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Emanzitiert: Warum wird die Schande immer noch beim Opfer verortet?

Acht Jugendliche haben in Velbert ein 13-jähriges Mädchen in einen Wald verschleppt, vergewaltigt und ihre Tat auch noch gefilmt. Das Opfer wird wohl das ganze Leben noch Angst vor diesem Aufnahmen haben. Und daran sind auch wir schuld.

Längst gehört es zum Alltag vieler Mädchen, dass Mitschüler, Freunde, Fremde sie zu sexuellen Handlungen verleiten

Längst gehört es zum Alltag vieler Mädchen, dass Mitschüler, Freunde, Fremde sie zu sexuellen Handlungen verleiten und diese fotografieren oder filmen.

Picture Alliance

Es ist wieder geschehen. Acht Jugendliche haben ein 13-jähriges Mädchen in einen Wald verschleppt, ihr reihum Gewalt angetan und das Martyrium auch noch gefilmt. Das Mädchen ist schwer traumatisiert, wird vielleicht nie ein normales Leben führen können. Und dann bleibt da noch die Angst, dieses Video könnte irgendwo wieder auftauchen – auf den Smartphones ihrer Schulkameraden, an ihrer Arbeitsstelle, wenn sie ein öffentliches Amt anstrebt. Diese Bilder wird das Mädchen ein Leben lang tatsächlich nicht mehr los.

Es ist ein erschütternder Fall, der gerade publik wurde und uns noch länger beschäftigen wird. Dass Jugendliche Gewalttaten filmen und die Videos teilen, ist der vielleicht größte Fluch des Smartphone-Zeitalters und zeigt, wie verroht wir unter dem Lack unserer Technisierung immer noch sind.

Erpressung durch Nacktfotos gehört heute dazu

Doch der Fluch trifft Mädchen auch weitab von Gewaltexzessen. Längst gehört es zum  Alltag vieler Schülerinnen, Oben-ohne-Fotos an den neuen Schwarm zu schicken. Ein höherer Härtegrad wird erreicht, wenn Mitschüler, Freunde, Fremde sie anweisen, Nacktbilder zu schicken – zum Zeichen ihrer Liebe, ihrer Coolness, ihrer Zugehörigkeit – oder sie selbst zu sexuellen Handlungen verleiten und diese aufnehmen. Viel zu oft machen die Mädchen mit. Die möglichen Folgen reichen von Mobbing durch Mitschüler bis zu sexueller Gewalt – dann nämlich, wenn die Angst, die Fotos und Videos könnten weiter gegeben werden, Mädchen dazu treibt, sexuelle Nötigung zu erdulden, Schutzgeld zu zahlen, an Freunde des Erpressers "ausgeliehen" zu werden wie in einem anderen verstörenden Fall, in dem gerade vor dem Landgericht Berlin das Urteil fiel.

Es begann im August 2015 auf Facebook. Ein 14-jähriges Mädchen lernte den zwei Jahre älteren Mohammad S. kennen, man chattete, sie verknallte sich, traf ihn in einer Wohnung, es kam zu sexuellen Handlungen, die er zum Teil fotografierte. Dass die Bilder Teil eines Plans waren, wurde klar, als er ihr drohte die Fotos zu veröffentlichen, wenn sie nicht weiter "mitmache". Aus Angst vor dieser Bloßstellung, vor dem Spott der Schulkameraden und dem traumatisierenden Verlust der Intimsphäre willigte das Mädchen zu drei Treffen mit Mohammad S. ein. Jedes Mal forderte er sexuelle Handlungen, gemeinsam mit anderen, mit seinem Cousin, mit seinen Freunden, dann würde er die Bilder löschen. Beim dritten Treffen entkam das Mädchen möglicherweise gerade noch einer Gruppenvergewaltigung. Und schaffte endlich den Weg zur Polizei.

In Zahlen: Die traurige Realität von sexueller Gewalt in Deutschland

Seit März wurde der Fall am Landgericht Berlin verhandelt. Die Anklage lautete besonders schwere Nötigung, Vergewaltigung, Herstellung und Verbreitung jugendpornographischer Schriften, Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen, Freiheitsberaubung. Die Urteile: Mohammad S. erhielt zwei Jahre Jugendgefängnis, sein Cousin drei Jahre und drei Monate Haft, die übrigen Tatverdächtigen wurden freigesprochen. Weil die Tatzeit vor der Änderung zum Sexualstrafrecht im November 2016 lag, greifen die neuen Strafvorschriften hier noch nicht.

Frauenverachtung als Lifestyle

Allein das Teilen von Nacktbildern gegen den Willen der darauf dargestellten Person stellt für viele, mich eingeschlossen, bereits eine schwere Gewalttat dar, nur das Strafrecht hinkt hier noch hinterher. Und natürlich müssen wir das Frauenbild eines Milieus thematisieren, in dem Mädchen prinzipiell als Objekte dienen, als Statussymbol, zum Abreagieren der eigenen Aggressionen. Die Welt von Mohammad S. und seinen Freunden ist geprägt von Muskeltraining, gleißenden Wagen, Musik von Kollegah oder anderen Dilettantenrappern und demonstrativem Frauenhass. Es sind Menschen, die keine liebevolle Beziehung oder sexuelle Hingabe erstreben, nur Mutprobensex, Herrschaft und Gewalt – irreparable Charaktere mit einer Verachtung für Frauen, die sprachlos macht.

Die Angst vor der "Schande"

Aber kann man an dieser Stelle wirklich aufhören, sich Gedanken zu machen? Liegt der Hebel, der solche Erpressungen überhaupt erst ermöglicht, nicht noch ein Stück weiter in der Mitte unserer Gesellschaft? Einer Gesellschaft, in der – freiwillig oder unfreiwillig gemachte – Aufnahmen von sexuellen Handlungen oder nackten Körpern immer noch als Schande gelten, als peinlich, als existenzvernichtend? Obwohl doch jeder Mensch einen Körper besitzt und in der Regel durch sexuelle Handlungen gezeugt wurde? Es ist eine Gesellschaft, in der Spott und Schande immer noch bei der dargestellten Person verortet werden – sie wird im wahrsten Sinn des Wortes "geschändet" –, nicht bei dem, der ihre Intimsphäre verletzt hat.

So wird jene Form von Erpressung erst möglich, der das Mädchen aus Berlin zum Opfer fiel. Solche Angst hatte sie vor der Veröffentlichung der Nacktbilder, dass sie lieber wiederholt sexuelle Gewalt erlitt, als das Risiko zu tragen, dass andere die Fotos sehen. Und das Mädchen aus Velbert? Wir ihr Leben lang Angst davor haben, dass der Videomitschnitt von der Tat in die Öffentlichkeit gelangt.

In einer funktionierenden Welt hätte das Mädchen dem Typen ins Gesicht gelacht und gesagt: "Auf diesen Bildern ist nichts Verbrecherisches zu sehen, du bist der Verbrecher." In einer funktionierenden Welt würde die Schande bei dem verortet, der diese Bilder herumzeigt, würden solche Fotos und Videos gar nicht erst weiter geteilt. Es gälte als derart verachtenswert, die Intimsphäre eines anderen zu verletzen, dass niemand auf die Idee kommen würde, schon allein aus Angst vor sozialen Sanktionen. In einer funktionierenden Welt würde dem Erpresser von vornherein die Grundlage für seine Tat entzogen, weil es keine Schande ist, nackt zu sein und Sex zu haben – oder Opfer eines Verbrechens zu werden.

So lange wir diese Welt nicht erschaffen, solange wir es als gegeben sehen, dass die bildliche Darstellung einer sexuellen Handlung eine Existenz zerstören kann – solange sind wir selbst ein wesentlicher Teil des Problems.

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