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Bestseller-Autor Charles Foster: Wie viel Tier steckt in uns Menschen? Ein Selbstversuch

Am besten war er als Fuchs, er scheiterte als Mauersegler und lernte, Otter zu hassen. Der Wissenschaftler Charles Foster lebte über Monate in Erdbauten, im Wald und an Flüssen. Um zu erfahren, wer er wirklich ist.

Wie viel Tier steckt in uns Menschen?

Wie viel Tier steckt in uns Menschen?

Charles Foster warnt zur Begrüßung, man möge bitte nicht in den Vulkan treten. Der Vulkan steht im Hausflur, er ist aus Pappe und von Kinderhand, und die Lava – in Ermangelung von echter – besteht aus Orangenmarmelade, wie Foster kundig feststellt, in dem er einen Finger in den Vulkanschlund steckt und schleckt. Also nicht in den Vulkan treten, das gäbe nur Ärger mit den Kindern und der Frau. Er sagt außerdem, man möge die Unordnung entschuldigen in dem kleinen Haus in Oxford, aber die Familie sei auf dem Sprung in den Urlaub. Dann stellt er die englischste aller Fragen: "Mögen Sie einen Tee?", und das bleibt die kommenden Stunden der normalste Satz aus seinem Mund.

, 54, ist ein Universalgenie oder mindestens ein Generalist der alten Schule. Er lehrt Medizinrecht und Ethik in Oxford, ist zugleich ausgebildeter Tiermediziner; er lief in seinem früheren Leben Ultramarathons und auch mal mit Skiern zum Nordpol. Er schrieb viele Bücher über dies und das, liebt die Philosophie, die Menschen. Und ganz besonders die Tiere. Das alles bündelte Charles Foster in einem ultimativen Selbstversuch über Jahre, den er zu einer klug-komischen Collage verdichtet hat: "Being a Beast", ein Bestseller in Großbritannien, der im Januar endlich unter dem Titel "Der Geschmack von Laub und Erde" auf Deutsch erscheint. Es ist eine metaphysische Entdeckungsreise durch Wald, Wiesen, Seen und Seelen. Foster entdeckte dabei das Kind in sich und erfüllte sich einen Traum: leben als Tier. Um genauer zu sein, als Dachs, Otter, Fuchs und Hirsch und – Königsdisziplin – als Mauersegler.

Das klingt erst einmal verrückt und exzentrisch, und vermutlich käme außerhalb von niemand auf die Idee, monatelang im Gehölz zu liegen und in Erdlöchern und an Flüssen oder unter Rhododendren in der Stadt, sich von Würmern zu ernähren oder von plattgefahrenen Eichhörnchen. Sich die Zehennägel wachsen zu lassen, auf dass sie zumindest entfernt an die Hufe von Hirschen erinnern. Mithin zu leben und zu fühlen wie Tiere. Und das alles, um eine simpel klingende Frage zu beantworten, an der sich schon die größten Denker der Menschheit die Zähne ausgebissen haben: "Wie kann ich wissen, wer ich bin, wenn ich nicht weiß, woher ich komme?"

Die Muttererde aller Fragen

Foster kocht nun erst einmal Tee in der großartig unaufgeräumten Küche, die ihn im Kinderchaos "an einen Dachsbau erinnert". Dann sagt er mit seiner ruhigen Stimme und im feinsten Oxford-Englisch, er habe sich sein Leben lang gefragt, ob es möglich sei, den anderen zu verstehen, "zum Beispiel meine geliebte Frau". Die geliebte Frau heißt Mary. Sie ist die Mutter seiner vier , steht auch in der Küche und lächelt milde bei seinen Ausführungen. Zumindest sie versteht ihn, das ist schon mal beruhigend. Foster führt dann aus: "Die Frage ist: Kann man eine Beziehung aufbauen mit einem nicht menschlichen, wilden Tier? Falls das möglich ist, sollte es auch möglich sein, mit Menschen eine Beziehung aufzubauen. Also mit einem menschlichen Tier."

Das war die Ausgangslage seines, im Wortsinn, Feldversuchs. Und also machte er sich auf den Weg in die Natur, zunächst mit seinem Sohn Tom, acht Jahre, und die beiden zogen in walisische Wälder und versuchten, wie Dachse zu sein, indem sie Dachse beobachteten und ihnen möglichst nahe kamen; wobei der Sohn der entschieden bessere Dachs war, weil kindlich unverstellt und nicht benebelt von der "Tyrannei des Bewusstseins", wie Foster das nennt.

