"Newsweek"-Debakel "Der Ton wird härter"


Eine Geschichte in einem US-Magazin sorgt nicht nur weltweit für Schlagzeilen, sondern auch für Aufstände. Im stern.de-Interview spricht der Medienexperte Hans J. Kleinsteuber über den Fall "Newsweek" und den Zustand amerikanischer Medien.

Es waren nur wenige Zeilen, aber sie haben blutigen Protest unter Muslimen auf der ganzen Welt entfacht: Vergangene Woche berichtete das renommierte amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek", dass Soldaten im Gefangenlager Guantanamo den Koran die Toilette heruntergespült hätten, um Häftlinge zum Reden zu bringen. "Newsweek" zog die Story später zurück - doch da waren bereits zahlreiche Menschen bei den Protesten gestorben. stern.de sprach mit dem Hamburger Politologen und Amerika-Experten Hans. J. Kleinsteuber.

Frage: Es gab viele Berichte über Folter und Beleidigungen in Guantanamo - warum hat gerade der "Newsweek"-Artikel solche Wellen geschlagen?

Kleinsteuber: Es gibt einen einfachen Grund: Es ist ganz real vorstellbar, wie jemand die Seiten des Koran die Toilette herunterspült. Darüber hinaus hat das geschriebene Wort in der muslimischen Welt eine hohe Bedeutung, weil der Koran jegliche Form von bildlicher Darstellung verbietet. Andererseits hätte aber auch jede andere Nachricht das Fass zum Überlaufen bringen können: der Bericht eines entlassenen Gefangenen, der Tod eines Freiheitskämpfers, man kann sich vieles vorstellen. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass es in Afghanistan nicht schon früher Ausschreitungen gegeben hat. Das ist ein stolzes Land und die Präsenz der amerikanischen Truppen wird als Provokation empfunden. Und da sich die Bewohner militärisch nicht wehren können, finden sie eben andere Formen des zivilen Ungehorsams.

Tragen die "Newsweek"-Reporter eine Verantwortung für die Toten, die es bei den Protesten in Afghanistan gegeben hat?

Nein, das ganz sicherlich nicht. Journalisten sind Mittler von Informationen, und es passiert - in den meisten Fällen sicher ungewollt - immer mal wieder, dass sie problematische Storys publizieren.

Ist es überhaupt möglich zu erfahren, was in Guantanamo vor sich geht?

Nein. Alles, was wir über Guantanamo wissen, basiert auf Aussagen von ehemaligen Häftlingen. Diese Menschen sind im Lager gedemütigt worden; man kann von ihnen kaum abgewogene Darstellungen erwarten. Die Bush-Regierung lässt nichts über das Lager heraus, die üben sich in Geheimniskrämerei. Und in gewissem Sinne wird sie ständig dafür bestraft: Denn je geringer das Wissen, desto heftiger brodeln die Gerüchte.

Wird die Bush-Regierung aus dem Skandal Vorteile ziehen, weil sie sich als Opfer falscher Medienberichterstattung darstellen kann?

Sie versucht es. Die PR-Spezialisten arbeiten daran, aus den Tätern, also dem US-Militär, Opfer zu machen. Aber das wird ihnen nicht gelingen. Und die Toten machen sie damit auch nicht wieder lebendig.

Was bedeutet der Skandal für "Newsweek" selbst: Ist die Glaubwürdigkeit des Blattes dauerhaft beschädigt?

So eine Geschichte ist immer peinlich. Die Chefredaktion musste den eigenen Artikel relativieren, und das ist ihr sicher schwer gefallen. Aber: Es gibt kein Medium, dem nicht ähnliche Fehler unterlaufen. Und in einigen Wochen wird sich Aufregung darüber gelegt haben.

Der "Newsweek"-Reporter Michael Isikoff, der die Story geschrieben hat, beruft sich auf einen anonymen hochrangigen Offiziellen, ein anderer Offizieller hat die Geschichte nicht dementiert. Hat das Blatt damit der journalistischen Sorgfaltspflicht Genüge getan?

Eine Quelle hat bestätigt, eine nicht widersprochen, die Quellen waren unabhängig voneinander - eigentlich sollte das reichen. Aber Isikoffs Informant ist nach der Veröffentlichung wieder zurückgerudert. Vielleicht weil er missverstanden wurde, vielleicht aber auch, weil jemand Druck auf ihn ausgeübt hat. Und das ist für jeden Journalisten natürlich eine Katastrophe.

Pentagon-Sprecher Larry Di Rita hat Isikoff wegen des Berichts öffentlich einen "son of a bitch", einen Hurensohn genannt. Ist das der neue Umgangston zwischen der US-Regierung und Journalisten?

Die Medien haben der Bush-Regierung fast zwei Jahre kaum kritischen Widerstand entgegengesetzt - das hat sich seit der letzten Wahl allerdings geändert. Der Ton ist auf beiden Seiten härter geworden. Die Bush-Regierung sieht es vor allem nicht gerne, wenn Journalisten mit anonymen Quellen arbeiten: Das Justiz-Ministerium bedroht derzeit mehrere Journalisten mit Freiheitsstrafen, weil sie die Namen ihrer Informanten nicht preisgeben wollen.

Wie kommt es zu dieser Kehrtwende in der Berichterstattung?

Das war in der amerikanischen Geschichte schon häufiger so. Sobald die USA in den Krieg ziehen, legen sich die Medien eine Selbstzensur auf. Danach besinnen sie sich wieder auf ihre Rolle als kritische Berichterstatter. Außerdem sind die ganzen Tricks aufgeflogen, mit denen die Bush-Regierung bislang gearbeitet hat. Wie man weiß, wurden Journalisten bezahlt und zu Hofberichterstattern gemacht, außerdem haben einzelne Ministerien selber TV-Berichte gemacht und sie in den Medien platziert. Und wenn diese Tricks erstmal publik sind, kann man sie nicht wiederholen.

Welches Vertrauen hat die US-Bevölkerung in die Medien?

Das Verhältnis ist problematisch. In der Bevölkerung ist die Kritik am Irak-Krieg massiv gestiegen: 57 Prozent halten ihn inzwischen für falsch. Gleichzeitig weiß man, dass viele Berichte - zum Beispiel über Massenvernichtungswaffen im Irak oder die Verbindung von Saddam Hussein zur Al Quaida - schlicht gelogen waren. Und die Medien haben in diesem Zusammenhang eine sehr unglückliche Rolle gespielt, weil sie ja nie gesagt haben: "Das Pentagon behauptet, dass …". Insofern haben die Medien an Glaubwürdigkeit verloren - die sie jetzt wieder zurückzuerobern versuchen. Und das wird Folgen haben: Die Bush-Regierung wird sich mit einer kritischeren Öffentlichkeit abfinden müssen.

Interview: Lutz Kinkel

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