HOME

Haustiere: Invasion der Exoten

Schlangen, Echsen, Giftspinnen und Insekten sind die Haustiere des Single-Zeitalters. Wie viele es sind, weiß niemand. Nur wenn sie ausbüxen oder zubeißen, wird ihre Allgegenwart offenbar.

Von Gerd Schuster und Peter Thomann (Fotos)

Wenn Stefan Strebl sein Haustier herzen möchte, braucht er zwei kräftige Bodyguards. Die sollen seine Haut retten, falls die kapitale Riesenschlange, die der 33-jährige Systembetreuer in seinem Haus bei Landshut päppelt, ihren Ernährer zu würgen beschließt. Zwei Wächter sind der gängigen Sicherheitsnorm "ein Mann pro Meter Schlange" zufolge Pflicht, denn Strebls Boa constrictor ist 3,20 Meter lang, oberschenkeldick und hält mit etwa 40 Kilo den deutschen Gewichtsrekord für ihre Art.

Ob die Helfer im Falle eines Falles das Schlimmste verhindern können, ist ungewiss - die Riesenschlangendame, die Strebl 1996 als 35-Zentimeter-Wurm kaufte, besitzt die Kraft einer hydraulischen Presse. Glücklicherweise jedoch ist das oliv und schwarz gemusterte Prachtstück überaus träge und bei deftiger Fütterung friedlich. "Nur gut, dass sie nicht weiß, wie stark sie ist", sagt Strebl.

Der bayerische Boa-Besitzer liegt voll im Trend. Warane, Schlangen, Agamen, Kaimane, Geckos, Vogelspinnen, Leguane, Chamäleons und Schildkröten sind die Haustiere des 21. Jahrhunderts. Zwar schnurren die Exoten nicht, und sie halten mit Ausnahme der Bartagamen auch nichts von Zärtlichkeit und Zuwendung, doch sie haben Vorteile, die im Single-Zeitalter schwer wiegen: Sie müssen nicht Gassi gehen, bellen, jaulen und miauen nicht, nehmen es nicht übel, wenn man sie ein paar Tage allein lässt - und sind ideal, um Haustierverbote zu umgehen.

Weitgehend unbemerkt

rollt seit Ende der 90er Jahre eine Flut von Echsen und Reptilien über Westeuropa und die USA hinweg. In Großbritannien tummeln sich laut "The Independent" bereits fünf Millionen Krokodile, Schildkröten, Gift- und Würgeschlangen. Das Blatt rechnet damit, dass die Exoten spätestens 2006 den Hund vom zweiten Haustierplatz hinter der Katze verdrängen werden.

Bei uns könnte der Siegeszug der schuppigen Asylanten ähnlich fortgeschritten sein. Amtliche Angaben fehlen. Nach einer Studie des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe (ZZF) von Januar 2005 wohnen rund 23 Millionen Haustiere unter deutschen Dächern - schätzungsweise 7,3 Millionen Katzen, 5,9 Millionen Kleinsäuger wie Meerschweinchen und Mäuse, über fünf Millionen Hunde und 4,6 Millionen Ziervögel. Weiteres Getier schwimmt laut ZZF in etwa drei Millionen Aquarien und Gartenteichen und kriecht durch rund 400.000 Terrarien. Zahlen nannte der ZZF hier nicht.

Vielleicht, weil sie peinlich sind. Die Münchner Artenschutzgruppe Pro Wildlife schätzt den Bestand an Aquarienfischen auf 80 Millionen. Wegen ihres meist raschen Ablebens werde die gesamte Population durchschnittlich viermal im Jahr ausgetauscht, was einem "Verbrauch" von 320 Millionen Tieren entspreche. Pro Wildlife schätzt, dass deutsche Tierfreunde ihr Heim mit etwa 100.000 Giftschlangen, 200.000 Riesenschlangen sowie, von zahllosen anderen Echsen und Reptilien abgesehen, Raubkatzen, Gürteltieren, Kleinbären und an die 30 Affenarten teilen, die der ZZF allesamt unerwähnt ließ.

"100.000 Gift- und 200.000 Würgeschlangen - das ist viel zu wenig!", sagt der Lingenfelder Ingenieur Bernd Wolff. In der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT), dem Verein der Exotenfreaks, leitet er die Arbeitsgemeinschaft Schildkröten.

