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Susanne Klatten: "Du bist Opfer, du musst dich wehren"

Susanne Klatten hatte die Öffentlichkeit immer gemieden, ihr Leben war ein großes Geheimnis. Die Erpressungsaffäre zerrte die Quandt-Erbin und Milliardärin in die Schlagzeilen. Nun redet sie - über ihre Familie, ihren Weg und die Last des Geldes. Lesen Sie das volle Porträt

von Lorenz Wagner

Ein Herbstabend in Hamburg, draußen Wind und Elbwellen, drinnen Lüster und bodenlange Tischdecken. Unternehmer und Gründer in seltener Abendrunde. Alle essen Ente, nur eine Frau isst vegetarisch, Suppe, Reis, Gemüse. Sie hat einen empfindlichen Magen. Dünn ist sie, die Wangenknochen liegen hoch in ihrem Gesicht. Blässe, um die Augen Fältchen, kurzes Haar, ein Ehering, ein Hauch Schminke. Nichts glänzt an dieser Frau, außer den Augen. Hellgrüner Schimmer, darin haselbraune Tupfer. Die Frau schaut und schweigt, löffelt und lauscht. Auf einmal stutzt sie, hebt den Kopf. "Fritz-Kola?", sagt sie zu einem jungen Mann schräg gegenüber.

"Ja." Der Gründer deutet auf einen Firmenbutton am Cordsakko.

"Dass ich Sie hier treffe! Ist ja toll. Die Kinder trinken Ihre Cola immer, wenn wir auf Sylt sind."

Dem Jungunternehmer schwillt die Buttonbrust.

Sie: "Die kriegt man nicht überall, oder?"

"Nee. Wir haben ein ganz besonderes Vertriebskonzept. Ich kann Ihnen das gern erklären. Wie ist Ihr Name?"

Kurze Pause.

Dann recht leise: "Klatten."

"Wie?"

Sie hält ihre Tischkarte hin.

"Aha, Frau Klatten. Und was machen Sie?" Ihre Stimme wird noch leiser. Das Wort "Beteiligungen" ist zu hören.

Der Gründer guckt leer. "Also, mit dem Vertrieb, das ist so ..."

Sie hört geduldig zu. "Und Ihr Umsatz?", fragt sie in eine Atempause hinein.

"Was machen Sie nochmal?"

"Uuumsatz?!" Der Gründer bläst Luft durch die Nase. "Da sind wir ganz verschwiegen."

Pause.

"Wissen Sie, die Wettbewerber, die sollen das nicht erfahren. Das ist so eine Sache in dieser Branche. Ich kann Ihnen das ja mal erklären. Was machen Sie noch mal?"

Klatten, lauter: "Ich bin auch Unternehmerin. Und an Unternehmen beteiligt."

"Was für Unternehmen?"

"Och, ganz verschieden."

"Aha. Also, mit dem Wettbewerb das ist so ..." Und sie lauscht, Susanne Hanna Ursula Klatten, geborene Quandt, die Frau, die sonst Chefs von Weltkonzernen berichten lässt. Sie ist die reichste Frau Deutschlands, ist Herrin über den Chemiekonzern Altana, hat zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder die Macht bei BMW. Um ihr Geld zu haben, müsste man 25 Jahre jeden Tag eine Million im Lotto gewinnen. Die einen schätzen ihr Vermögen auf 7 Mrd. Euro, die anderen auf 9 Mrd. Euro.

"Sie haben da einen tollen Stecker an der Jacke", unterbricht sie den Gründer in einer weiteren Atempause.

"Das ist unser Logo."

"Toll, kann ich so einen haben? Für meine Kinder?"

"Klar." Er reicht mit Gönnerblick eine Visitenkarte rüber. "Mailen Sie mir Ihre Adresse, dann schicke ich Ihnen welche."

"Schön", freut sich Klatten. Sie guckt auf die Karte. "Koksen ist Achtziger", steht darauf. "Vielviel Koffein: Fritz-Kola."

