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Ölpest im Golf von Mexiko: Diese Katastrophe betrifft uns alle

Es findet in den Meerestiefen vor der Küste eines anderen Kontinents statt, tausende Kilometer von Deutschland entfernt. Und doch ist das Drama im Golf von Mexiko auch unser Drama. Aus vielen Gründen.

Von Nina Bublitz, Sönke Wiese und Lea Wolz

Fast 90 Millionen Liter sind seit der Explosion der BP-Plattform Deepwater Horizon in den Golf von Mexiko gelangt. An Land wird die Katastrophe langsam sichtbar, tote Tiere und verklebte Landstriche bieten ein trauriges Bild. Auch wenn sich das Umweltdesaster tausende Kilometer von Deutschland entfernt abspielt, geht es uns alle an.

1. Weil diese menschengemachte Umweltkatastrophe die Frage aufwirft, ob wir alles machen sollten, was technologisch möglich ist

Auch wenn wir es im Alltag nicht immer wahrhaben wollen: Es handelt sich um eine der schlimmsten von Menschen verursachten Umweltkatastrophen. Sie wirft die Frage auf, ob wir alles machen sollten, was technologisch möglich ist. "Aus immer tieferen Tiefen Öl zu fördern, ist ein gefährliches Geschäft", sagt Meeresexperte Christian Bussau von der Umweltorganisation Greenpeace. Das Unglück im Golf von Mexiko mache deutlich, "dass wir die Bohrungen in der Tiefsee nicht im Griff haben". Bussau fordert daher: "Raus aus der Tiefsee." Auch neue Genehmigungen zur Förderung von Öl und Gas in den Tiefen des Meeres sollten nicht mehr erteilt werden.

Matthias Reich, Experte für Bohrtechnik an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg, ist anderer Meinung. Er selbst hat 16 Jahre bei einer US-Firma gearbeitet, die Bohrtechnik für Ölplattformen liefert und jetzt für die Entlastungsbohrungen an der versunkenen Plattform Deepwater Horizon zuständig ist. "Es gibt keine hundertprozentig sichere Technologie", sagt er. "Wenn wir ohne Risiken auskommen wollen, müsste jeder einzelne seinen Energiebedarf zurückschrauben." Solange die Menschheit nach den Rohstoffen verlange, werde es Firmen geben, die die Gier nach Öl befriedigen, ist Reich sich sicher. Dabei steigen beim Wettrennen der Ölkonzerne um die immer tiefer verborgenen Schätze auch die Gefahren.

1995 waren im Golf von Mexiko 800 Meter Wassertiefe noch Rekord. Die 2001 fertig gestellte Deepwater Horizon reichte schon 1500 Meter bis zum Meeresgrund. Bis zu 2500 Meter wären laut Betreiber Transocean möglich.

"In diesen Tiefen hat man es mit ganz anderen Kräften zu tun, wir greifen in diese ein, ohne sie zu beherrschen", kritisiert Greenpeace-Experte Bussau. "Man arbeitet in diesen Tiefen am Limit - auch am technischen", sagt Reich. "In der Lagerstätte herrschen extreme Zustände. Die Technik, die hier zum Einsatz kommt, ist ähnlich anspruchsvoll wie die Weltraumtechnik." Und sie muss ähnlich viel aushalten: an Hitze und Kälte, an Druck, an Vibrationen. "Die Ingenieure betreten hier ständig Neuland." Auch bei dem Versuch, die Katastrophe im Golf von Mexiko zu beenden - nachdem alle Sicherungsmaßnahmen sie nicht verhindern konnten.

Auch wenn BP mit der Absaugglocke nun einen Teilerfolg vermelden kann: Die Liste der gescheiterten Operationen ist lang. "Alle Versuche am Meeresboden sind im Prinzip nur Kosmetik. Auch mit der Glocke wird bestenfalls nur ein Teil des Öls abgefangen", sagt Reich. Um die Ölquelle zu stopfen, muss man tiefer ansetzen - kurz oberhalb der Lagerstätte. Alle Hoffnung ruht daher nun auf Entlastungsbohrungen. Dabei soll der bereits bei "Top Kill" eingesetzte Spezialschlamm drei bis vier Kilometer unterhalb der Meeresbodens in das alte Rohr eingefüllt werden und so den Ölfluss zurück in die Lagerstätte drängen. Die Bohrköpfe müssen dafür die alte Leitung, die einen Durchmesser von 20 Zentimetern hat, präzise treffen.

"Entlastungsbohrungen sind eine erprobte Methode, die seit Jahrzehnten eingesetzt wird, wenn nichts mehr anderes funktioniert", sagt Reich. "Ich bin zuversichtlich, dass es klappt." Doch die Bohrungen dauern. Frühestens im August sollen sie fertig sein.

Bis dahin fließen weiter täglich schlimmstenfalls bis zu vier Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko. Insgesamt haben sich seit der Explosion der BP-Plattform am 20. April Schätzungen zufolge bereits fast 90 Millionen Liter (76.000 Tonnen) Öl in den Golf von Mexiko ergossen.

