damals bewegte, lässt sich nur erahnen, wenn Karol Wojtyla später über den Vater sagt: "Die Gewalt der Schicksalsschläge, die ihn getroffen haben, hatte in ihm ungeheure spirituelle Tiefen offen gelegt, sein Schmerz wurde zum Gebet." Kurz nach Karols Abitur und den ersten Vorlesungen in polnischer Literatur an der Krakauer Jagellonen-Universität stirbt auch der Vater, der Sohn ist allein: "Mit 20 hatte ich schon alle jene verloren, die ich liebte."

Dennoch erstarrte der junge Wojtyla nicht in seinem Leid. Bilder aus jener Zeit als Student und auch später, schon als Priester, zeigen einen offen wirkenden, freundlichen jungen Mann, dessen Lachen nicht aufgesetzt wirkt. Zwar zieht er sich immer wieder einmal zurück, doch anders als der Vater verschließt er sein Herz nicht gänzlich und weiß sich mitzuteilen. Wie schon in den letzten Jahren am Gymnasium spielt er auch als Student Theater, er singt, hat Freunde. Auch weibliche. "Er war ganz und gar ein Mann", sagt eine Bekannte aus dieser Zeit, "aber keiner, der Frauen den Kopf verdreht hätte." Dass er nicht zum Familienvater bestimmt ist, wird ihm allmählich klar: "Es kam der Tag, an dem ich die absolute Gewissheit hatte, dass mein Leben sich nicht in der menschlichen Liebe realisieren würde." Er findet diese "absolute Gewissheit" im Krieg, der 1939 über Polen hereinbricht. Karol Wojtyla ist gerade zur Beichte in der Kathedrale auf dem Wawel, seinem späteren Bischofssitz, als Krakau von deutschen Truppen angegriffen wird.

Im religiösen Untergrund

Der 20-Jährige arbeitet im Steinbruch des für die Besatzer kriegswichtigen chemischen Solvay-Werks, um der Verschleppung nach Deutschland zu entgehen. Im selben Jahr findet er in einem frommen Schneider das geistliche Vorbild "eines Lebens, das ganz und gar Gott geweiht ist". Jan Tyranowski, der noch heute verehrte Lehrer, führt den jungen Wojtyla in den religiösen Untergrund des besetzten Krakau ein. Mit dem "lebendigen Rosenkranz", wie der geheime Gebetskreis heißt, und den teils schwülen Schriften spanischer Mystiker aus der Zeit der Gegenreformation reift dort in wenigen Jahren Karols Entschluss zur Weihe seines eigenen Lebens.

Im Frühjahr 1943 wendet er sich an den Krakauer Kardinal Sapieha und bittet um die Aufnahme als Priesteramtskandidat. Zwei Katastrophen, den Tod des Vaters zwei Jahre zuvor und das Elend, das der Krieg über Polen gebracht hatte, nennt Karol Wojtyla als Ursprung seiner geistlichen Berufung: "Es war mir irgendwie, als würde ich dem Boden entwurzelt, auf dem bis dahin mein Menschsein gewachsen war", erinnert er sich Jahrzehnte später in seiner Autobiografie, der ersten, die je ein Papst geschrieben hat. "Gleichzeitig erschien vor meinem Bewusstsein immer klarer ein Licht: Der Herr will, dass ich Priester werde."

Bestimmung, Fügung, die führende göttliche Hand über allem und jedem - erfüllt der Mensch seine fromme Pflicht und Schuldigkeit, so darf er gewiss sein, nicht allein gelassen zu werden vom Herrn im Himmel, seinen Heiligen und vor allem der so tief verehrten Muttergottes. Hat schon der junge Wojtyla unter der Weisung zuerst seines Vaters, dann Tyranowskis und später seiner Lehrer im Priesterseminar an dieses selige Geben und Nehmen zwischen Gott und Mensch geglaubt, so verstärkt sich diese Gewissheit noch, als er schließlich in Amt und Würden ist. Dass er dem Krieg überhaupt entrinnen konnte, ist für ihn nicht Glück. Es ist ein Wunder: "Manchmal fragte ich mich: So viele meiner Altersgenossen verlieren ihr Leben, warum ich nicht? Heute weiß ich, dass das kein Zufall war." Denn musste das nicht heißen, Gott hatte mehr mit ihm vor? "Da gibt es sicher auch unsichtbare Hände, die uns leiten, während wir das Boot mit Mühe auf den Kurs bringen", schreibt er in seinem Gedicht "Kirche". Da ahnt er noch nicht, dass er einmal deren erster Steuermann werden wird.

