VG-Wort Pixel

Mehr als 3000 Satelliten im All Immer mehr Nationen wollen ins Weltall – wird das zu einem Problem für die Sicherheit?

Ein unbemanntes Roverfahrzeug der NASA fährt zu Forschungszwecken auf der Marsoberfläche (3D-Darstellung)
Ein unbemanntes Roverfahrzeug der NASA fährt zu Forschungszwecken auf der Marsoberfläche (3D-Darstellung)
© NASA / Getty Images
Mit Chinas Rover "Zhurong" ist es der zweiten Nation gelungen, ein Erkundungsfahrzeug auf dem Mars einzusetzen. Aber auch außerhalb des roten Planeten tummeln sich die Satelliten verschiedenster Nationen und immer mehr Regierungen verfolgen außerirdische Ambitionen. Wird es allmählich eng im Weltall?

Bereits im Februar landete der US-Rover "Perseverance" auf dem Mars und soll dort nach Spuren früheren mikrobiellen Lebens suchen. Bisher durfte das Gerät sich als alleiniger Erdling auf dem Mars betiteln, aber seit kurzem hat er Gesellschaft. Am Samstag absolvierte der chinesische Rover "Zhurong" seine Jungfernfahrt und rollt nun ebenfalls zu Forschungszwecken auf dem Planeten herum. In die Quere sollten die beiden sich allerdings nicht kommen: Ihre Landeplätze liegen etwa 2000 Kilometer voneinander entfernt.

Wie der offizielle Account des chinesischen Rovers per Twitter mitteilte, habe das Vehikel gegen fünf Uhr morgens (MESZ) die Rampe der Ladekapsel verlassen. Vor zehn Monaten war die unbemannte Marssonde "Tianwen-1" gestartet. Die chinesischen Raumfahrtingenieure teilten ein Video, dass zeigt, wie sie den Rover steuern.

Nach den USA ist China die erste Nation, die es geschafft hat, Erkundungsfahrzeuge auf dem Mars zum Einsatz zu bringen. Zwar gelang es der Sowjetunion in den 70er-Jahren, auf dem Mars zu landen, allerdings ging der Kontakt zur Sonde unmittelbar nach der Landung verloren. 

China macht sich im Weltraum breit

Auch abgesehen von dem jüngsten Rover-Einsatz auf dem Mars gibt China sich große Mühe, im Weltraum Präsenz zu zeigen. Nur wenige Stunden vor der Marslandung startete eine Rakete vom Raumfahrtbahnhof Jiuquan in der Wüste Gobi und brachte einen Satelliten zur Meeresbeobachtung ins All. Auch betreibt China einen Rover auf der erdabgewandten Seite des Mondes. Aktuell laufen auf dem anderen Raumfahrtbahnhof Wenchang auf der Insel Hainan in Südchina Vorbereitungen zum Start eines Cargofluges zum Hauptmodul der künftigen Raumstation Chinas. Frachtmissionen mit den "Tianzhou"-Raumschiffen sind ein wichtiger Teil der Pläne für den Bau der Raumstation, die bis Ende nächsten Jahres fertiggestellt werden soll. 

Klappt alles mit dem geplanten Bau, wäre China die einzige Nation, die noch einen ständigen Außenposten im All betreibt, wenn die internationale Raumstation ISS in den nächsten Jahren wie geplant ihren Dienst einstellen wird.

Auch andere Nationen reizt das Unbekannte

Aber warum diese Eile im Weltall? Vermutlich, weil es immer einfacher und günstiger wird, Satelliten zu bauen und in den Orbit zu schießen. Die Europäische Weltraumagentur will eine Vielzahl von Satelliten rund um den Mond einsetzen, um den Planeten mit Hilfe eines Telekommunikations- und Navigationsnetzwerks zu erforschen. Seit etwas mehr als 100 Tagen kreist eine Raumsonde der Vereinigten Arabischen Emirate um den Mars und sendet Bilder und Daten – unter anderem, um die Verteilung von Wasserstoff auf dem Mars dreidimensional aufzuzeigen. Russland will erstmals einen Film im Weltall drehen und schickt dafür im Oktober eine Sojus-Rakete von Kasachstan aus zur Internationalen Raumstation ISS – mit einer Schauspielerin und einem Regisseur an Bord. Und dann wäre da noch Elon Musk, der mit wiederverwendbaren Raketen die Raumfahrt revolutionieren und Ende des Jahres die ersten Touristen ins All schicken will. Erst kürzlich rief er per Tweet dazu auf, die Menschheit zu einer "multiplanet species" zu machen.

Braucht die Nutzung des Weltraums Regeln?

Aufzählungen dieser Art werden wohl auch die Londoner Financial Times dazu veranlasst haben, Regelungen für die Nutzung des Weltraums zu fordern. Der Weltraum werde zunehmend zu einer überfüllten Grenzregion, heißt es darin. "Die USA und China – sowie andere Weltraummächte wie Russland und Indien – sollten ihre strategischen Rivalitäten zurückstellen und ernsthaft an der Festlegung von Verhaltensregeln für den Weltraum arbeiten. Eine solche Zusammenarbeit würde zwar das laufende Wettrüsten im Weltraum nicht eindämmen, aber zumindest die Grundlagen für dessen zivile Nutzung festigen" (übersetzt durch die Deutsche Presseagentur, DPA).