Wieder einmal nicht erkannt

Und Klatten hebt den Kopf, und sie lacht das erste laute Lachen der Runde. Es wird ein langer Abend. Sie kann sich in sich hineinfreuen. Wieder einmal ist sie nicht erkannt worden. Erst nach Mitternacht, als sie gegangen ist, hört der Gründer von einem Tischnachbarn, wen er da nicht erkannt hat. "Ist das peinlich", sagt er. "Oh, ist das peinlich." Das war im Oktober 2007. Ein Jahr ist es her, aber es fühlt sich viel länger an für Susanne Klatten. Was waren das für furchtbare Monate! Heute braucht sie niemandem mehr ihre Tischkarte zu zeigen. Über kaum eine Frau in diesem Land wurde in den vergangenen Wochen mehr geredet, mehr geschrieben, mehr gelesen.

Sie ist erpresst worden, schon im vergangenen Herbst, gar nicht lange nach dem Abend an der Elbe. Ein Liebhaber hat sie heimlich filmen lassen und Millionen verlangt. Klatten ging zur Polizei. Im Januar wurde der Mann verhaftet. Vor drei Wochen ist alles rausgekommen.

Tag für Tag sieht Susanne Klatten nun ihr Gesicht auf den Titelseiten von Zeitschriften, deren Namen sie nicht mal aussprechen will. Sie ist nicht mehr Unternehmerin, sie ist nur mehr Opfer. Wen interessiert, dass sie gerade für knapp 1 Mrd. Euro Aktien von Altana kaufen will? Die Firma ganz kaufen und von der Börse nehmen?

Alle reden über ihre Affäre, über die Millionen, die sie verloren hat. Jede Zeile hat Klatten am Anfang gelesen. Sie kann das nicht mehr. "Das geht mir zu nah", sagt sie. "Ich bräuchte ein dickes Fell, aber das habe ich nicht." Und sie schweigt eine Weile.

Schweigen, das war ihr Leben. Susanne Klatten wollte frei sein. Frei von dem großen Namen, frei von den Gefahren des Reichtums. Sie wollte essen gehen können, ohne dass ihr einer auf den Teller guckt; wollte spazieren gehen, ohne dass ihr jemand nachschleicht; wollte in ihren 3er BMW steigen können, ohne dass ein Leibwächter die Tür aufhält.

Und so hat sie ihr Gesicht, ihr Wesen, ihr Schicksal so gut versteckt, wie sie nur konnte. Nie hat sie auf einem roten Teppich gewinkt. Nie hat sie ein Interview über ihr Leben gegeben.

"Wer ist Susanne Klatten"

Diese Frau also, die einem Verleger zehn Jahre lang nicht verziehen hat, dass der über ihre Hochzeit berichtete, muss nun zuschauen, wie sie vorgeführt wird, zur Schau gestellt. In welchem Hotelzimmer hat sie ihren Liebhaber getroffen? Was hat sie der Polizei gesagt? Hat ihr Mann ihr verziehen? Was sagt ein Psychologe dazu? Was für ein Mensch ist diese Susanne Klatten?

So ganz kann sie dies nicht mal selbst beantworten. Immer wieder stellt sie selbst diese Frage, wenn man sich mit ihr unterhält. "Wer ist Susanne Klatten?"- "Was will ich?" - "Was entspricht mir?"

Eine Frau auf der Suche, mit 46 Jahren.

Es ist nicht leicht, sich selbst zu finden, wenn man in eine solche Familie, in eine solche Welt hineingeboren wird. Die Familie ist nicht nur Familie, sie ist Dynastie. Großvater Günther Quandt hat sie vor gut 100 Jahren gegründet. Vom Tuchfabrikanten in Pritzwalk steigt er auf zu einem der großen Unternehmer der Weimarer Republik. Während des Währungsverfalls in den 20er-Jahren spekuliert er geschickt, macht ein Vermögen. Im Zweiten Weltkrieg beliefert seine Firma AFA das Heer und die Marine der Nazis mit Batterien und Stromspeichern. In Quandts Fabriken müssen Zwangsarbeiter und Häftlinge aus Konzentrationslagern arbeiten. Er wird nach dem Krieg als Mitläufer eingestuft.

Susannes Vater, Herbert Quandt, ist im Krieg Personalvorstand bei der AFA. In den 60er-Jahren schreibt er Wirtschaftsgeschichte und rettet die Bayerischen Motoren Werke vor der Pleite. Er hält Anteile an Daimler, besitzt die Firmen Altana und Varta, häuft Macht und Reichtum an wie wenige Familien auf der Welt.

Ihre Kinder versuchen die Eltern vor den Gefahren des Reichtums zu schützen. "Ich verdanke ihnen eine Normalität in meinem Leben. Ich ging in eine normale Schule. Wir lebten so normal, wie es eben geht in einer solchen Familie", sagt Susanne Klatten.

Normal - oft verwendet sie dieses Wort, wenn sie über ihr Leben spricht. Aber wie normal kann eine solche Jugend sein, bewacht von Leibwächtern? Sie sind nötig, gerade in den 70er-Jahren, als Richard Oetker, Sohn aus einer anderen Familie mit großem Namen, entführt wird, als die RAF Wirtschaftsgrößen erschießt, darunter Jürgen Ponto, einen Freund der Quandts.

Entführung vereitelt

1978 verhindert die Polizei nach einem Tipp aus der Unterwelt, dass eines der Quandt-Kinder entführt wird. Schwer tragen die Eltern an diesen Sorgen. Mit jeder Mark Gewinn kommt eine Einheit Misstrauen hinzu. Susannes Vater nimmt Telefonate auf Tonband auf, um Lüge und Verrat aus den Stimmen herauszuhören. Aufrichtigkeit und Vertrauen werden doppelt kostbar in einer solch vergoldeten Welt.

"Ein Prinzip, das mein Vater uns weitergegeben hat, ist: Ehrlichkeit", sagt Klatten. "Ist jemand wahrhaftig, der vor mir sitzt? Ich möchte jemanden ehrlich spüren und nicht betrogen werden." Es wird zum Motiv ihres Lebens.

Von Anfang an hat auch sie sich abgeschottet - wie der Vater, wie die Mutter, die auf die Frage, ob sie die Frau Quandt sei, gern antwortet: "Schön wär's."

Man muss Susanne Klatten nur mal sehen, wenn bei einem Pflichttermin ein Fremder an sie herantritt. In einer Sekunde kann sie ihre Augen herabkühlen, sie erstarrt, rührt weder Hände noch Gesichtsmuskeln, ist nur noch Argwohn und Ungeduld. Und hat der Eindringling keinen guten Grund, ihr nahe zu treten, ist er ein Plauderer oder Schmeichler, so sagt sie ihm zuerst "Guten Tag" und dann: "Wir sind in einem Gespräch, würden Sie bitte woanders warten?"

Neben Misstrauen wird ein zweiter Wesenszug der Eltern Susannes Leben bestimmen: Pflichtgefühl. "Das hilft einem", sagt sie. "Das ist auch was Gutes."

Und was Böses. Dieses Zurücktreten hinter der Pflicht ist ihr zugleich Freund und Feind - bis heute.

"Ich bin davor zurückgeschreckt, einen eigenen Weg zu gehen"

Im Juni 1982 stirbt ihr Vater, der an Herzrhythmusstörungen litt. Klatten ist 20 Jahre alt. Sie erbt Milliarden, Anteile von BMW und Altana.

Sie muss sich der Verantwortung noch nicht stellen, ein Vertrauter des Vaters verwaltet das Erbe. Klatten weiß noch nicht so genau, was sie will im Leben.

Sie liebt die Natur. Gern würde sie Gartenarchitektur studieren. Sie traut sich nicht. "Wenn ich mich an dieses Gefühl erinnere: Ich bin davor zurückgeschreckt, einen ganz eigenen Weg zu gehen."

Sie ist brave Tochter, studiert in England und Lausanne Wirtschaft. Lange Zeit wissen die anderen Studenten nicht, wer Klatten ist. "Freisein von dem Nachnamen", nennt sie das. "Es war eine ganz tolle Zeit. Ich kann das bis heute gar nicht glauben. Das wünsche ich meinen Kindern, dass sie nur nach ihrem Vornamen gesehen werden. Das ist eine große innere Freiheit, die man dringend braucht, um sich zu entwickeln, um sich selbst kennenzulernen."

Küssen als Susanne Kant

Lange Minuten kann sie darüber sprechen, die Frau, die nicht als kleine Susanne geboren wurde, sondern als kleine Quandt, die aber ihr Leben lang etwas Eigenes sein will und nicht hinter einem Namen zurücktreten, der so gewaltig ist, dass sie selbst nichtig wird. Als sie in einem BMW-Werk den Ingenieur Jan Klatten kennenlernt, nennt sie sich Susanne Kant. Sieben Monate küsst sie unter fremder Identität.

Nach der Hochzeit gehen die beiden 1990 in die USA, alles ist leicht und unbeschwert, er arbeitet, sie bekocht und verhätschelt ihn, und doch muss sie ja irgendwann zurück, muss die Rolle annehmen, die der Vater ihr zugeschrieben hat, die Rolle als Großaktionärin und Aufsichtsrätin. "Ich bin von einem ganz ausgeprägten Pflichtbewusstsein", sagt sie. "Und vieles ist hinter diesem Pflichtbewusstsein zurückgetreten. Ich habe gesagt: Ich stehe dafür ein, was mein Vater uns vererbt. Ich werde das tun. So gut ich kann."

Und so wird sie mit 27 Jahren Aufsichtsrätin erst bei Milupa, mit 31 bei Altana und später bei BMW. Sie muss Männern auf die Finger schauen, die mehr Berufsjahre zählen als sie Lebensjahre.

Bilanzen lesen und Menschen durchschauen

Tausend Zweifel kriechen in ihrem jungen Kopf hoch: Bin ich die Richtige? Bin ich gut genug? Kann ich wirklich Bilanzen lesen? Menschen durchschauen? Oft fühlt sie den Boden unter sich wanken. "Dieser Moment", sagt Klatten, "wo man - fffffffffft - das Gefühl hat, irgendwas ist zu groß."

Bis heute wird sie diese Zweifel, diese Ängste nicht verlieren. Ihre Stimme wird schnell, wenn sie darüber spricht, die Worte fließen nur so. "Natürlich ist da auch Angst. Die Angst, bestehen zu können. Die Angst, Fehler zu machen. Vieles, was ich tue, hat Folgen für andere. Und die Angst, sich zu blamieren, weil diese Fehler ja in der Öffentlichkeit kommentiert werden." Schwere Entscheidungen muss sie treffen. Zwei Jahre ist sie im Amt, als BMW in die größte Krise stürzt, seit ihr Vater das Unternehmen gerettet hat. Der Vorstandschef Bernd Pischetsrieder hat die Marke Rover gekauft und Milliarden verloren. Die Erben wollen nicht länger stillhalten. Am 5. Februar 1999 tritt der Aufsichtsrat zu einer Sitzung zusammen, die in die Firmengeschichte eingehen wird. Die einen sind für Pischetsrieder, die anderen gegen ihn. So geht es acht Stunden.

Auf einmal schauen alle die beiden Jungen an, Susanne und ihren Bruder Stefan. "Was meinen Sie denn?"

Und Susanne, die so selten spricht, die sich bei BMW meist zurückhält, dort den Bruder machen lässt, steht auf. Und sie sagt, was für ein guter Mensch Pischetsrieder ist und wie leid ihr das alles tut - aber: BMW brauche einen neuen Anfang. Minuten später ist Pischetsrieder draußen. Klatten hat sich durchgesetzt. Es tut ihr weh. Und doch ist sie stolz.

Sie ist der Rolle gerecht geworden.

Aber die Angst bleibt. "Weil alle so viel erwarten von einem. Dieses immer alles gut machen zu wollen. Weil das, was geleistet worden ist, so großartig war. Diese Legende, die andere um einen rum aufbauen, um die man nie gebeten hat. Und trotzdem ist da dieses Bestreben, sie erfüllen zu wollen. Und das ist die Gefahr. Dass man sich selbst verliert."

Susanne Klatten hat sich nie verloren in dieser Rolle, sie macht es ja gern. Aber sie hat sich auch nie gefunden.