Seit 25 Jahren ein Star

Nach einer von seinem Bischof abgewiesenen Bitte, in ein Karmeliterkloster eintreten zu dürfen - Mystik durchtränkt ihn bis heute -, beginnt Karol Wojtylas steile Karriere. Nur kurz ist er als einfacher Priester in einer Pfarrgemeinde, bei deren Betreten er zum ersten Mal den Boden küsst - eine Geste, die später zum festen und von den Medien dankbar aufgenommenen Ritual seiner vielen päpstlichen Reisen wird. Die sorgsam geplante Regie seiner Auftritte, die vor allem in den ersten Jahren seines Pontifikats oft in einen befremdlichen Personenkult mit Tausenden kreischenden Jugendlichen und vor Glück weinenden Nonnenscharen entgleitet, gehört untrennbar zu diesem Papst. Dank seines gepflegten Showtalents und eines Charmes, den dieser Mann selbst im hohen Alter noch versprühen kann, wird Johannes Paul II. schon am Tag seiner völlig überraschenden Wahl im Oktober 1978 zum Star auf der Weltbühne. Ebenso gewollt auch zum politischen Faktor. Später wird man ihm zuschreiben, dem schon taumelnden kommunistischen Ostblock den Todesstoß versetzt zu haben, weil er die Polen zur Freiheit ermutigte.

Ein Pole als Papst! Vor allem deutsch-sprachige Kardinäle hatten diesen Coup geplant, nachdem beim Konklave das Duell der beiden italienischen Favoriten Siri, reaktionär, und Benelli, etwas liberaler, auf ein Patt hinausgelaufen war. Schon bei der ersten Papstwahl des Jahres 1978 hatte Karol Wojtyla - zu seinem Entsetzen, wie berichtet wird - ein paar Stimmen bekommen. Doch zunächst bestieg der venezianische Patriarch Albino Luciani den päpstlichen Thron. Lächelnd, gütig und schwer krank. Nach nur 33 Tagen im Amt starb Johannes Paul I., Karol Wojtyla wurde zum ersten slawischen Papst der Kirchengeschichte gewählt.

Strenger Gesetzgeber und Richter

Und der neue Besen kehrte gut. Wer auf die Durchsetzung seiner liberalen Hoffnungen gesetzt hatte bei einem Papst, der zu "Hello Dolly" auf dem goldenen Stuhl klatschte und swingte, wie ein Junger schwamm und Ski fuhr, wurde schnell eines anderen belehrt. Hatten aufmüpfige Theologen wie der in Tübingen lehrende Schweizer Hans Küng, eines der ersten von vielen Opfern, unter dem "Pillenpapst" Paul VI. noch weitgehende Denkfreiheit, so änderte sich das fast schlagartig, als Karol Wojtyla zum obersten Gesetzgeber, Regierenden und Richter der katholischen Kirche wurde. Wo hätte der neue Papst aus Polen Erfahrungen mit Demokratie sammeln sollen? Und kann denn die Wahrheit, die absolute Wahrheit, davon abhängen, ob sie mindestens 50 Prozent plus eine Stimme erhält? Ein absurder Gedanke für einen Mann, der an eine Natur und Mensch aufgeprägte mystische göttliche Ordnung glaubt, ewig und unveränderlich.

Entsprechend rigoros fordert Johannes Paul von Bischöfen, Priestern und Gläubigen Loyalität, Disziplin und Sendungsbewusstsein. Zweifler an Unfehlbarkeit und Jungfrauengeburt trifft der Bannstrahl ohne Gnade. Andere kuschten schon vorher und mühen sich um eine "kniende Theologie", wie sie der fromme Papst in Rom erwartet. Johannes Paul brauchte jedenfalls nur sehr wenige von den 25 Jahren seines Pontifikats, um die Hoffnung auf Reform und den wehenden "Geist des Konzils" in offen bekannter Restauration zu ersticken. Erzkonservative Bischöfe wie der Kölner Joachim Meisner wurden selbst gegen den Willen der Domkapitulare installiert. Und die österreichischen Skandalhirten Hans Hermann Groer und Kurt Krenn mussten zur Amtseinführung unter Polizeischutz über die Leiber protestierender Katholiken getragen werden. Rom hatte gesprochen. Was zählen da die Unterschriftenaktionen einer "Kirche von unten"?