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2. Weil auch vor unserer Haustüre Öl Offshore gefördert wird

Drei Wochen lang brannte die Bohrinsel. 167 Menschen kamen ums Leben. Die Katastrophe auf der Piper Alpha nordöstlich von Schottland zählt zu den großen Ölunglücken in der Nordsee. Bereits elf Jahre zuvor war auf der Bohrinsel Ekofisk Bravo ein Fehler passiert, sieben Tage lang gelangte damals Öl in die Nordsee. Erst vor zwei Jahren trat Öl aus der norwegischen Bohrinsel Statfjord A aus und vor einigen Tagen gab es auf der Plattform Gullfaks C ein Problem am Bohrloch, die Bohrinsel musste geräumt werden.

"Ein schlimmer Unfall ist auch in der Nordsee, wo viele Plattformen stehen, nicht auszuschließen", sagt Meeresbiologe Christian Bussau von Greenpeace. Zwar bohren die Konzerne dort zumeist nicht ganz so tief auf der Suche nach Öl, in der Regel höchstens 200 Meter. Käme es zur Katastrophe, könnten Taucher das Leck noch erreichen. Doch die Öl- und Gasreserven in der flachen Nordsee sind nahezu erschöpft. Ölkonzerne dringen auch im Nordost-Atlantik in immer größere Tiefen vor.

"Beim Foinaven-Ölfeld, westlich der Shetlandinseln, fördert BP aus über 400 Metern Tiefe Öl", sagt Bussau. "Mit einer ähnlichen Technik, die im Golf von Mexiko auf der Deepwater Horizon zum Einsatz kam." Über eine lange Steigleitung wird das Öl aus den Tiefen nach oben gepumpt. Taucher könnten hier nichts mehr ausrichten.

Allein im Jahr 2007 kam es der Oslo-Paris-Kommission zum Schutz des Nordost-Atlantiks in der Nordsee zu über 500 Unfällen. Allerdings waren die meisten laut Bussau sehr klein. Mehr als eine Tonne Öl trat selten aus. Doch die Gegend ist nicht weniger empfindlich als das Mississippi-Delta: "Schon bei einer Katastrophe, die nur halb so schlimm wäre wie die jetzige im Golf von Mexiko, wäre das dänische, deutsche und niederländische Wattenmeer sehr stark gefährdet und könnte verschmutzt werden", befürchtet Bussau. "Tiere wie Meeresvögel und Kegelrobben wären bedroht. Auch die ökologisch empfindlichen Salzwiesen wären für Jahre beschädigt."

"Würde eine Ölkatastrophe das Wattenmeer treffen, wäre das eine Katastrophe", sagt Meeresbiologe Martin Wahl vom IFM-Geomar in Kiel. "Zwar sieht man die mikroskopisch kleinen Algen nur als grünlich-braunen Film, aber sie sorgen dafür, dass dort so viel Photosynthese stattfindet wie im Regenwald. Außerdem kann man sich das Watt, durch das das Wasser während der Gezeiten gepresst wird, wie einen Reinigungsfilter für die Nordsee vorstellen - der nicht mehr reinigt, falls er selbst mit Öl verschmutzt ist."

Nach neuen Berechnungen könnte das in den Golf von Mexiko strömende Öl schon bald in den Golfstrom und damit weit hinaus in den Nordatlantik gelangen. Das geht aus Kalkulationen US-amerikanischer und Kieler Ozeanforscher hervor. "An den Stränden Europas muss man aber nicht mit Öl rechnen", sagt Sprecher des beteiligten Leibniz-Institutes für Meereswissenschaften in Kiel. Dafür gebe es im Golfstrom zu viele Wirbel, die das Öl stark verdünnen würden. Auch Bussau sieht für die Nordsee keine Gefahr: "Dass das Öl die europäischen Küsten erreicht, ist ausgeschlossen", sagt er. "Bevor es hier ankommt, altert es. Die leichten Substanzen verdunsten, es verklumpt, verdickt, wird hart und sinkt auf den Meeresboden."

3. Weil wir mit solchen Katastrophen einzigartige Ökosysteme zerstören

Das Öl greift sämtliche Organismen an, die mit ihm in Berührung kommen. Da es eine geringere Dichte besitzt als Wasser, steigt es aus den Meerestiefen nach oben, wo wir es als Ölteppich wahrnehmen. Doch schon auf dem Weg aus der Tiefe kann es jeden Meeresbewohner - vom Plankton über Fisch, Krebs und Schildkröte bis zum Wal - schädigen. "Fast alle Meeresorganismen haben eine aktive Oberfläche. Wird diese von Öl bedeckt, ersticken oder verhungern sie", sagt Meeresbiologe Martin Wahl vom IFM-Geomar in Kiel.

