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Zucker-Ersatz: Diskussion um Süßstoffe

Sie schmecken fast genauso gut und sind praktisch kalorienfrei: Süßstoffe, so scheint es, sind der perfekte Ersatz für Zucker. Doch lässt sich der Körper so leicht übertölpeln? Einige Forscher raten von den meist künstlichen Substanzen ab

Von Antje Brunnabend

Schmeckt fast wie Zucker, liefert aber nur wenig Energie: Viele halten Süßstoff für eine perfekte Alternative

Schmeckt fast wie Zucker, liefert aber nur wenig Energie: Viele halten Süßstoff für eine perfekte Alternative

Kein Kuchen am Nachmittag, keine Schokolade zum Nachtisch - am schwersten beim Abspecken fällt vielen der Verzicht auf Süßes. Die Vorliebe ist angeboren. Süßer Geschmack zeigt energiereiche Nahrung an. In Wohlstandsländern führt das dazu, dass Zucker im Überfluss genossen wird: etwa 35 Kilogramm verzehrt jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr - und mit ihnen etwa 140.000 Kilokalorien.

Süßstoff erscheint da als perfekte Alternative: Er schmeckt fast wie Zucker, liefert aber allenfalls kleine Mengen Energie. Doch lässt sich der Körper so einfach übertölpeln? Und sind die meist synthetischen Substanzen wirklich unbedenklich? Immerhin stecken die acht in der EU zugelassenen Süßstoffe (siehe Kasten) in unzähligen "zuckerfreien", Light- und Diätprodukten, in Kaugummis und Limonaden, Milchgetränken und Joghurts, Marmeladen und Konserven.

Viele renommierte Ernährungsexperten halten sie für eine gute Erfindung. "Süßstoffe können im Rahmen von Gewichtsreduktionsprogrammen sinnvolle Hilfsmittel sein, die Energieaufnahme zu senken", schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Speziell bei Erfrischungsgetränken seien mit Süßstoff aromatisierte Varianten eine Alternative, um hohen Zuckeraufnahmen vorzubeugen. Hans Hauner, Professor für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München und Autor von Diätbüchern, hält Süßstoffe "für empfehlenswert, um bei süßen Speisen und Getränken Kalorien einzusparen".

Eine Expertenkommission der Weltgesundheitsorganisation WHO hat für jeden Süßstoff eine Höchstmenge festgelegt, die Menschen nach heutigem Wissensstand lebenslang ohne gesundheitliches Risiko aufnehmen können. Die tägliche Obergrenze bezeichnet sie als ADI ("Acceptable Daily Intake"). Für Saccharin liegt der ADI bei 5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht; für Sucralose bei 15; für Aspartam bei 40.

Erwachsene erreichen die Werte nur, wenn sie sehr große Mengen mit Zuckerersatz gesüßter Lebensmittel konsumieren. Um den ADI-Wert von Aspartam zu erreichen, müsste ein 70 Kilogramm schwerer Mann etwa sieben Liter damit gesüßter Limonade trinken.

Kein Beleg für ein Krebsrisiko

Nach wie vor kursieren im Internet reichlich Warnungen vor gesundheitlichen Gefahren einzelner Süßstoffe. Immer wieder wird auf Tierversuche hingewiesen, die befürchten ließen, Saccharin und Cyclamat verursachten in hoher Dosis Krebs. Für Menschen ließ sich dieser Verdacht allerdings nicht bestätigen.

Auch für Aspartam wurde ein Krebsverdacht wiederholt diskutiert. 2005 erregte eine Studie aus Italien Aufsehen, in der über vermehrte Tumoren bei Ratten berichtet wurde, die den Süßstoff erhalten hatten. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) befand jedoch nach einer Prüfung, die Studie weise Mängel auf und es gebe nach wie vor keine hinreichenden Hinweise, dass Aspartam beim Menschen erbgutverändernd oder krebserzeugend wirke.

Von einigen Wissenschaftlern wird Aspartam mit neurologischen Beeinträchtigungen, Krämpfen oder Kopfschmerzen in Verbindung gebracht. Die große Mehrheit der Forscher aber schätzt die synthetische Substanz, die in mehr als 90 Ländern zugelassen wurde, als unbedenklich ein.

Manche Experten raten von Süßstoffen ab: "Sie haben ein hohes Suchtpotenzial und täuschen das Gehirn"

Manche Experten raten von Süßstoffen ab: "Sie haben ein hohes Suchtpotenzial und täuschen das Gehirn"

Macht Süßstoff dick?

