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"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären Brauchen wir eine europäische Armee?


Es gibt wieder klare Fronten zwischen Russland und dem Westen. Polen üben bereits die militärische Auseinandersetzung. Eine europäische Armee ist nötig, sie wäre ein epochaler Paukenschlag.
Von Tilman Müller

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat erklärt, Europa solle sich eine eigene Armee zulegen, um Putins Russland zu zeigen, "dass wir es ernst nehmen mit der Verteidigung unserer europäischen Werte".

Hat Herr Juncker recht? Ja, das hat er. Und vielleicht ist seine Forderung sogar eine Art epochaler Paukenschlag. Ein Weckruf zumindest an jene Westeuropäer, die es noch immer gewohnt sind, die wachsenden Krisenherde in aller Welt zwar leicht fröstelnd zu registrieren, aber letztes Endes noch immer abzutun als etwas, das außerhalb der eigenen, alltäglichen Befindlichkeit liegt. Doch damit ist es - vielleicht die erste wirklich große politische Neuerung des Jahres 2015 inzwischen endgültig vorbei.

Der "Neue Kalte Krieg"

Spätestens seit Putins Annexion der Krim wurde immer klarer, dass wir Europäer in eine neue, bedrohliche Ära schlittern. Bereits jetzt, ein Jahr nach dem Takeover auf der Krim, befinden wir uns offensichtlich in einem "Neuen Kalten Krieg".

Das sagte jüngst der renommierte britische Historiker Orlando Figes. "Es gibt wieder klare Fronten, eine Trennung zwischen Russland und dem Westen", so der Stalin-Forscher, "Russland hat die Osterweiterung der Nato als Erklärung eines neuen Kalten Kriegs aufgefasst. Es wird seine Politik der Destabilisierung seiner angrenzenden Staaten fortsetzen, um den Einfluss der Nato einzudämmen."

Überall zwischen Barcelona und Berlin beginnen Europas Politiker aufzuwachen. "Unsere Zukunft als Europäer wird irgendwann eine europäische Armee sein", erklärte bereits Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

"Die Lage kann noch Ernst werden"

Und heute, in diesen Stunden, bespricht der neue EU-Ratspräsident Donald Tusk mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama, wie die USA und die EU in Zukunft gemeinsam dem Kreml entgegentreten werden. "Wir sollten damit aufhören, uns Illusionen zu machen", sagte Tusk vor seinem Abflug nach Washington. Im Angesicht der Ukraine-Krise müsse sich ganz Europa klar machen, "wie ernst die Lage noch werden kann".

Tusk kommt aus Polen, war dort zuletzt Premierminister und ist aufgewachsen in einem Land, das Russland schon immer als bedrohlichen Nachbarn wahrgenommen hat. "Jeder dritte Pole glaubt laut neuesten Umfragen, dass in den nächsten zehn Jahren eine bewaffnete Auseinandersetzung mit Russland bevorsteht", sagte mir neulich ein befreundeter Fotograf in Warschau. Er hatte in den Tagen zuvor Übungscamps von "para-militärischen Einheiten" besucht. "Ungefähr 30.000 Polen, darunter viele Frauen, beteiligen sich derzeit freiwillig an selbstorganisierten Verteidigungskursen", erzählte er, "die Uniformen beschaffen sie auf eigene Kosten." Ihr Ziel sei es, auf diese Weise die Verteidigungsbereitschaft in Polen zu fördern.


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