Über Zahlen reden die Boa-Bändiger und Vipern-Verwahrer ungern. Sie haben Angst vor Nachbarn, Behörden sowie der Presse und sind sich bewusst, dass sie in der Öffentlichkeit - so Hans-Dieter Philippen, Chefredakteur der Schildkröten-Zeitschrift "Marginata" - gemeinhin als "gefährliche Irre" gelten. Trotzdem sickerte einiges durch: etwa, dass besonders sammelwütige Exotenhalter, die 300 Riesenschlangen, 400 Giftnattern oder 800 Vogelspinnen pflegen, relativ häufig sind und dass die Nachbarn selten von dem Privatzoo auf der anderen Wandseite wissen. Oder dass es alkoholkranke Riesenschlangenhalter gibt, die "nachts Hunde von der Straße wegfangen" - als Futter für ihren Sechs-Meter-Python. Es gibt sichere Indizien für den Exotenboom: etwa die Zahl der Unfälle mit den "lebenden Waffen im Wohnzimmer" (Pro Wildlife), der Feuerwehreinsätze zur Rettung entflohener oder ausgesetzter Tropentiere sowie der Echsen, die in Tierheimen landen.

Klapperschlangenbisse

sind für den Intensivmediziner Andreas Schaper vom Giftinformationszentrum (GIZ) Nord in Göttingen ein Gradmesser für den Giftschlangenbestand. "Sie sind zwar noch eine Rarität, aber ihre Zahl nimmt aufgrund des Exotenbooms sprunghaft zu", sagt der Arzt. "Unsere Giftambulanzen haben immer öfter mit Verletzungen durch exotische Gifttiere zu tun." In den Jahren 2000, 2001 und 2002 gab es mit 15 Bissen fast doppelt so viele Klapperschlangen-Attacken wie in den 20 Jahren zuvor zusammen. Auch die Zahl der Unfälle mit Skorpionen, Vogelspinnen und giftigen Aquarienfischen stieg stark: Sie verdoppelte sich 2002 gegenüber dem Durchschnitt der sechs Vorjahre auf etwa 200.

"Die Dunkelziffer ist enorm, denn Bisse von Vogelspinnen und Stiche von Aquarienfischen sind nicht meldepflichtig", ergänzt Schapers GIZ-Kollege Martin Ebbecke. "Sie werden nur erfasst, wenn die Betroffenen zum Arzt gehen und der bei unserer Zentrale Rat sucht." Schaper multipliziert die Daten seines 13 Millionen Einwohner zählenden Einzugsgebietes mit sieben. Plus Dunkelzifferzuschlag kommt er für ganz Deutschland auf viele tausend meist schmerzhafte Konflikte zwischen Haustier und Halter.

Jan Knoll, bis Januar 2005 Reptilienbeauftragter der Hamburger Feuerwehr, bekam ständig mehr Arbeit: Riesenschlangen auf dem Dach, Kaimane im Gartenteich. Im Juli 2004 wurde er bei einem Einsatz von einer Japanischen Kletternatter gebissen. Knoll musste 2002 zu 40 Exoteneinsätzen, 2003 zu 66 und 2004 zu 78. Die Feuerwehr der Hansestadt rückte 2004 insgesamt 86-mal wegen Schlangenalarms aus. Knoll, selbst Schlangenfan, ist jetzt Reptilienexperte von Bad Segeberg.

Ein weiteres Trend-Signal ist die Zunahme der Exotenhändler. "Früher gab es bundesweit drei oder vier Geschäfte, die Reptilien verkauften", sagt Schildkröten-Chefredakteur Hans-Dieter Philippen. "Heute finden Sie in jeder Kreisstadt einen Reptilienshop, der bestens läuft!"

Und dann sind da noch die Importzahlen. Dietrich Jelden, für Artenschutz zuständiger Abteilungsleiter im Bonner Bundesamt für Naturschutz, hat sie erfasst. Demnach kamen zwischen 1996 und 2003 insgesamt 290.428 Riesenschlangen, Leguane und Kaimane legal ins Land. Die Einfuhren stiegen von Jahr zu Jahr und nahmen zwischen 1998 und 2003 um knapp 40 Prozent zu. "Die geschützten Arten machen maximal ein Fünftel des tatsächlichen Exotenimports aus", sagt Jelden - 290.428 mal fünf sind knapp anderthalb Millionen. "Natürlich halten sich auch die deutschen Händler an die in der EU gängige Praxis, die Tiere dort einzuführen, wo es einfacher ist, also beispielsweise über Belgien und Holland", erklärt Rudolf Hoffmann, Leiter der Klinik für Fische und Reptilien an der Tierärztlichen Fakultät der Universität München. Tiere, die über andere EU-Staaten einreisen, würden von Jeldens Amt aber nicht registriert. "Grüne Leguane kommen als Massenware aus mittelamerikanischen Farmen zu uns - jedes Jahr Hunderttausende."

Wenn schon

das Zählen nicht klappt, sollte wenigstens die Überwachung funktionieren. Zum Angeln benötigt man eine behördliche Erlaubnis, und wenn man zehn Hühner hält, kommt das Veterinäramt zur Begutachtung. Ist es da vorstellbar, dass einer mitten in der Großstadt 200 Kobras, Mambas und Klapperschlangen halten kann, ohne dass sich irgendein Amt dafür interessiert?

