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"Newsweek"-Bericht Operation "Arche Noah"– was es mit Putins angeblichen Fluchtplänen nach Venezuela auf sich hat

Wladimir Putin
Berichte über angebliche Fluchtpläne: Russlands Präsident Wladimir Putin
© Sergey Karpuhin / DPA
Angeblich hat Russlands Präsident Wladimir Putin für den Fall einer Niederlage im Ukraine-Krieg einen geheimen Fluchtplan nach Venezuela ausarbeiten lassen. So schreibt es das US-Magazin "Newsweek". Doch kann das wirklich stimmen? Sorgt sich der Kremlchef tatsächlich um seine Absetzung? Eigentlich kaum vorstellbar.

Offiziell gibt sich Russlands Präsident Wladimir Putin seit dem Überfall auf die Ukraine im Februar siegesgewiss. Alles laufe nach Plan, verkünden Putin und seine Getreuen nahezu täglich im staatlichen Fernsehen und über sämtliche andere Propaganda-Kanäle. Doch hinter den Kulissen soll es tatsächlich anders aussehen. Das berichtet jedenfalls das US-Magazin "Newsweek" und schreibt über einen angeblichen Fluchtplan für Putin und seine Machtclique.

"Newsweek" beruft sich bei seinem Bericht auf Abbas Galljamow, einen ehemaligen Redenschreiber des Kremlchefs, der seit 2018 in Israel im Exil lebt und sich als politischer Analyst beschreibt. Galljamow behauptet, eine vertrauenswürdige Quelle habe ihm erzählt, dass der Kreml seit dem Frühjahr einen Notfallplan für eine mögliche Niederlage in der Ukraine entwickelt habe, der die Flucht Putins und seiner Führungsspitze nach Venezuela vorsieht.

"Normalerweise erzähle ich keine Insidergeschichten weiter, aber heute mache ich eine Ausnahme. Erstens vertraue ich der Quelle zu sehr, und zweitens ist die Information sehr interessant", schreibt Galljamow auf seinem Telegram-Kanal.

Auch China angeblich Fluchtoption für Putin

Laut Galljamow kam neben Venezuela und Argentinien auch China als Fluchtoption für Putin infrage. Das Projekt habe inoffiziell unter dem Namen "Arche Noah" firmiert. "Wie der Name schon andeutet, geht es darum, neue Länder zu finden, in die man gehen kann, wenn es in der Heimat völlig ungemütlich wird", schreibt Galljamow. "Die Entourage des Führers schließt nicht aus, dass er den Krieg verliert, die Macht verliert und dringend irgendwo hin evakuiert werden muss."

Seiner Quelle zufolge sei Juri Kurilin, der Vizepräsident und Stabschef des russischen Energiekonzerns Rosneft, "der Mann vor Ort", der alle Vorkehrungen für eine mögliche Evakuierung nach Venezuela treffe, so Galljamow in dem "Newsweek"-Bericht. Kurilin, den Galljamow als Mann mit guten Verbindungen beschreibt, der auch die US-Staatsbürgerschaft habe, sei im Sommer zurückgetreten und widme sich nun ganz dem Projekt "Arche Noah". "Leider kennt meine Quelle keine weiteren Details, aber was gesagt wurde, reicht aus, um zu verstehen: Wenn sie sagen, dass 'alles nach Plan läuft', ist es sinnvoll, zu klären, nach welchem Plan. Sie scheinen mehr als einen Plan zu haben", schließt Galljamow seinen Telegram-Beitrag.

Doch kann das tatsächlich stimmen? Es bleibt jede Menge Skepsis. In der Tat verläuft der Krieg zwar ganz und gar nicht so, wie es sich Putin vorgestellt hat. Statt der blitzartigen Eroberung der Ukraine ist der Krieg zum Stehen gekommen. Mehr noch, im Süden konnte die Ukraine inzwischen sogar große Gebiete zurückerobern. Immer wieder gelangen den ukrainischen Streitkräften spektakuläre Kommando-Aktionen wie etwa die Versenkung der "Moskwa" und der Angriff auf die Krim-Brücke. Zuletzt wurden der Ukraine drei spektakuläre mutmaßliche Drohnen-Angriffe auf Flughäfen weit im russischen Hinterland zugeschrieben.

All das peinliche Schlappen für Putin. Aber reicht das wirklich aus, um den Kremlchef dermaßen zu verunsichern, dass er seinen Abgang vorbereiten lässt? Das erscheint doch einigermaßen absurd. Die Propaganda hat das Land nach wie vor fest im Griff, es gibt keinen organisierten, landesweiten Protest gegen Putin und seine Kamarillja, der ihm wirklich gefährlich werden könnte.

Russlandkenner Gerhard Mangott, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Innsbruck, äußert sich im "Focus" deshalb skeptisch über Putins angebliche Fluchtpläne nach Venezuela. Für ihn steht fest: "Es gibt überhaupt keine Anzeichen, dass Putins Position in Russland derzeit gefährdet wäre", so Mangott. In seinen Augen sei eine Flucht Putins "ein völlig irreales Szenario". Für viel wahrscheinlicher hält der Professor ein ganz anderes Motiv hinter der Story. Als Putins früherer Redenschreiber habe Galljamow schließlich Interesse daran, in dieser Kriegslage mit seiner Vergangenheit möglichst viel Profit zu erlangen. Mangott: "Ich denke, er hat sich diese Geschichte ausgedacht."

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