Hartnäckiger hält sich der Verdacht, Süßstoffe machten dick. Auch deshalb, weil sie seit Langem in der Tiermast eingesetzt werden. Die "Aromen", zu denen sie laut Futtermittelverordnung zählen, dürfen Ferkeln bis zum vierten Lebensmonat das leicht bittere Kraftfutter schmackhaft machen. Veranlassen sie die Tiere auch, übermäßig zu essen?

Verantwortlich für eine appetitanregende Wirkung könnte eine Art Pawlow'scher Reflex sein. Da süßer Geschmack dem Körper normalerweise anzeigt, dass Kalorien zu erwarten sind, ist denkbar, dass die Bauchspeicheldrüse vorsorglich Insulin ausschüttet. Wird dann kein Zucker zugeführt, sinkt der Blutzuckerspiegel, und Hunger kommt auf. Eine ganze Reihe von Studienergebnissen stützt diese These - andere widerlegen sie.

Selbst wenn der Effekt auf den Blutzuckerspiegel verlässlich nachzuweisen wäre, seien seine Auswirkungen gering, sagt Andreas Pfeiffer, Professor für Klinische Ernährung am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam: "Die Insulinsekretion ist ein außerordentlich genau kontrollierter Prozess, der durch Übergewicht und Insulinresistenz entgleist. Durch Süßstoffe wird er nicht in einer relevanten Form beeinflusst."

Neu angestoßen wurde die Diskussion kürzlich durch die Ergebnisse eines Tierversuchs von Susan Swithers und Terry Davidson von der Purdue Universität im US-Staat Indiana: Die Wissenschaftler fütterten Ratten mit Joghurt, der entweder Zucker oder Saccharin enthielt. Fünf Wochen später waren die auf Süßstoff gesetzten Tiere schwerer und, wie die Analyse zeigte, tatsächlich auch fetter geworden. Ihre Verdauung arbeitete nicht effizient, die Diätratten hatten eine deutlich geringere Kerntemperatur. Normalerweise steigt diese, wenn die Verdauung aktiv wird. Schlussfolgerung der Autoren: "Die Daten deuten darauf hin, dass der Verzehr von Produkten, die künstliche Süßstoffe enthalten, zu einem erhöhten Gewicht und Fettsucht führen könnte, weil sie grundlegende physiologische Prozesse stören."

Eigensüchtiges Gehirn

Die Ergebnisse des kleinen Tierversuchs zeigen Parallelen zu Erkenntnissen des Lübecker Adipositas-Experten Achim Peters. Der Professor für Innere Medizin leitet eine Forschungsgruppe, die die Rolle des Hirns bei der Entstehung von Übergewicht untersucht, und hat die Theorie vom "eigensüchtigen Gehirn" entwickelt: Das Denkorgan, das fast seinen gesamten Energiebedarf mit Zucker deckt, verfolgt das Ziel, den eigenen Glukosegehalt konstant zu halten. Dazu fordert es ständig Energie aus dem Körper ab. Kann sich das Gehirn nicht genug Zucker zuteilen, sichert es seine Versorgung auf andere Weise: Es steigert Appetit und Nahrungsaufnahme - eine Ausweichstrategie, durch die Übergewicht entstehen kann.

Seine Forschungen machten deutlich, dass Süßstoffe den gesunden Stoffwechsel beeinflussen, sagt Peters. Als "Falschsignal" verunsicherten sie das Gehirn: Über den Geschmackssinn erhalte es die Information, dass gleich Zucker geliefert wird. "In der Erwartung von Energie stellt es den Stoffwechsel um - und merkt später, es ist getäuscht worden." Das Gehirn stelle also fest, dass es anhand des Süßreizes nicht verlässlich einschätzen kann, ob es jetzt Energie bekommt oder nicht. Peters: "Bei einer derartigen Verunsicherung reagiert der Körper mit vermehrter Nahrungsaufnahme, das ist die normale physiologische Reaktion. Eine andere sinnvolle Verhaltensanpassung ist das Sparen von Energie - wie es die Ratten von Swithers und Davidson ja auch getan haben."

Neue französische Studien an Ratten legten zudem nahe, dass Süßstoffe ebenso wie Zucker die Fähigkeit haben, abhängig zu machen. Die suchterzeugende Wirkung eines Süßreizes erwies sich sogar als stärker als die von Kokain und Heroin.

Für den Adipositas-Experten Peters sind die Ergebnisse dieser Tierversuche ein weiteres Argument, von Süßstoffen abzuraten: "Sie haben ein hohes Suchtpotenzial und täuschen das Gehirn."

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