Unter Klattens Aufsicht wird Altana zum Wirtschaftsmärchen

Bei Altana muss sie früh die Last des Erbes tragen. Kaum ist sie im Amt, da macht Milupa Sorgen. Die Tochterfirma passt nicht so recht rein in den Konzern, der in Zukunft mit Chemie und Arzneimitteln sein Geld verdienen soll. Sie will die Firma verkaufen. Aber hat sie nicht selbst Milupa-Brei an ihre Kinder verfüttert? "Ihr Vater würde sich im Grabe umdrehen", schimpfen die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Sie fühlt sich schuldig. Aber sie verkauft.

Unter ihrer Aufsicht wird Altana zum Wirtschaftsmärchen. Die Firma entwickelt ein Mittel gegen Magengeschwüre. Der Erfolg ist unerhört: Umsatz, Aktienkurs - zu Beginn des Jahrtausends ist Altana an der Börse mehr wert als Lufthansa oder ThyssenKrupp. Aber dann macht das Management Fehler, vernachlässigt die Forschung. Im Jahr 2006 verkauft Klatten die Pharmasparte. Sie verdient 2,4 Mrd. Euro.

Es ist nicht nur das Geld, das diesen Verkauf zu etwas Besonderem macht. "Es war auch eine Emanzipation", sagt ein ehemaliger Vorstand. Bei Altana waren noch viele Manager im Amt, die ihr Vater zur Firma geholt hat, darunter Firmenchef Nikolaus Schweickart. Männer, die gern gehandelt haben, ohne groß zu fragen.

Nun hat Klatten gehandelt. Und sich wieder ein Stück vom Vater gelöst.

Und in diesem Jahr, seit zwei Wochen, geht sie diesen Weg weiter. Susanne Klatten will den Rest von Altana kaufen - und von der Börse nehmen.

Doch so sehr sie sich auch freimacht, selbst wenn sie, was sie nicht will, alles aufgeben würde, BMW, Altana, die Stiftung - der Name Quandt, die Geschichte der Familie werden immer ihr Leben bestimmen. Und diese Geschichte ist auch voller Schatten.

Film wirft Licht auf Dunkles

Seit einem Jahr läuft wiederholt ein Film im Fernsehen: "Das Schweigen der Quandts". Die Familie, klagt der Autor an, habe mit den Nationalsozialisten paktiert. Sie habe in ihren Fabriken Zwangsarbeiter und Häftlinge aus Konzentrationslagern beschäftigt. Susannes Vater und ihr Großvater hätten die Verbrechen begangen, ihre Erben nie die Verantwortung übernommen. "Sie reagierten hart und arrogant. Sie haben uns gedemütigt", sagt ein KZ-Häftling, der in den 70er-Jahren die Familie um Unterstützung gebeten hat.

Eine Woche nach der Erstausstrahlung gab die Familie eine knappe Erklärung ab. Monate später kritisierte Susannes Bruder Stefan in einer Rede, der Film lasse wichtige Fakten aus. Aber die Quandts nähmen die Vorwürfe ernst. Ja, sie hätten Zwangsarbeiter beschäftigt: "Wir bedauern die Bedingungen, unter denen diese Menschen leben, arbeiten und auch leiden mussten." Ein Historiker arbeitet in den nächsten Jahren dieses Familienkapitel auf.

"Auf etwas Dunkles ist ein Licht geworfen worden", sagt Susanne Klatten. "Das ist immer besser, als wenn es im Dunkeln seine Kraft entwickelt. Es ist nun mal unsere Familie. Es gehört zu uns, und dann ist es besser, man kennt, was da war, als dass man es negiert." Es stehe ihr nicht zu, das zu bewerten. "Den Respekt und die Liebe zu meinem Vater werde ich nicht verlieren. Niemand kann beurteilen, was es hieß, damals zu leben."

Spricht man mit Menschen, die Susanne Klatten seit Jahren, seit Jahrzehnten kennen, mit Familienfreunden, Aufsichtsräten und ihren Mitstudenten, so reden alle gut von ihr, loben Disziplin und Bescheidenheit, Klugheit und Freundlichkeit. Tugenden, gewiss, aber Tugenden können eine Seele auch in ein Korsett zwängen, ihr die Luft abschnüren. "Sie ist manchmal zu streng zu sich selbst", sagt eine Freundin. "Steht zu fest mit den Füßen auf dem Boden. Sie weiß das auch."