Dass es im All tatsächlich eng werden könnte, ist zwar kaum vorstellbar, dennoch werden beim Bau neuer Raketen vermehrt Sicherheitsmechanismen integriert, die etwa einen Zusammenstoß vermeiden sollen. Gerade baut Norwegen an zwei Satelliten mit diversen Schutzfunktionen, die im kommenden Jahr starten sollen, um eine Breitbandabdeckung in ihrem strategisch wichtigen arktischen Norden zu ermöglichen. "Wir haben noch nie darüber nachgedacht, aber jetzt ist das Thema Sicherheit in den Weltraum gekommen", sagte Oberst Stig Nilsson, Leiter des Weltraumprogramms des Verteidigungsministeriums für Norwegen, gegenüber der Financial Times. Dass im Dezember 2020 knapp 3.400 Satelliten um die Erde kreisten und allein in China mehr als 150 Unternehmen um ihren Bau und den Start von Raketen wetteifern, macht das Problem greifbar.

China demonstriert seine Macht

Auch in den USA nimmt das Bewusstsein um die Sicherheit im Weltall zu. Die "Intelligence Community", ein Zusammenschluss der 17 amerikanischen Nachrichtendienste, veröffentlicht jedes Jahr einen Bericht zu den globalen Gefahren für die Sicherheit der USA. In der diesjährigen Ausgabe wird China als Amerikas größte Gefahr im Weltraum herausgestellt – dabei geht es allerdings nicht um ungewollte Kollisionen durch eine Vielzahl von Satelliten, sondern um tatsächliche Angriffe. Das Land sei schon bald in der Lage, Satelliten mit Raketen zu beschießen oder mit Lasern zu blenden. 

Ganz unrealistisch scheinen diese Befürchtungen nicht. Schon im Jahr 2007 schoss China eine Rakete von der Erde ins All, um einen landeseigenen Wettersatelliten in etwa 850 Kilometern Höhe zu zerstören. Es war das erste Mal, dass ein Ziel im Weltall vom Boden aus abgeschossen wurde. Kai-Uwe Schrogl, Herausgeber des "Handbook of Space Security" sowie Präsident des International Institute of Space Law (IISL) ordnete Chinas Vorgehen in einem ntv-Podcast als Machtdemonstration ein, die einschüchtern sollte. 

Die großen Drei im Weltall

Schrogl weißt auch daraufhin, dass nicht nur China und die USA im Weltall ihre Kräfte messen. Auch Russland sei eine bedeutende Raumfahrtnation, die von den Amerikanern misstrauisch beäugt wird. Die amerikanischen Geheimdienste erzählen von Antisatellitenwaffen, an denen Russland derzeit arbeite. "Wir haben nichts gelernt von den Eskalationsmechanismen, die wir im Kalten Krieg studieren konnten", sagt Schrogl. "Wir müssten eigentlich die Lehren aus dem Rüstungs- und Bedrohungswettlauf im Kalten Krieg ziehen und das auf den Weltraum anwenden."

Dass der Weltraum zu einem Spielfeld geopolitischer Interessen wird, ist eigentlich nichts neues – nach und nach zeichnet sich nun allerdings eine internationale Ordnung im All ab, in der wenige machtvolle Länder wie China und Russland immer neue Wege suchen, um die amerikanische Dominanz zu brechen.

 "Wir werden sehen, dass der Weltraum in zukünftigen Konflikten auf der Erde eine Rolle spielt", sagt Brian Weeden, Weltraumexperte bei der Secure World Foundation, gegenüber der Financial Times. "Es ist einfach – und relativ billig." Weeden hält auch Satellitenstörungen in Reichweite militanter Gruppen wie des IS zeitnah für möglich.

Ein fast regelfreier Raum

Das Problem wird wohl in den nächsten Jahren darin bestehen, dass das Weltall bislang ein fast regelfreier Raum ist, der niemandem gehört und dessen Nutzung bisher nur durch allgemeine Grundsätze beschränkt wird. Im Weltraumvertrag von 1967 heißt es im 1. Artikel: "Die Erforschung und Nutzung des Weltraums, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper [...] soll die Provinz der ganzen Menschheit sein". Ein ausdrückliches Waffenverbot sucht man vergebens – nur die Nutzung von Atomwaffen ist laut des Vertrages verboten. 

Dass Länder wie China, Russland und die USA ineinander nur Gegner zu sehen scheinen, schürt nicht gerade Hoffnung auf ein friedvolles Miteinander im Weltall, dass "die Provinz der ganzen Menschheit" sein soll.

Quellen: Bericht der US Intelligence Community, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DPA, Financial Times, NTV, Twitter Elon Musk, Twitter Zhurong Mars Rover,

Mehr als 3000 Satelliten im All: Immer mehr Nationen wollen ins Weltall – wird das zu einem Problem für die Sicherheit?

Sehen Sie im Video: China hat erste Videoaufnahmen seines Mars-Rovers veröffentlicht. "Zhurong" war am Wochenende auf dem roten Planeten gelandet.

sve

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker