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Kuss am Times Square: #MeToo-Schmierereien auf Denkmal: Die kontroverse Debatte um eines der berühmtesten Fotos der Welt

Ein Matrose küsst eine Krankenschwester auf dem New Yorker Times Square: Das Foto zeigt die Freude über das Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch die Geschichte hinter dem Bild ist auch die einer mindestens übergriffigen Geste.

Kuss auf Times Square, beschmierte Statue

Der küssende Seemann und die Krankenschwester (links) gingen um die Welt. In Florida wurde eine Statue, die die beiden zeigt, mit #MeToo-Schriftzügen beschmiert.

Der 14. August 1945 war ein Tag der Freude – nicht nur in New York, aber besonders dort. Hunderte bejubelten in Manhattan das Ende des Zweiten Weltkriegs, das mit der bedingungslosen Kapitulation Japans besiegelt wurde. Ein Feiertag, wie man ihn sich heute kaum noch vorstellen kann. In Amerika heißt dieser Tag "V-J Day" ("Victory over Japan Day"). An diesem Tag entstand auf dem New Yorker Times Square eines der bekanntesten Fotos der Weltgeschichte.

Ein junger Seemann hält eine junge Krankenschwester fest umschlungen, er drückt seine Lippen auf ihre. Der Fotograf Alfred Eisenstaedt drückt auf den Auslöser, die Aufnahme wurde in der Zeitschrift "Life" gedruckt und ging um die Welt. Das Foto des Matrosen und der Krankenschwester kennt jeder – es ist zum Sinnbild von unbändiger Freude und großer Romantik geworden. Aber nicht nur das: Für viele steht dieses Bild auch stellvertretend für eine Zeit, in der sexuelle Belästigung durch Männer an der Tagesordnung war. Eine Zeit, die nach Meinung einiger noch lange nicht vorbei ist.

Statue in Florida

Statue in Florida mit #MeToo beschmiert

Nach dem Tod von George Mendonsa, dem Mann auf dem Foto, ist die Debatte wieder neu entflammt. Mendonsa war im Alter von 95 Jahren am 17. Februar dieses Jahres gestorben. Am Tag danach beschmierten Unbekannte eine Statue des berühmten Kusses in der Stadt Sarasota im US-Bundesstaat Florida mit dem #MeToo-Schriftzug. Die Skulptur der beiden Küssenden sollte an das Kriegsende erinnern. Der Schaden wird auf rund 1000 Dollar geschätzt.

Kritiker prangern vor allem die übergriffige Art an, mit der Mendonsa die Frau auf dem Bild – die Krankenschwester Greta Zimmer Friedman – quasi zum Kuss zwang. Für Aufsehen sorgte 2012 ein Text der Bloggerin "Leopard", die das Verhalten von Mensonsa "sexuelle Nötigung" nannte: "Er hat das Recht, begeistert zu sein. Er hat das Recht, zu feiern. Aber er hat nicht das Recht, in die körperliche Selbstbestimmung eines anderen einzudringen." 2014 protestierte eine Gruppe von Feministinnen gegen die Errichtung einer Statue in Kalifornien, die den legendären Kuss zeigt. Das "Time Magazine" sah in dem Foto "die Dokumentation einer sehr öffentlichen sexuellen Belästigung und nichts, das gefeiert werden sollte".

"Ich habe ihn nicht geküsst, ich wurde geküsst"

Dass es sich keineswegs um eine romantische Szene im eigentlichen Sinne handelte, war auch Fotograf Alfred Eisenstaedt klar. Der Mann sei die Straße entlanggelaufen und habe jedes Mädchen an sich gezogen, das er gesehen habe, erzählte Eisenstaedt später in seinem Buch "Eisenstaedt über Eisenstaedt": "Es machte keinen Unterschied, ob sie eine Großmutter war, stämmig, dünn oder alt." Mendonsa erzählte dem Sender CBS, er sei an dem Tag zumindest angetrunken gewesen: "Dann sah ich die Krankenschwester, habe sie gepackt und sie geküsst." 

In den Vierziger Jahren mochte ein solches Verhalten noch gesellschaftlich halbwegs akzeptabel gewesen sein. Doch mit der zunehmenden Emanzipation der Frauen auf der ganzen Welt veränderte sich auch die Rezeption des Fotos. So wurde die allgemein verbreitete Deutung des Bildes zunehmend hinterfragt. Feministinnen prangern das Verhalten Mendonsas an – mit dem Aufkommen der #MeToo-Debatte hat sich die Kritik noch einmal verschärft.

Auch Krankenschwester Friedman, zum Zeitpunkt des Fotos 21 Jahre alt und 2016 im Alter von 92 Jahren gestorben, sagte 2005 in einem Interview mit der Library of Congress: "Es war nicht meine Entscheidung geküsst zu werden." Friedman selbst wurde erst 1960 auf das Foto aufmerksam. "Er war sehr stark und hielt mich fest. Es war einfach eine Feier, kein romantischer Moment. Ich habe ihn nicht geküsst, er hat mich geküsst." Danach seien beide wieder ihrer Wege gegangen, sie habe mit dem Seemann weder gesprochen noch seinen Namen gekannt.

Im Bewusstsein der Öffentlichkeit überwiegt dennoch die Interpretation des Bildes als ein Ausdruck von Freude über das Ende eines jahrelangen Krieges. Für die Kritiker ist es ein Indiz dafür, dass sexuelle Belästigung auch heute noch nicht genug bekämpft wird. 

Quellen: Library of Congress / CBS / "The Telegraph" / "Crates and Ribbons" / "Spiegel Online" / "Time Magazine" / Sarasota Police Department

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