Es fällt Klatten schwer, sich dagegen zu wehren. "Diesen Gegenpol zu der Disziplin und der Haltung, um den muss man sich täglich neu bemühen", sagt sie. "Darf ich das Leben genießen? Darf ich mal einen Tag freimachen? Diese Perforation des Pflichtgefühls, die muss ich mir erarbeiten. Sonst zerbricht man. Die Lebensfreude sich zu erhalten, vielleicht auch erst zu erringen, das ist die Aufgabe."

Und so gibt es seit wenigen Jahren auch ein paar kleine Verrücktheiten in ihrem Leben. Einmal besucht sie mit einer Freundin ein Museum für alte Musikinstrumente in Florenz. Der Führer trägt die Namen vor: Bimboliphono, Herdiegerdie. Die Freundinnen schauen sich an und prusten los. Und fliegen raus.

Und als ihr vor einem Jahr eine Gesangslehrerin schreibt, um ein wenig Geld für eine Kinderoper bittet, will Klatten dafür Gesangsstunden haben. Und so steht sie nun ab und zu in der Wohnung dieser Frau, schert sich nicht um Ton und Können und singt einfach, singt "Amazing Grace", singt "Fill the World with Love" mit der Textzeile "To be brave and strong and true". "Das öffnet so eine Lebensfreude, wenn ich das mal gespürt habe, möchte ich es nicht mehr missen." So viel kann sie tun, für die "Perforation des Pflichtgefühls", mit Freunden in die Berge fahren, mit ihrer Freundin Schuhe kaufen gehen.

Und mal ein paar Tage ausspannen.

Im Wellnesshotel trifft sie auf Helg Sgarbi

Im Sommer 2007 checkt sie im Lanserhof ein, einem Sanatorium und Wellnesshotel in Tirol. Die Hoteliers versprechen ihren Gästen "Frohmedizin", sie sollen "zum eigenen Rhythmus zurückfinden und Körper, Geist und Seele in Einklang bringen". Hier tauscht Susanne Klatten ihr Kostüm gegen einen Bademantel, Bilanzen gegen Bücher, will einfach nur Mensch sein. Hier trifft sie auf Helg Sgarbi.

Sie reden, sie mag ihn und gibt ihm ihre Visitenkarte. Er googelt den Namen, sie treffen sich wieder und wieder, er wird ihr Liebhaber. Sie verabreden sich in einem Hotel in München, und Klatten ahnt nicht, dass er sie filmen lässt. Eines Tages erzählt er ihr, er habe das Kind eines Mafioso angefahren, werde bedroht. Sie gibt ihm 7,5 Mio. Euro. Im Oktober ist die Affäre vorbei, im Dezember schickt Sgarbi einen Drohbrief. Er fordert weitere Millionen.

"Ich habe häufig genug den Fehler gemacht, mich Menschen zu öffnen, die dieses Vertrauen nicht verdient haben. Dann wird man zum Opfer. Das ärgert einen. Das tut weh. Und ich frage mich hinterher: Wie konnte das passieren?" Ihr, die doch ein Muster an Misstrauen war?

Es mag viele Gründe geben, einen verrät Klatten: Geld im Übermaß macht nicht nur vorsichtig, es macht auch unvorsichtig.

"Es verletzt mich", sagt sie, "wenn ich immer nur im Maß des Geldes gemessen werde. Geld bewertet nicht, was oder wer ich bin. Es zieht einen Vorhang vor mich, der mich überhaupt nicht zeigt. Ich möchte aber gesehen werden, als Mensch. Daraus hat sich ein für mich gefährliches Anliegen entwickelt, mich mitzuteilen. Und das kann manchmal bei den falschen Leuten passieren."

Susanne Klatten zögert. Was soll sie tun? Im Januar geht sie zur Polizei.

Nie, sagt sie, wird sie den Augenblick vergessen, in dem der Mut ihre Angst niederrang. "Das war ein Moment der Klarheit: Du bist jetzt Opfer, und du musst dich wehren. Ich wehre mich jetzt im Namen aller Frauen in meiner Familie. Und im Namen vieler anderer Frauen auch."

