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Haiti nach dem Erdbeben: Guantanamo wird Flüchtlingslager

Kein Land hilft Haiti so massiv wie die USA. Nun schickt US-Präsident Barack Obama weitere 4000 Soldaten in das Katastrophengebiet. Zudem wird der Militärstützpunkt Guantanamo auf Kuba für einen möglichen Ansturm von Flüchtlingen vorbereitet.

Zur Unterstützung der Hilfsarbeiten in Haiti wollen die USA weitere 4000 Soldaten entsenden. Die Angehörigen von Marine und Marineinfanterie sollten anstelle geplanter Entsendungen nach Europa und Nahost in die karibische Katastrophenregion umgeleitet werden, teilten die US-Streitkräfte mit. Der Marschbefehl sei bereits am Dienstag an eine Flugzeugträgerkampfgruppe und eine Einheit der Marineinfanterie ergangen, hieß es. In Haiti sollten sie die Hilfsbemühungen für die Überlebenden des verheerenden Erdbebens der vergangenen Woche unterstützen. Bis Mittwoch hatten die USA bereits rund 11.000 Soldaten nach Haiti entsandt. Auch Brasilien will 800 zusätzliche Soldaten schicken.

Kritik an der Entsendung von US-Soldaten kam aus Venezuela und Bolivien. Der venezuelanische Präsident Hugo Chávez warf der USA vor, in Haiti die Macht übernehmen zu wollen. Die US-Armee habe mit der Einnahme des Flughafens begonnen, erklärte er. Jetzt würden US-Marines bereits im zerstörten Präsidentenpalast sein. Der bolivianische Präsident Evo Morales kritisierte, die US-Soldaten seien in Haiti einmarschiert, ohne dies mit den Vereinten Nationen abzusprechen. Sie würden die Naturkatastrophe benutzten, um Haiti "militärisch zu okkupieren".

Guantanamo macht Platz für 1000 Flüchtlinge

Die Vereinigten Staaten bereiten zudem ihren Militärstützpunkt Guantanamo auf Kuba für einen möglichen Ansturm haitianischer Flüchtlinge vor. Auf dem Gelände wurden bereits etwa 100 Zelte für jeweils zehn Personen errichtet, wie Konteradmiral Thomas Copeman sagte. Sollten Überlebende der Katastrophe tatsächlich massenweise ihr Land verlassen, stünden mehr als 1000 weitere Zelte zur Verfügung.

Auch Feldbetten und andere Dinge seien für den Notfall gelagert, erklärte Copeman. Der Admiral ist Befehlshaber der Sondereinheit, die für das umstrittene US-Gefangenenlager für Terrorverdächtige auf dem Marinestützpunkt zuständig ist. Die Flüchtlinge aus Haiti würden laut Copeman allerdings getrennt von den noch rund 200 Lagerinsassen untergebracht werden. Das Gefangenenlager und das Auffanglager für Flüchtlinge liegen etwa vier Kilometer auseinander. Anfang der 1990er Jahre waren bereits Tausende Bootsflüchtlinge aus Haiti vorübergehend auf dem Stützpunkt Guantanamo untergebracht worden.

Der zerstörte Hafen in Port-au-Prince soll nach Angaben der US-Armee am Freitag wieder teilweise geöffnet werden. Dann könne vielleicht wieder die Hälfte seiner ursprünglichen Kapazität genutzt werden, sagte General Kan Keen. Wenn dort wieder Schiffe mit Hilfslieferungen anlegen könnten, werde auch der völlig überfüllte Flughafen entlastet.

"Hier bin ich, hier bin ich!"

Derweil suchen Tausende Rettungskräfte in Haiti trotz rapide sinkender Chancen weiter nach Überlebenden in den Trümmern. Mehr als eine Woche nach dem verheerenden Beben mit geschätzten 200.000 Toten werden immer noch vereinzelt Menschen lebend geborgen. "Das macht Mut und deshalb werden wir weitermachen. Solange es eine Chance gibt, Menschen zu retten, werden wir sie nutzen", sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes in New York. Insgesamt seien bisher mehr als 120 Überlebende geborgen worden.

So wie ein fünfjähriger Junge, der unverletzt aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses in der Hauptstadt Port-au-Prince geborgen worden. Wie die US-Hilfsorganisation International Medical Corps mitteilte, wurde der Junge nach der Rettung am Mittwoch von Helfern der Organisation versorgt. Er habe an Austrocknung gelitten, sei aber sonst unverletzt. Ein Onkel des Jungen habe berichtet, dass Verwandte den Fünfjährigen nach einwöchiger Suche in den Trümmern seines Elternhauses gefunden hätten. Die Verwandten des Jungen hatten eigentlich damit gerechnet, ihn tot zu bergen. Plötzlich hätten sie jemanden rufen gehört "hier bin ich, hier bin ich".

In Port-au-Prince zogen Nachbarn zudem ein elfjähriges Mädchen aus einem zerstörten Haus. "Es ist ein wahres Wunder, sie kommt Stück für Stück zurück ins Leben", sagte eine Ärztin. "Ihre Nieren funktionieren, sie bekommt Salzwasser gegen die Dehydrierung und langsam wieder ein wenig zu essen", sagte sie. Erst am Mittwoch wurden zwei Frauen und ein Baby lebend aus den Trümmern geborgen.

Ein kleines Wunder gab es auch in der zu mehr als 50 Prozent zerstörten Hafenstadt Jacmel an Haitis Südküste. Dort wurde ein erst 22 Tage altes Baby von Helfern aus Kolumbien und Frankreich gerettet. Zuvor hatte sich die Mutter des Kindes aus den Trümmern befreien können. Sie führte die Helfer zu ihrem eingeschlossenen Kind.

APN/AFP/DPA / DPA