Der Versuchung, sich dem Zeitgeist anzubiedern, ist der Papst noch nie erlegen. Mochten Emanzen oder Schwule doch aufheulen bei den immer neuen römischen Lehrschreiben, die selbstbewusste Frauen und alle mit einem zur katholischen Sittsamkeit "alternativen Lebensstil" zumindest an den Rand drängten, oft auch darüber hinaus. Aber aus solchen Lagern rekrutiert die Kirche Karol Wojtylas ohnehin keine Anhänger. Vielmehr müssen die geistlichen Truppen gesammelt werden. So erhielten schon zu Beginn des Pontifikats missionarische Laienbewegungen wie "Fokolare", oder "Comunione e liberazione", aber auch das geheimbündlerisch organisierte "Opus Dei" mit seiner "heiligen Unverschämtheit" unter Johannes Paul II. jede Unterstützung. Als der Gründer des Eliteordens, der Spanier Josemariá Escrivá de Balaguer - unter ausgesprochen freundlicher Auslegung der Prozessregeln - vergangenen Oktober heilig gesprochen wurde, glich Rom einer vom Opus und seinen Sympathisanten belagerten Stadt - für viele liberale Geister ein bedrückendes Symbol des Zustands der gesamten Kirche unter Johannes Paul II.

Erbitterter Kampf zwischen Gott und Teufel

Wie zuvor schon als Krakauer Erzbischof und Kardinal gab sich Karol Wojtyla auch als Papst zunächst leutselig und weltoffen. Doch hinter der braun gebrannten Stirn trieben ihn beinahe apokalyptische Gedanken eines erbitterten Kampfes zwischen Gut und Böse, Gott und Teufel. Hatte er nicht dessen Schergen selbst erlebt? Zuerst die Nazis, dann die Kommunisten. Manche Schlacht hatte er gewonnen, aber der Krieg um Gottes ebenbildliches Geschöpf, den Menschen, tobte nach seiner Überzeugung unvermindert weiter.

Und als ihn die Schüsse aus der Pistole Ali Agcas auf dem Petersplatz niederstreckten am 13. Mai 1981, dem Gedenktag der Marienerscheinungen von Fátima, war sich Johannes Paul II. seiner göttlichen Berufung endgültig sicher. Er habe keinen Augenblick geglaubt, sterben zu müssen. "Diese Gewissheit hat mich nie verlassen, nicht einmal in den schlimmsten Momenten", bekennt er Jahre später. "Eine Hand hat geschossen, eine andere hat die Kugel gelenkt."

Auch im Rollstuhl führt Johannes Paul II. seinen Kampf gegen die "Kultur des Todes" - ein düsteres Gemenge aus Sexsucht, Konsumgeilheit und letztlich Gottvergessenheit, das den Menschen existenziell bedrohe, wie er glaubt. Es ist Endzeit, und darum bleibt kein Platz für aufmüpfige liberale Theologen und Bischöfe, die von der traditionellen Lehre der Kirche abweichen; kein Platz für einen wachsweichen Klampfenkatholizismus, der Gottesdienste zu fröhlichen Happenings verkommen lässt. Auch nachdem Karol Wojtyla seine Kirche im bislang drittlängsten Pontifikat ihrer Geschichte ins neue Jahrtausend geführt hat, kann er nicht ausruhen. Denn - so betet er abends aus dem Brevier der Priester - "der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne".

So ist auch der Krieg im Irak für den Papst vor allem das: ein weiterer Versuch Satans, sich des Menschen zu bemächtigen und das Werk Gottes zu verdunkeln. So schlimm stünde es um die Welt, ergeht sich der Greis von Sankt Peter vor wenigen Monaten in finsteren Spekulationen, dass selbst Gottes Stimme womöglich schon verstummt sei und der Himmel schweige.

Erschütternde Weltsicht

Ohne diese erschütternde Weltsicht wie aus der Geheimen Offenbarung ist Johannes Paul II. nicht zu verstehen. Und auch wer sie nicht teilt - und das dürften selbst unter Katholiken die meisten sein -, muss eingestehen, dass der Pole seine Kirche so tief geprägt hat wie nur wenige Vorgänger. In tausend Jahren, da sind sich viele sicher, werden die Menschen zurückblicken und sagen: Das war die Zeit Johannes Pauls des Großen.

Frank Ochmann print

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