Ihr Mann macht ihr Mut. "Es war unsere einzige Chance. Anders geht das ewig weiter. Und das hält man nicht aus", sagt Klatten. "Man muss sich wehren. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe."

Susanne Klatten vereinbart einen Treffpunkt, wo sie das Geld überreicht. Die Polizei erwartet Sgarbi.

Erst mal kann das Leben weitergehen.

Ende Februar, München, im Gasteig, einem Kulturzentrum an der Isar. Früh am Abend. Susanne Klatten eilt die Stufen hinauf. Kopf, Schultern, Rücken so gerade, man könnte einen Strich danach ziehen. Noch dünner ist sie als im Herbst.

Klatten packt ihre Mappen unter die linke Achsel, die rechte Hand muss frei sein, zum Begrüßen. Sie rennt vorbei an Ziegenkäsehäppchen und Saxofongesäusel, rennt mitten rein in die Menge, stellt die Handtasche auf den Boden, mischt sich in die Plaudereien und redet und wedelt mit ihren Händen, bis ihre Stimme bricht und der Kopf glüht. "Und was halten Sie von unseren Gründern? Könnten Sie sich nicht vorstellen, eine Idee mit Ihrem Geld zu fördern?"

Und viele Gäste bekommen dann einen seltsamen Blick, halb geschmeichelt, halb erstaunt. Hat die Klatten denn nicht genug Geld?

Es ist das alte Leid. Die Leute sehen in ihr nicht den Menschen, sehen nicht die Susanne mit den großen Füßen, den freundlichen Augen und dem Muttermal an der rechten Wange. Und sie sehen in ihr auch nicht die Unternehmerin, die versucht, mit diesem Empfang ihre kleinste Firma weiterzubringen, die UnternehmerTUM, die Gründern dabei hilft, Kunden, Lieferanten und Kapital zu finden.

Nein, die Leute sehen zuerst einmal die Milliardärin in ihr. Das Geld.

Unternehmen groß ziehen

Susanne Klatten geht es nicht um Geld, wenn sie um Geld bittet.

Sie will in ihrem Freiheitskampf siegen. Mit BMW ist sie erwachsen geworden, mit Altana löst sie sich vom Vater, und mit der UnternehmerTUM findet sie ihr eigenes Leben. "Das ist mein Startup", sagt sie und schaut wie ein Mädchen, das sein erstes selbst gemaltes Bild bringt. Sie führt ein Unternehmen nicht weiter, sie zieht es groß. "Das ist für mich Rückwärtslernen."

Es war ein langer, schwerer Weg dahin. Fast 40 Jahre alt musste sie werden. Dann kam ihr "Erwachen", wie sie sagt: "Ich habe mich gefragt: So, und was gibt's denn sonst noch bei Susanne Klatten? Was möchte die denn sonst noch so machen, was ganz ihr Eigenes ist?" 46 Leutchen und ein paar Milliönchen Kapital - das ist alles. Und doch nimmt sich Klatten für Sitzungen bei der UnternehmerTUM so viel Zeit wie für eine bei BMW. "Ich hab am Anfang gedacht: Mensch, das kann doch nicht sein! Sie kommt tatsächlich. Und ist von Anfang bis Ende dabei", sagt ein Mitarbeiter.

Alles will Susanne Klatten genau wissen, Zahlen und Ziele, sie hockt sich mit rein, wenn Gründer Ideen vorstellen, Schlafkojen für Flughäfen oder Lkw-Bediensimulator, sie hört sich alles an, mit der Teetasse in beiden Händen. Und sie lässt erst mal die Kollegen ihre Fragen stellen, spät hebt auch sie die Hand, ganz sachte, sie wird sogar übersehen, dann wartet sie halt, ihre Fragen wird sie schon noch stellen, mit einem Blick aus Strenge und Wohlwollen: "Wie sieht es mit den Finanzen aus?" - "Das Konzept kann doch jeder kopieren, oder?"

