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Anschläge auf afghanische Schiiten Eine neue Dimension der Gewalt


Bislang blieben in Afghanistan Anschläge aus religiösen Motiven eher die Ausnahme. Die Bluttat gegen Schiiten könnte eine neue Dimension der Gewalt in dem geschundenen Land sein. Eine pakistanische Terrorgruppe bekannte sich am Abend - mit unabsehbaren Folgen.

Schon am Morgen haben sich mehrere Hundert schiitische Muslime im Abu-Fazl-Schrein am Ufer des Kabul-Flusses versammelt. Die meisten von ihnen sind Hasara. Doch auch Schiiten anderer Volksgruppen Afghanistans wollen am Dienstag das Aschura-Fest in der Altstadt von Kabul feiern. An ihrem wichtigsten Feiertag gedenken Schiiten weltweit mit Selbstgeißelungen und Gebeten ihres Märtyrers Hussein, eines Enkels des Propheten Mohammed.

Es herrscht eine andächtige Stimmung, als plötzlich eine gewaltige Explosion die Feierlichkeiten erschüttert. Unbemerkt von Sicherheitskräften hatte sich ein Selbstmordattentäter in die Menschenmenge gemischt und inmitten der Feiernden seinen Sprengsatz gezündet. Nach Angaben der Polizei sterben mindestens 58 Menschen, mehr als 130 werden verletzt.

Fast zeitgleich detoniert in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif ein weiterer Sprengsatz - auch hier in unmittelbarer Nähe einer schiitischen Moschee. Vier Menschen werden durch die Fahrradbombe getötet. Eine Verbindung zum Angriff in Kabul scheint ebenso offensichtlich wie die Handschrift sunnitischer Extremisten - zunächst. Denn auch die Taliban rekrutieren sich aus sunnitischen Muslimen.

Eine pakistanische Terrororganisation bekennt sich

Die Bluttaten heben sich von den zahllosen anderen Gewaltakten des Konflikts am Hindukusch ab. Angriffe gegen die schiitische Minderheit waren - anders als im Nachbarland Pakistan oder im Irak - in den letzten Jahren äußerst selten.

Dann die Sensation: Eine pakistanische Terrororganisation bekennt sich zu dem Bombenanschlag auf die Gläubigen in Kabul. Das teilte ein Sprecher der Organisation Lashkar e-Jhangvi al-Alami am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa im pakistanischen Peshawar mit. Die sunnitische Terrorgruppe Lashkar e-Jhangvi al-Alami wurde in der Vergangenheit für Dutzende Anschläge auf Schiiten in Pakistan verantwortlich gemacht. Übergriffe auf das Nachbarland Afghanistan waren nicht bekannt. Bislang.

Die Konsequenzen für das Verhältnis der beiden Länder, die Auswirkungen auf die extrem gespannten Beziehungen zwischen Pakistan und den USA - alles offen. Klar scheint, dass diese Form grenzübergreifenden Terrors in dieser Region eine völlig neue Qualität hat.

Präsident Karsai erreicht die Nachricht in Berlin

Die Taliban hatten jede Verantwortung für die Tat sofort bestritten. Sprecher Sabiullah Mudschahid verurteilt die Anschläge ausdrücklich als "unmenschlich und unislamisch". Die Taliban würden es nicht zulassen, dass die Sicherheit der Afghanen im Namen von Religion oder Stammeszugehörigkeit gefährdet werde. Jeder Fünfte der knapp 30 Millionen Afghanen gehört zu den Schiiten.

Präsident Hamid Karsai erreicht die Nachricht von den Anschlägen in Berlin. Bei einer Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt er sichtlich schockiert, es sei das erste Mal in der jüngeren Geschichte seines Landes, dass der Terror an einem wichtigen religiösen Feiertag entfesselt worden sei. Erst am Vortag hatte die Weltgemeinschaft in Bonn über die Zukunft Afghanistans nach dem Nato-Abzug Ende 2014 beraten - über weitere Milliardenhilfen, eine Aussöhnung mit den Taliban. Aber nicht über Gewalt wie am Dienstag.

Landeskenner wie Kate Clarke vom Afghanistan Analysts Network (AAN) sehen in den Anschlägen eine neue Dimension des Konflikts. Abgesehen von Übergriffen auf die schiitischen Hasara während des Taliban-Regimes habe es in Afghanistan in der Vergangenheit kaum sektiererische Auseinandersetzungen gegeben. Gleichwohl könne ein Angriff wie Kabul eine neue Spirale der Gewalt in Gang setzen.

"Keine politischen Unstimmigkeiten"

Die Betroffenen stoßen ins gleiche Horn. "Schiiten und Sunniten leben in Afghanistan friedlich zusammen", sagt der schiitische Geistliche Seyed Taqdusi. "Es gibt keine politischen Unstimmigkeiten zwischen den beiden Gruppen." Die Drahtzieher des Kabuler Anschlags müssten daher außerhalb der Landesgrenzen gesucht werden. "Wir glauben, dass die Täter in Pakistan ausgebildet wurden", vermutet der Kleriker. Beweise hat er freilich nicht.

Dass das Nachbarland Pakistan eine entscheidende Rolle bei der Lösung des Afghanistan-Konflikts spielen muss, ist unstrittig. Bis heute soll es enge Verbindungen zwischen dem Militärgeheimdienst ISI und einzelnen Gruppen der Aufständischen geben. Unter anderem soll der ISI seine Finger bei dem Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul Mitte 2008 mit mehr als 40 Toten im Spiel gehabt haben. In Bonn allerdings fehlte die Delegation aus Islamabad aus Protest gegen einen US-Angriff auf pakistanische Grenzposten.

Stefan Mentschel, DPA DPA

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