Das Ökosystem unter Wasser kann sich allerdings wieder erholen, wenn Tiere aus benachbarten, nicht verschmutzten Gebieten später wieder einwandern und es neu besiedeln. "Der Golf von Mexiko ist ein Gebiet mit einer hohen Artenvielfalt, das sich schneller wieder erholt als zum Beispiel die Arktis. Wahrscheinlich wird es fünf bis zehn Jahre dauern, bis die Folgen der Katastrophe nicht mehr sichtbar sind", schätzt Wahl. Vorausgesetzt, dass das Ölleck in naher Zukunft gestopft wird.

An der Küste Louisianas trifft das Öl auf Mangrovenwälder. Die Bäume, die an das salzige Meer- und Brackwasser angepasst sind, bieten nicht nur zahlreichen Tieren einen Lebensraum. Sie schützen auch die Küste, insbesondere wenn Hurrikans über das Land fegen. Eines ist klar: Die Mangroven mechanisch zu reinigen, wird nicht möglich sein. Sind sie erst einmal mit Öl verschmutzt, kann man nur warten und hoffen, dass die Wälder nicht sterben.

4. Weil die Verstrickungen zwischen Ölindustrie und Behörden überall möglich sind

Einen erheblichen Anteil an dem Skandal im Golf von Mexiko hat auch die für die Ölindustrie zuständige amerikanische Behörde: das Minerals Management Service (MMS). Besonders unheilvoll hat sich dabei die Verquickung von zwei zentralen Aufgaben erwiesen. Zum einen entscheidet die Behörde über die Vergabe von Lizenzen von neuen Öl- und Gasbohrungen. Hier wird mit Milliarden jongliert: Allein 2008 brachten die Lizenzen dem amerikanischen Staat über 23 Milliarden US-Dollar ein. Zum anderen ist das MMS gleichzeitig für die Kontrolle der Öl-Multis zuständig. Sie prüft, ob die Konzerne die Umwelt- und Sicherheitsvorschriften einhalten.

So hat sich in der Behörde offenbar ein Biotop gebildet, in dem die Korruption blühte. Ein Untersuchungsbericht des US-Innenministeriums hat vor kurzem die regelmäßige Bestechung der MMS-Beamten aufgedeckt. Sie seien von der Wirtschaft mit Geschenken, bezahlten Urlauben, Partys und Einladungen zu Football-Spielen geschmiert worden. Im Gegenzug nahmen die Inspekteure ihre Kontrollen offensichtlich nicht allzu ernst. Sie hätten mitunter sogar ihre Kontrollformulare übergeben, damit die Ölfirmen die erwünschten Ergebnisse mit Bleistift vorab ausfüllen konnten.

Der Bericht bezieht sich auf die Jahre 2005 bis 2007, also die Regierungszeit von Präsident George W. Bush, dem immer wieder eine große Nähe zur Ölindustrie vorgeworfen wurde. Sieben der aufgefallenen Kontrolleure waren noch im März 2010 beim MMS beschäftigt. Auch bei der Unglücksplattform "Deepwater Horizon" drückten die Beamten wohl bis zum Schluss mehrmals die Augen zu; im April 2010 fiel die monatliche Kontrolle sogar ganz aus.

Lasche Vorschriften, mangelhafte Sicherheitsstandards, nachsichtige Kontrolleure: Das ist grundsätzlich auch in Europa denkbar. Die Nordsee ist in unterschiedliche Sektoren aufgeteilt, für die die Anrainerstaaten wie Großbritannien, Norwegen, Dänemark, Deutschland und die Niederlande zuständig sind. Die Vergabe von Lizenzen und Konzessionen erfolgt jeweils von völlig unterschiedlich organisierten Behörden nach uneinheitlichen Kriterien - auch nationale Interessen spielen hier eine Rolle. So heißt es zum Beispiel, dass BP und die britische Regierung traditionell gute Beziehungen miteinander pflegen.

5. Weil die Katastrophe die Frage nach Alternativen zum Öl aufwirft

"Die von den Konzernen vorgegaukelte ewige Abhängigkeit vom Erdöl gibt es nicht", sagt Meeresbiologe Christian Bussau von Greenpeace. Wind, Wasser, Erdwärme, Biomasse und Sonnenenergie - daraus ließe sich ihm zufolge der Energiebedarf in Deutschland spätestens im Jahr 2050 decken. Wenn wir es schaffen, rechtzeitig die Weichen zu stellen, davon ist Bussau überzeugt. Investitionen, die in die Erschließung neuer Erdölfelder in der Tiefsee gesteckt werden, sollten schon jetzt besser in alternative Projekte fließen, fordert Bussau. Das Wüstenstrom-Projekt Desertec ist für ihn ein solches Beispiel.

"Die Menschheit ist noch nicht in der Lage mehr als ein Viertel ihres Energiebedarfs durch alternative Energien zu decken", meint dagegen Matthias Reich, Experte für Bohrtechnik. "Und das wird sich auf lange Zeit kaum verändern." Würden Offshore-Bohrungen verboten, hätte das seiner Meinung nach eine Folge: "Der Ölpreis würde unweigerlich steigen."

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Von:

Sönke Wiese Nina Bublitz und