Und gefällt ihr eine Idee, sucht etwa die soziale Organisation Ashoka Sponsoren für Unternehmer, die etwas für die Armen tun, so läuft Klatten in Kairo durch die Slums und schaut sich an, wie sich dort aus Lehm und Müll Hütten bauen lassen. Erst dann gibt sie Geld, ein wenig Geld. Sie sollen es allein schaffen, die Firmen, denen sie hilft, und erst recht die UnternehmerTUM.

Ich darf Fehler machen, genauso wie andere Menschen

Das Jahr geht dahin, Hauptversammlungen, Gründertreffen, die geplante Übernahme von Altana - Susanne Klatten hat viel zu tun. Wenig Zeit, um an Sgarbi zu denken. "Ich habe mich innerlich davon distanziert. Schon um gesund zu bleiben, um sich nicht runterziehen zu lassen. Man ist ja das Ziel krimineller Energie."

Von Tag zu Tag geht es ihr besser. Sie schließt Frieden mit sich.

"Man muss Fehler machen. Ich habe gelernt, dass ich ein bisschen weicher werde, im positiven Sinne, wenn ich sage: Ich darf Fehler machen, genauso wie andere Menschen. Und ich bin nicht verantwortlich dafür, was der Rest der Welt von mir erwartet."

Im Sommer wird in Italien Sgarbis Mittäter verhaftet, erste Gerüchte dringen durch. Susanne Klatten weiß: Es wird nicht mehr lange dauern, bis alle Welt von ihrer Affäre erfährt. Sie fühlt sich gewappnet. Sie hatte ja Zeit, sich darauf einzustellen.

Und so wirkt sie, als sie im Oktober mal wieder in Hamburg ist und Unternehmer trifft, frei und glücklich wie lange nicht. Sie trägt goldene Sterne in den Ohren, einen nachtblauen Samtblazer und einen Batikrock, und sie strahlt und scherzt: "Du schon wieder", wirft sie Walter Gunz, dem Gründer von Media Markt, entgegen, der bei einem Mittagessen zu ihr tritt. Einige Bekannte wundern sich tuschelnd: "Ich kann das gar nicht glauben."

Einige Tage später "platzt die Bombe", wie Susanne Klatten sagt. "BMW-Erbin erpresst!" Klatten muss erfahren, wie groß die Illusion war, sie könne sich vorbereiten. Die Überschriften schreien sie nur so an. Ihr Gesicht prangt überall, im Fernsehen, in den Zeitungen, in Deutschland, England, China. All diese Einzelheiten: das Hotelzimmer, die Geldübergabe, ihre Aussagen bei der Polizei.

Kerner redet mit Erika Berger

Harald Schmidt kündigt eine Sondersendung an: "Geld oder Liebe, das Milliardärinnen-Spezial", und Johannes B. Kerner redet mit Sexberaterin Erika Berger darüber. Alle reden drüber. Nur eine schweigt.

Mitte November, Susanne Klatten am Telefon. Sie ist zu Hause in München. Ihre Stimme klingt fest und weich zugleich. Sie kann nicht frei sprechen, sagt sie, es ist ein laufendes Verfahren. Heute war ihre Geschichte wieder in den Lokalblättern. Und im Internet stehen die Protokolle der Vernehmung. "Das tut mir weh." Pause. "Man muss sich distanzieren, einen Schutz aufbauen. Sonst droht es mir schlecht zu gehen."

Also zurück in die alte Rolle? Disziplin, Schweigen? Nein, sagt sie. "Ich habe in den zwölf Monaten gelernt, mit dem Leben anders umzugehen, meinen Perfektionismus weiter abzulegen." Sie will den Weg weitergehen, den sie so spät gefunden hat. "Ich will gelassener werden, Ich habe mir die Aufgabe gestellt, fröhlich zu bleiben." Ein neues Leben wartet auf sie. Die Menschen kennen nun ihr Gesicht, ihre Geschichte. Wie das wohl ist für die Quandt-Erbin, die Milliardärin, die Frau, die ihr Leben lang in Geld gemessen wird?

"Ich habe viele Briefe bekommen", sagt Susanne Klatten. "Von Freunden, von Kollegen, von alten Klassenkameraden, die ich seit 35 Jahren nicht gesehen habe."

Pause.

"Das berührt mich. Ich werde sehr wohl als Mensch wahrgenommen."

FTD