Kinder, sagt Foster, sind per se die besseren Tiere. "Sie knuddeln Teddybären, sie sprechen mit Katzen und glauben, die Katze könne sie verstehen. Sie sind der Erde näher und riechen an Dingen und fassen sie an und ekeln sich seltener." Tom verspeiste mit Selbstverständlichkeit Grashüpfer, er leckte an Schnecken und konnte irgendwann unterscheiden, ob es schwarze oder braune waren. Er erschnüffelte im Laufe der Zeit sogar Wühlmäuse.

Zuweilen war der Vater etwas neidisch auf den Sohn und dessen Sinne, die allerdings schon immer verblüffend waren. Familienintern heißt Klein-Tom nämlich auch "Tommy the Toad Catcher", weil er mit großer Treffsicherheit Kröten unter Steinen aufspürt. Eine Fähigkeit, die, wie Charles Foster doziert, tief in uns allen schlummert aus archaischen Zeiten und die "man mit etwas Übung selbst bei den schlimmsten Büro-Drohnen wieder freilegen könnte".

Charles Foster

Charles Foster


Jedenfalls war Tom nach menschlichem Ermessen ein guter Dachs. Er erinnerte Charles mit seiner tierischen Versessenheit an die eigene Kindheit in Yorkshire, als er Vögel und Füchse beobachtete und totes Kleinvieh sezierte und dessen Hirne einlegte wie andere Leute Gurken in der Hoffnung, die Sinne der Kreaturen würden schamanenhaft auf ihn übergehen.

Passierte aber nicht. Also musste Charles Foster Jahre später den harten Umweg gehen und selbst Tier werden, oder wenigstens ein menschliches Tier. Was schwer war und zugleich irgendwie naheliegend, denn: "Es ist doch so", sagt er Kräutertee-nippend am Küchentisch, "wir sind evolutionsmäßig und von unseren Genen her gerade einmal einen Wimpernschlag von Vögeln und Dachsen und Ottern entfernt." Und man kann nicht sagen, dass er die menschliche Entwicklung seither für einen großen Fortschritt hält. Kurzer Vortrag nun vom Beast: "Die Wildheit ist ein Teil von uns. In unserem Gedärm lebt ein ganzes Knäuel von wilden Bakterien. Nimm die weg, und der Körper funktioniert nicht mehr. Wenn wir aus dem Fenster auf Bäume gucken, wirkt das beruhigend und senkt den Blutdruck."

Es ist noch vieles da von dem, aber irgendwie ist es verschüttgegangen auf dem Weg aus dem Neandertal nach . Auch, im Übrigen und leider, im Umgang mit den Tieren selbst. "Wenn wir uns Menschen gegenüber so verhielten, wie wir es mit Tieren tun, würde man sagen: klarer Fall von Psychopath." Foster entdeckte dann das Tier in sich. Und gewann erstaunliche Erkenntnisse: Otter beispielsweise, die er vor seiner Exkursion noch verehrte, verachtete er nach seinen Studien an und in Flüssen regelrecht als "habgierige Fressmaschinen ohne Persönlichkeit", die sich gegenseitig in die Eier beißen. In ihrem ganzen Auftreten ähnelten sie "ekligen Ultrakapitalisten". Er war, man kann es nicht anders sagen, ziemlich enttäuscht vom gemeinen Otter.

Und danach ziemlich enttäuscht von sich als Hirsch. Als Hirsch war Foster "rubbish", wie er sagt, eine glatte Null. Als der Versuch mit den langen Zehennägeln als Hufersatz gescheitert war, ließ er sich immerhin noch jagen von einem Bluthund, um zu empfinden, wie ein gejagter Hirsch wohl empfindet. Aber so weit kam es nicht mal. Der Jagdhund stellte ihn subito, schaute ihn betreten an und drehte dann mitleidig ab. Ein Tiefpunkt im Hochmoor.

Füchse verstand er irgendwie

Ähnlich aussichtslos war sein Versuch, Mauersegler zu sein. Er liebt diese Vögel, sah ihnen beim Schlüpfen zu, reiste ihnen nach bis tief nach Afrika, bewundert ihre famose Ausdauer, "Abertausende Kilometer Flug pro Jahr", stieg sogar in einen Paraglider und in die Lüfte. Und musste doch schlussendlich konstatieren, dass er als Mauersegler hoffnungslos überfordert war. "Ich hätte genauso gut versuchen können, Gott zu sein."

Als Fuchs war er talentierter. Füchse verstand er irgendwie. Mehr noch. Foster sagt, dass Füchse die besseren Stadtmenschen seien, die viel besseren Londoner auf jeden Fall, mit scharfen Sinnen und scharfem Verstand und dem noch nicht hundsmäßig domestizierten Hirn. "Sie trauern sogar wie wir um ihre Toten." Einige der Füchse wirkten auf ihn wie Mitglieder der Tories, der konservativen Partei, mit Hang zu gepflegten Gärten und geregelten Arbeitszeiten. Einmal standen sich Fuchs und Foster gegenüber, Auge in Auge, er konnte fühlen, was der Fuchs fühlte, und "umgekehrt, glaube ich, fühlte der Fuchs auch mich".

Es war ein Gefühl des Respekts und der wahrscheinlich intensivste Moment seines Experiments. Jahrelang hatte Foster Füchse studiert, vornehmlich in London. Er schlief unter Büschen und robbte um Mülltonnen, er erledigte seine Geschäfte im Freien, große wie kleine, und niemand nahm Notiz von ihm, weil Foster aussah wie ein ortsansässiger Penner. Aber dann sprach ihn eines Tages doch ein Polizist an. Worauf sich folgender Dialog entwickelte, der seine ganze Pracht nur ungekürzt entfaltet:

"Afternoon, Sir."

"Good afternoon."

"Kann ich Ihnen helfen?"

"Danke der Nachfrage, alles ist gut."

"Darf ich fragen, was Sie hier machen?"

"Ein Nickerchen."

"Darf ich fragen, warum Sie ausgerechnet hier ein Nickerchen halten?"

"Das dürfen Sie selbstverständlich fragen, Officer. Ich fürchte nur, dass Sie meine Antwort nicht zufriedenstellen wird. Ich versuche nämlich, ein Fuchs zu sein, und möchte wissen, wie es ist, den ganzen Tag Verkehrslärm zu ertragen und auf Knöchel oder Schenkel zu starren statt auf ganze Menschen. Verstehen Sie?"

Der Polizist verstand natürlich nichts. Er hielt Charles Foster für verrückt, zumindest für exzentrisch oder beides. Und exakt darüber lässt sich nun trefflich diskutieren.

Was ist exzentrischer: der Versuch, im Einklang mit der Natur zu leben? Oder sich jeden Morgen einen Anzug überzustreifen, in eine überfüllte U-Bahn zu steigen, um sich dann im Büro schlimmstenfalls so zu benehmen wie die ultrakapitalistischen Otter, die sich in die Eier beißen.

Buch-Cover: "Der Geschmack von Laub und Erde"

Foster entdeckte das Tier in sich. In seinem Buch dokumentiert er seine Erfahrungen.

Aus diesem Grund, sagt Charles Foster, wählte er den englischen Buchtitel auch doppeldeutig. "Being a Beast" bezieht sich nicht nur auf sein Leben als Tier, sondern zu wenigstens gleichen Teilen auf die City-Biester. "Unser Immunsystem ist für das Leben da draußen gemacht und nicht für Röhren unter der Stadt oder in Glastürmen." Er hat da draußen gelernt, dass Regenwürmer aus Kent frisch und unkompliziert sind und ihre Artgenossen aus dem Chablis eher mineralisch im Abgang. Er lernte, seine Sinne auf das Notwendigste zu fokussieren, und musste dann erst wieder lernen, den Lärm des Alltags zu akzeptieren, als ihn die Zivilisation einfing mit Häusern, Licht, Autos und Frau und Kindern. Auf dem Weg zurück ins richtige Leben im falschen hörte er im Zug Vogelgezwitscher vom Band.

Bleibt eine Frage: Hat er seine Antwort gefunden darauf, woher er kommt? "Als Tier", sagt er, "bin ich ziemlich durchgefallen." Das überrascht nicht richtig. 1,83 Meter groß, gut 90 Kilo, Glatze. Dachse sehen anders aus. Und Mauersegler erst.

Aber das Experiment sei dennoch komplett gelungen. Dem Gelehrten sind ein paar Dinge sehr deutlich geworden auf dieser metaphysischen Selbstsuche. Die Tragik, was der Mensch verloren hat, indem er groß wurde und mächtig und sich alles untertan machte. Er sagt: "Das Privileg des Geistes über den Körper führt zu einer sinnesärmeren Welt." Allerdings ist es noch nicht zu spät. Nicht für ihn und nicht für unsere Spezies grundsätzlich. Zum Abschied gibt’s noch einen Rat von Charles Foster, zwei sogar. Einen für den Besuch und einen für die ganze Menschheit. Nicht in den Vulkan treten. Und: "Um als Mensch Erfolg zu haben, solltest du erst einmal ein besserer Dachs werden."

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