Die Antwort lautet ja. Zwar müssen in allen 16 Bundesländern geschützte Arten, zu denen nur die wenigsten Giftschlangen zählen, angemeldet werden. Acht Länder besitzen "Verordnungen über das Halten gefährlicher Tiere wildlebender Arten", wie die Gesetzestexte meist heißen. "Im Rest der Republik kann jeder Idiot eine Kobra kaufen und in der Handtasche nach Hause tragen", zürnt Hoffmann.

Doch leider sind die Verordnungen Bayerns, Berlins, Bremens, Niedersachsens, Mecklenburg-Vorpommerns, des Saarlands, Sachsen-Anhalts und Schleswig-Holsteins Flickwerk. So hat Saarbrücken bei der Aufzählung der gefährlichen Tiere sämtliche Giftschlangen und Boas vergessen, nicht aber den Grizzlybär. Berlin hat die Boas und Anakondas berücksichtigt, nicht aber die Pythons, während Mecklenburg-Vorpommern die heimische Kreuzotter verschwitzte, obgleich 2004 eine Frau auf Rügen an einem Biss dieser Viper starb. Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt verbieten zwar "tropische Giftspinnen", nicht aber die Schwarze Witwe, die toxischer ist als die meisten Vogelspinnen, jedoch nicht "tropisch", weil sie in Südeuropa vorkommt. Niedersachsen schließlich weist seine Beamten an, Krokodile im Zuge einer "Erlaubnispflicht" als Haustiere zuzulassen. Warum, weiß keiner. Das Hauptmanko der Verordnungen aber besteht darin, dass sie zwar gefährliche Tiere vollmundig verbieten, zugleich aber "Ausnahmegenehmigungen" offerieren. Diese sind in einigen Ländern davon abhängig, dass man ein "berechtigtes Interesse" an Klapperschlangen oder Anakondas geltend machen kann, "Sachkunde" nachweist und sichere Terrarien besitzt. Nach Auskunft der Szene ist das Papier meist problemlos zu bekommen.

Trotzdem hüten sich die meisten Halter aus Angst vor verständnislosen Beamten, teuren Auflagen, fetten Gebühren oder einem Verlust ihrer Lieblinge, mit ihren Tieren aktenkundig zu werden. "Meiner Schätzung nach liegt die Anmeldequote bei höchstens 20 Prozent", sagt Institutsleiter Hoffmann. "Lege ich meine Gespräche mit Haltern zugrunde, die ihre Tiere bei uns behandeln lassen, so ist das noch hoch gegriffen!" Das bestätigt der Kieler Vogelspinnenhalter Philipp Samadi. "Unser meistgenutztes Internetforum heißt www.arachnophilia.de und hat aktuell 1876 Mitglieder", sagt der Mediziner. "Davon werden vielleicht zehn ihre Spinnen angemeldet haben. Man geht nach dem Motto vor: keine schlafenden Hunde wecken. So mache ich das auch."

Aber werden wenigstens die Anmeldungen der gesetzestreuen Exotenhalter statistisch ausgewertet? "Man kriegt gemeldet, wer was hat," erklärt Dr. Ulrike Schlüter, Leiterin des Veterinäramtes Braunschweig, "und das war's dann. Wir zählen das nicht zusammen!" Sylke Dawartz vom Hamburger Amt für Naturschutz hält es ähnlich. "Es kommen täglich Meldungen rein", sagt die Biologin. "Aber die kann ich nicht alle zählen!"

Giftschlangen gehörten "absolut nicht in Privathand", sagt Professor Hoffmann. Eine bundeseinheitliche Regelung, die auch Haltungsverbote ausspreche, sei "unbedingt nötig". Es gehe nicht an, dass jeder Unbedarfte übers Internet Kobras bestellen oder sich im Shop um die Ecke für 35 Euro eine junge Klapperschlange kaufen könne. Unabdingbar sei auch eine "Buchhaltungspflicht" für Händler. Die sollten gefährliche Tiere nur noch gegen Vorlage des Personalausweises abgeben dürfen und dazu verpflichtet werden, zu dokumentieren, was sie wann an wen weitergegeben haben. Hoffmann: "Ich habe selbst erlebt, wie hier in München ein tödlich giftiger Skorpion an einen 14-Jährigen verkauft wurde."

Durch praxistaugliche Gesetze lasse sich auch die weit verbreitete Tierquälerei durch falsche Haltung eindämmen, sagt der Tierarzt. Aus "Liebe" werde bei exotischen Haustieren viel falsch gemacht. Er kenne einen Fall, "da saßen der Halter und seine Schildkröte gemeinsam vor der Glotze und verzehrten Leberkäse!"

print