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Terrornetz: Motivationsschub für Militante

Mit der Verhaftung eines mutmaßlichen Anführers der Islamistengruppe Ansar el Islam hat die Polizei in München eine Terrorzelle zerschlagen. Doch für Sicherheitsexperten kam sie wenig überraschend: Der Irak-Krieg sei ein Motivationsschub gewesen.

Die Festnahme eines mutmaßlichen islamistischen Terroristen und Schleusers der Extremistengruppe Ansar el Islam in München kommt für Sicherheitsexperten wenig überraschend. Der Präsident des Bundeskriminalamts, Ulrich Kersten, sprach am Donnerstag von einem "Netzwerk des islamistischen Terrorismus", das in Deutschland sichtbar werde. Nach seinen Worten hatten nahezu alle Tatverdächtigen, die in jüngster Vergangenheit gefasst wurden, untereinander Kontakt. Der Irak-Krieg sei zuletzt noch ein Motivationsschub gewesen.

Um den abgeschotteten Zellen der militanten Islamisten auf die Spur zu kommen, forderten der Bund Deutscher Kriminalbeamter und auch der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionschef im Bundestag, Wolfgang Bosbach, die Einführung eines Aussteigerprogramms und einer gesetzlichen Kronzeugenregelung. "Der Kriminalpolizei fehlt das erforderliche Handwerkszeug, um jemanden aus dem Kreis oder Umfeld gewaltbereiter Islamisten herausbrechen zu können", sagte BDK-Chef Klaus Jansen. Deutschland sei Rückzugs- und Rekrutierungsraum. "Wir haben die Brandstifter unter uns." Aus Bosbachs Sicht sollten Ausländer ausgewiesen werden können, wenn sie in Terror-Verdacht stehen.

"Gemeinsames ideologisches Dach"

BKA-Chef Kersten sagte, die einzelnen in Deutschland aktiven Gruppen gingen bei der Beschaffung von Personaldokumenten oder Waffen nahezu arbeitsteilig vor. Nach seinen Worten sind aber nicht alle von El Kaida gesteuert. Allerdings hätten sich viele Islamisten in jüngster Zeit unter einem "gemeinsamen ideologischen Dach" zusammen gefunden, sagte er.

Laut dem Halbjahresbericht 2003 des bayerischen Verfassungsschutzes hat sich jüngst mehrfach bestätigt, "dass Deutschland auch Aktionsraum islamisch-terroristischer Netzwerke ist und dass hier ebenfalls Unterstützer zu suchen und zu finden sind". Die Bundesrepublik könne "jederzeit Anschlagsraum und Ziel terroristischer Attacken werden".

Mit der aktuellen Verhaftung in München rückt die Organisation Ansar el Islam (Unterstützer des Islam) um den Anführer Mullah Krekar in den Blickpunkt, die aus rund 1.000 radikalen Kurden aus dem Nordirak besteht. Laut bayerischem Verfassungsschutzbericht halten sich in Deutschland etwa 100 Anhänger auf, so in München, Augsburg und Nürnberg. Weitere Zellen gibt es nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin, Hamburg, Duisburg, Köln und Frankfurt.

Profi-Schleuser bringen Kämpfer nach Bagdad

Der Terrorexperte Rolf Tophoven sagte, Ansar el Islam sei stark im iranisch-irakischen Grenzgebiet tätig. Dort brächten "Profi-Schleuser" Kämpfer für den "Heiligen Krieg" gegen die USA bis nach Bagdad. Unterstützer von Ansar el Islam gebe es auch in Deutschland.

Dem in München verhafteten Iraker Mohammed L. wird zwar momentan nur illegale Schleusung von Ausländern nach Deutschland vorgeworfen, wie Oberstaatsanwalt August Stern sagte. Seine Ansar-el-Islam-Gruppe mit Verbindungen zu El Kaida soll aber Berichten zufolge auch Selbstmordattentätern Reisen in den Irak organisiert haben. Die Bundesanwaltschaft prüft laut einer Sprecherin, ob sie die Ermittlungen an sich zieht.

Erst am vergangenen Freitag war unter dem Vorwurf der Planung von Terroranschlägen auf die US-Truppen in Irak der Algerier Abderrazak M. in Hamburg festgenommen worden. Der mutmaßliche Islamist soll nun nach Italien ausgeliefert werden, weil seine Planungen offenbar gemeinsam mit einer italienischen Terrorzelle erfolgten. Auch diese Zelle soll zu Ansar el Islam in Verbindung stehen.

Torsten Holtz / DPA