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Kopfwelten: Warum Roman Polanski vor Gericht gehört

Der Oscar-Preisträger Polanski hat vor Jahrzehnten eine 13-Jährige vergewaltigt. Die hat ihm vergeben. Doch das kann kein Grund sein, auf einen Prozess zu verzichten.

Von Frank Ochmann

"Als ich vom Hotel zur Polizeistation gefahren wurde, sprachen sie im Autoradio schon darüber... Ich konnte es nicht glauben ... Hätte ich jemanden umgebracht, wäre es für die Presse nicht so anziehend gewesen ... Aber ... Ficken ... und die jungen Mädchen. Richter wollen junge Mädchen ficken. Geschworene wollen junge Mädchen ficken. Alle wollen junge Mädchen ficken. Nein, da wusste ich, das wird ein großes, großes Ding."

Was Roman Polanski 1979 in einem Interview dem englischen Schriftsteller Martin Amis gesagt hat, ist ihm vielleicht wieder eingefallen, als er jetzt, 30 Jahre später, wie aus heiterem Himmel am Züricher Flughafen von der Kantonspolizei verhaftet wurde. Damals in den USA konnte er im letzten Augenblick nach Frankreich fliehen. Kühl hatten sie ihn dort zuerst aufgenommen. Aber weil sie in Paris "sehr erwachsen" sind, wie er fand, fühlte er sich in dem Land, in dem er 1933 geboren war, sicher. Zwar wollte er auf jeden Fall noch einmal zurück in die USA, wo er lange gelebt, grandiose Erfolge als Regisseur gefeiert und 1969 durch ein mörderisches Gemetzel seine damals hochschwangere Frau Sharon Tate verloren hatte. Doch zunächst blieb er an der Seine - "bis etwas passiert".

Nun ist es passiert. Der Zugriff am Züricher Flughafen Kloten war schon deshalb so überraschend, weil Polanski in den vergangenen Jahren auch in der Schweiz unbehelligt gelebt hatte. Als er aber diesmal seinen Fuß auf eidgenössischen Boden setzte, lag gegen ihn ein frischer internationaler Haftbefehl vor. Für sein Lebenswerk sollte der 76-jährige Oscar-Preisträger auf dem Züricher Filmfestival und später auch mit dem Filmpreis Köln geehrt werden. Stattdessen holte ihn über eine Anklage aus dem Jahr 1978 eine Tat ein, die sein Leben bei allem künstlerischen Glanz bis zum Ende überschatten wird: "ungesetzlicher" Sex mit einer 13-jährigen. Den hat er damals zwar gestanden und über seine Anwälte einen Deal mit dem Gericht zu erreichen versucht. Vor seiner dennoch zu erwartenden Verurteilung aber war er über den Atlantik geflohen.

Das Opfer will nicht mehr an den Fall erinnert werden

Die juristischen Feinheiten dieses Falles sind kompliziert. Von Ungereimtheiten beim Prozess damals in Los Angeles ist die Rede, vom immensen Druck der Presse, dem sich der inzwischen verstorbene Richter ausgesetzt sah. Für das Opfer scheint es nach längerem Hin und Her eine finanzielle Entschädigung gegeben zu haben. In helleres Licht rückt das den Täter allein noch nicht. "Polanski ist ein sehr arroganter, wichtigtuerischer, schauriger alter Mann", sagte Samantha Geimer 2005. "Ich denke, er konnte sich gar nicht vorstellen, dass irgend jemand keinen Sex mit ihm haben wollte." Heute hat das ehemalige Model Polanski vergeben. Sie will vor allem nicht mehr daran erinnert werden - auch nicht durch einen neuen Prozess -, was ihr 1977 im Anschluss an Fotoaufnahmen im Haus des Schauspielers Jack Nicholson angetan worden war.

Aber reicht das schon, um die Akten zu schließen und auf ein Urteil ganz zu verzichten? Spielt es neben der Vergebung des Opfers und der langen Zeit, die vergangen ist, vielleicht auch eine Rolle, dass Polanski ein bedeutender Künstler ist? Und außerdem: Sind sie halt nicht einfach so, die Bohemiens mit "sex and drugs and rock and roll"?

Nicht wenige scheinen das wirklich geglaubt zu haben. Kolleginnen und Kollegen aus dem Showgewerbe vor allem und viele, die sich der Kunstszene zugehörig oder wenigstens von ihr angezogen fühlen. Bei den Protesten, die es auf die Verhaftung Polanskis hagelte, konnte man den Eindruck gewinnen, da sei einer auf exterritorialem Gebiet oder unter Missachtung seiner diplomatischen Immunität gekidnappt worden, weil er mal ein bisschen gekifft oder sonst wie über die Stränge geschlagen hatte. Lutz Hachmeister zum Beispiel, Gründungsdirektor des Kölner Film- und Fernsehfestivals "Cologne Conference", verglich das "hinterhältige" Vorgehen der Schweizer Behörden "fassungslos und mit großem Bedauern" mit "Zuständen wie im heutigen Iran". Hallo? Haben wir es auch noch eine Nummer kleiner? Es geht um den Vorwurf der Vergewaltigung eines Kindes und nicht um im Suff zertrümmertes Hotelmobiliar.

Reue ersetzt keinen Prozess und keine Strafe

Natürlich gibt es eine unübersehbare öffentliche Tendenz, sich am Fall der Mächtigen, der Reichen und Schönen, "der da oben", zu ergötzen. Das ist primitiver Voyeurismus gepaart mit Neid und Schadenfreude, und dafür gibt es international einen üppig wuchernden Medienmarkt. Doch hinter diesem völlig zurecht beklagten Ärgernis darf sich nicht verstecken, wer eines Verbrechens beschuldigt wird. Das eine rechtfertigt nicht das andere. Und einer wie Polanski kann die eigene Haut auch nicht hinter einer großen Zahl von Menschen zu retten versuchen, die doch vermeintlich selbst am liebsten täten, was er selbst eingestandenermaßen getan hat. "Aktive Pädophile stehlen Kindheiten", schrieb Amis nach seinem Interview in Paris. "Polanski, so kommt es dir vor, hat nie auch nur versucht das zu verstehen."

Selbst wenn ihm diese Einsicht inzwischen gekommen sein sollte, ersetzt Reue keinen Prozess und keine Strafe, weil sie eine Tat nicht ungeschehen macht. Wenn doch das Opfer aber selbst keinen Prozess und keine Verurteilung mehr will, hat eine Strafverfolgung dann überhaupt noch einen Sinn?

Hat sie, denn es dreht sich dabei nicht alles nur um Täter und Opfer. Es geht auch um die Gesetze, die gebrochen wurden. Und es geht um die Gesellschaft, die unter diesen verabredeten Regeln lebt. Was für alle gilt, muss eben auch für alle gelten. Viele sozialpsychologische Untersuchungen haben inzwischen belegt, wie sehr der Zusammenhalt einer Gruppe oder gar einer ganzen Gesellschaft von dem Kitt abhängt, den die Gleichheit vor dem Gesetz darstellt. Wer für sich generell oder auch nur im Einzelfall eine Ausnahme beansprucht, kündigt zugleich die Gemeinschaft mit denen auf, die sich an die Gesetze halten. Das mag einer in seinem vermeintlich besonderen Fall ja sogar für gerechtfertigt halten. Es darf ihm im Interesse der anderen aber nicht gestattet werden.

Das ist im Fall Polanski nicht anders als - ein anderes aktuelles Beispiel - bei Fällen von Wirtschaftskriminalität. Wer es nicht erwarten kann, gierige Börsenzocker und Managementnieten hinter Gittern zu sehen, sollte sich die Empörung über Polanskis Festsetzung besser verkneifen. Ja, wir haben beim "Tanz der Vampire" Tränen gelacht und beim "Pianisten" Tränen geschluckt. Roman Polanski steht im achten Jahrzehnt, hat die Nazis überlebt und "genug durchgemacht für zwanzig Leben", wie Amis sagt. Aber kann es, darf es für all das einen Freibrief geben?

Dass die Schweizer den international gefeierten Regisseur über Jahre in Ruhe gelassen hatten, ändert nichts an der Legitimität der jetzt erfolgten Verhaftung. Und wenn die Eidgenossen sich nun auch noch einen Ruck geben und künftig Steuerhinterziehung und Geldwäsche genau so konsequent und ganz ohne Ansehen der Person verfolgen könnten wie sie das im Fall Polanskis vorgeführt haben, dann wäre der Züricher Zugriff vom 26. September wirklich ein guter Anfang und "ein großes, großes Ding".

Literatur:

Amis, M. 1993: Visiting Mrs Nabokov and other excursions, London: Jonathan Cape (Roman Polanski: 246-254, erste Veröffentlichung 1980 im Magazin "Tatler")

Cushman, F. 2008: Crime and punishment: Distinguishing the roles of causal and intentional analyses in moral judgment, Cognition 108, 353-380

Fehr, E. & Fischbacher, U. 2004: Third-party punishment and social norms, Evolution and Human Behavior 25, 63-87

Fragale, A. R. et al. 2009: The higher they are, the harder they fall: The effects of wrongdoer status on observer punishment recommendations and intentionality attributions, Organizational Behavior and Human Decision Processes 108, 53-65

Parry, R. 2005: Exclusive: "Polanski raped me when I was 13 … He is a creep", Daily Mirror v. 25.7.