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Kolumne Winnemuth: Heimleuchtung

Die Welt ist von Licht verschmutzt, und in jeder Wohnung blinkt es wie in einer Dorfdisco. Immerhin findet man so den Weg vom Klo ins Bett.

Von Meike Winnemuth

Diskokugel

Neulich las ich irgendwo zum ersten Mal den Ausdruck "bürgerliche Dämmerung" (garantiert in einem der obligatorischen halbjährlichen Sommerzeit/Winterzeit-Wutausbrüche, ohne die eine Zeitung keine Zeitung ist und ein Kolumnist kein Kolumnist – selbstverständlich habe ich auch schon einen geschrieben). Bürgerliche Dämmerung! Das will man doch am liebsten sofort als Metapher für unsere vom Weltenwahnsinn wund geschossene, vom Fortschritt überforderte, abends in den Puschen kollabierende Ära hernehmen, so schön ist das. Doch tatsächlich bezeichnet der Begriff jene kurze Zeit nach Sonnenuntergang, in der es, so die Definition, "draußen noch hell genug zum Zeitungslesen" ist, solange nämlich die Sonne bis zu sechs Grad unter dem Horizont steht. Es folgen die nautische Dämmerung (bis zu zwölf Grad), in der man den Horizont noch erkennen kann, aber langsam mal die Lampen anmacht, und die astronomische Dämmerung (bis zu 18 Grad), in der man die erste Pulle entkorkt. Und dann ist irgendwann zappenduster.

Von grässlichem LED-Licht dauerbestrahlt

Bis auf die Tatsache, dass heutzutage kaum noch eine Düsternis wirklich zappen ist. Über das Phänomen der Lichtverschmutzung wurde oft geschrieben, über den Umstand also, dass über den Städten des Nachts Lichtglocken hängen, die man noch vom Weltall aus sehen kann. Die Erde wird immer heller, jährlich um etwa sechs Prozent. 60 Prozent aller Europäer können von ihrem Wohnort aus die Milchstraße nicht mehr sehen, so richtig dunkel wird es nur noch in Teilen von Schottland, Norwegen und Schweden. Die Folgen: Nachtaktive Tiere drehen durch, Insekten verenden, Zugvögel verirren sich, Pflanzen wachsen völlig irre. Und auch Menschen finden keine Ruhe mehr, erst recht, seitdem sie von diesem grässlich weißblauen LED-Licht dauerbestrahlt werden. Nächtelang hocken sie vor ihren Laptop-Schirmen und schreiben Kolumnen über Winterzeit oder Lichtverschmutzung (nur so als Beispiel), kriegen Ringe unter den Augen und sterben wegen Schlafmangel Jahrzehnte früher.

Fast noch schlimmer als die stadionhellen Straßen ist allerdings das, was an ist, wenn alles aus ist: die Leuchtdioden an den technischen Geräten, die uns umgeben. Das rote Stand-by-Licht am Fernseher, das gelbe am Drucker, das nervöse Blitzen des Rauchmelders an der Decke: Jeder Tag ist Weihnachten, jede Wohnung eine Dorfdisco. Zu Hause geht es ja noch, da nutzt man die Dioden nachts wie Positionsleuchten am Rand von Fluglandebahnen: ein Koordinatenkreuz, anhand dessen man sich zur Toilette und wieder zurück ins Bett navigiert. Erst drei Schritte in Richtung der vier flackernden blauen Router-Lämpchen wanken, dann nach links zum Grün des Laptop- Ladekabels, und wenn man das E-Reader-Gelb auf dem Nachttisch in Armlänge vor sich hat, sachte nach links abrollen lassen.

Selber schuld

Richtig übel aber wird es, wenn man im Lichtermeer fremder Zimmer schlafen muss, etwa im Hotel. Ich habe nächtens schon meine halbe Wäsche im Zimmer verteilt, die Socken über die Digitaluhr vom Fernseher gehängt, den Pulli über die geisterhaft leuchtende Klimaanlagenbedienung. Oder gleich ganz den Stecker gezogen, mit dem schlechten Gewissen, dass ein armes Zimmermädchen am Morgen alles wieder neu programmieren muss. Fremde Leuchtdioden ertrage ich nicht, da läuft mein eigenes Ökosystem aus dem Ruder.

Und da schließt sich aufs Zierlichste der Kreis zur bürgerlichen Dämmerung, so wie ich sie definiere: An jeder Form von Unerträglichkeit, über die wir meckern, sind wir selber schuld, schuld, schuld.

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