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Presseschau zu MH17: "Das Schlimmste ist nicht auszuschließen"

Der mutmaßliche Abschuss des Malaysia Airlines-Fluges MH17 beschäftigt weltweit die Presse. Die meisten Kommentatoren haben dabei den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Blick.

Wegen des mutmaßlichen Abschusses des Passagierflugzeugs MH 17 über der Ostukraine ist die Empörung in ganz Europa groß. Das schlägt sich auch in den Zeitungskommentaren nieder. Die niederländische Zeitung "De Telegraaf" schreibt:

"Obwohl vor allem unser Land von dieser Katastrophe betroffen ist, reagiert Ministerpräsident Mark Rutte zurückhaltend. Er bekam gestern Anrufe von Staatschefs aus aller Welt, einschließlich Russlands Wladimir Putin. Es bleibt unklar, was dabei besprochen wurde. Mehr als Beileidsbekundungen und der Ruf nach einer unabhängigen Untersuchung drangen nicht nach außen. Rutte sagt, es müssten erst alle Fakten ermittelt werden. Deshalb wolle er jetzt noch nicht mit der Faust auf den Tisch hauen. (...) Man fragt sich, was noch passieren muss, bevor unsere Regierung sagt: Das lassen wir uns nicht gefallen! Die Niederlande sollten sehr wohl mit der Faust auf den Tisch hauen - gegen alle betroffenen Parteien, insbesondere Russland. Natürlich würde dies nicht dazu führen, dass sich die Täter reuevoll bekennen. Aber unsere Regierung muss der Welt zumindest zeigen, dass wir außerordentlich wütend sind. Schließlich ist hier die Rede von einer Terroraktion, von einem Kriegsverbrechen, von Massenmord!"

Die konservative britische "Times" interessiert sich weniger für die Schuldfrage, sondern eher für die Folgen des Flugzeugabschusses in der Ostukraine: "Für Wladimir Putin ist das eine politische Katastrophe. Internationale Krawallmacher verdienen zwar weder Sympathie und Verständnis, aber das sollte uns nicht davon abhalten, uns für einen Moment in die Lage des russischen Präsidenten zu versetzen. Man kann sich schwer vorstellen, wie Putins heimtückische Einmischung in der Ostukraine noch abscheulicher hätte schief gehen können. Wenn man Wörter wie gewinnen und verlieren in einem so makaberen Kontext verwenden kann, dann gewinnt die Ukraine durch die Katastrophe. Russland verliert."

Das Schlimmste ist nicht auszuschließen

Auch die linksliberale "Gazeta Wyborcza" aus Polens Hauptstadt Warschau beleuchtet die Rolle des russischen Präsidenten Wladimir Putin und zieht einen historischen Vergleich: "Die 298 Opfer des Anschlags sind das Ergebnis der rücksichtslosen und zynischen Politik Putins. Mit seiner Zustimmung und seinem Wissen wurden die Kreml-Einheiten und die fünfte Kolonne im Donbass bewaffnet. Sie töteten unschuldige, zufällig anwesende Menschen. Dieser russische Präsident mit der Mentalität eines KGB-Oberst will nicht zulassen, dass die Ukraine ihren eigenen Weg nach Europa und zu demokratischen Standards einschlägt. Putin will die Wiederherstellung des Imperiums. (...) Die an Frieden und Ruhe gewöhnte Europäische Union hat weder Entschlossenheit noch ein Bewusstsein für die wachsende Bedrohung. Es wiederholt sich das Schema des Glaubens, man könne die Bestie beruhigen. (...) Wir dürfen nicht die Naivität der intellektuellen Eliten im Verhältnis zu Hitler und Stalin wiederholen."

Die konservative französische Tageszeitung "Le Figaro" fürchtet schlimmste Folgen des mutmaßlichen Flugzeugabschusses über der Ukraine: "Wer zu sehr mit dem Feuer von Boden-Luft-Raketen spielt, muss damit rechnen, sich die Finger zu verbrennen. Egal, ob es sich um einen gewollten Akt oder um einen 'Fehlschuss' handelt - die Konsequenzen dieser Katastrophe werden sich erst noch zeigen. Besteht die Gefahr eines Flächenbrandes oder kommt es zu einer Deeskalation? Das Schlimmste ist nicht auszuschließen. Es ist das sinnlose Sterben, das einen die Absurdität eines Krieges begreifen lässt."

Traum von einem eurasiatischen Reich

Auch die linksliberale französische Tageszeitung "Libération" verweist auf Putins Verantwortung für das Unglück und hofft nun auf eine deutliche Reaktion Westeuropas: "Auch wenn derzeit alle Indizien dafür sprechen, derzeit gibt es noch keinen endgültigen Beweis dafür, dass das Flugzeug der Malaysia Airlines von pro-russischen Milizen abgeschossen wurde. Dennoch kann wohl kaum jemand die erdrückende Verantwortung von Wladimir Putin in dieser Angelegenheit bestreiten. (...) Darauf setzend, dass sein aggressiver Nationalismus seine Popularität stärkt, nährt der Bodybuilder aus Sankt Petersburg mit Gewalt seinen Traum von einem grandiosen eurasiatischen Reich - auf Kosten des Friedens in Europa. Rund 300 Menschen habe gerade wegen dieses groß-russischen Hochmuts ihr Leben verloren. Wenn die demokratischen Staaten nicht reagieren, werden es noch viele mehr werden."

tkr/DPA / DPA