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"Retter" der französischen Außenpolitik: Juppés schwere Aufgabe

Auf den neuen französischen Außenminister Alain Juppé kommt eine schwere Aufgabe zu: Er muss die Aussagen seiner Vorgängerin Michèle Alliot-Marie über Tunesien vor der arabischen Welt zurechtrücken.

Wochenlang hatte Frankreich mit einer Art Schockstarre auf die dramatischen Ereignisse in der arabischen Welt reagiert. Doch mit der Regierungsumbildung am Sonntagabend kam wieder Leben in die französische Diplomatie, für die ab sofort der bisherige Verteidigungsminister Alain Juppé verantwortlich ist. Auf den 65-Jährigen neuen Außenminister kommt eine schwere Aufgabe zu. Er muss den Schaden wiedergutmachen, den seine Vorgängerin Michèle Alliot-Marie durch ihre plumpe Reaktion auf den Aufstand in Tunesien in der arabischen Welt angerichtet hat. Als erstes verfügte die Regierung am Montag Hilfslieferungen für die Aufständischen in Libyen.

Präsident Nicolas Sarkozy setzt auf die große diplomatische Erfahrung Juppés, der das Außenministerium bereits von 1993 bis 1995 zu Zeiten des Bosnien-Krieges leitete. "Sicher ist Alain Juppé der glaubwürdigste Vertreter der französischen Diplomatie", würdigte Pierre Moscovici von den oppositionellen Sozialisten die Personalentscheidung. Die Zeitungen feierten den 65-Jährigen gar als "Retter".

Dabei schien Juppés Karriere zu Ende zu sein, nachdem ein Gericht ihn 2004 in der Affäre um Scheinarbeitsverhältnisse im Pariser Rathaus zu 14 Monaten auf Bewährung und einem Jahr Unwählbarkeit verurteilt hatte. Als sein Mentor Jacques Chirac Bürgermeister von Paris war (1977-1995), verwaltete Juppé die Finanzen. Er verschaffte Mitgliedern der inzwischen aufgelösten konservativen Partei RPR Scheinposten im Rathaus. In Wirklichkeit gingen die RPR-Funktionäre ihrer Parteiarbeit nach, die auch im Wahlkampf für Chirac bestand.

Da Chirac während des Prozesses Präsident war und damit nicht belangt werden konnte, bezahlte Juppé allein für die Mauschelei. Er ging nach dem Urteil ein Jahr nach Kanada, um dort an der Universität zu lehren. Nach seiner Rückkehr in die Heimat folgte eine weitere Pleite: Der hochgewachsene Politiker mit der Halbglatze kehrte 2007 in die Regierung zurück, bekam aber bei den Parlamentswahlen keinen Abgeordnetensitz. Nach nur einem Monat als Umweltminister und Vize-Premier musste er deshalb zurücktreten.

Seine politische Laufbahn begann Juppé, den Chirac einmal als "den Besten unter uns" bezeichnete, in den 80er Jahren. Im Schatten Chiracs kam der aus einfachen Verhältnissen stammende Politiker in die Regierung und übernahm 1986 den Posten des Haushaltsministers. Es folgte 1993 das Außenministerium und zwei Jahre später unter Chirac das Amt des Regierungschefs. Nach Massenprotesten gegen die Sozialreformen wurden die Konservativen allerdings abgewählt, und der damals unbeliebte Juppé zog sich ins südwestfranzösische Bordeaux zurück, wo er immer noch Bürgermeister ist.

Seine Ernennung zum Verteidigungsminister im Herbst wurde teilweise hämisch kommentiert. Sarkozy hole den "Mann der Vergangenheit" zurück, hieß es damals. Doch der geschiedene Vater dreier Kinder schaffte es in den vergangenen Wochen, sich als stärkster Politiker des Kabinetts zu profilieren. Auch das Vertrauen des Präsidenten gewann der als steif und kühl geltende Juppé. Der 65-Jährige sitzt inzwischen am Kabinettstisch rechts neben Sarkozy, dem er bei der Präsidentschaftswahl 2007 den Vortritt lassen musste.

Für Juppé verzichtet der Präsident sogar künftig auf seine jahrelange Praxis, über seinen Generalsekretär Claude Guéant die Außenpolitik hinter den Kulissen selbst zu bestimmen. Guéant wird sich nämlich künftig um die Innenpolitik kümmern und so Juppé das Feld der Diplomatie allein überlassen.

mm/AFP / AFP