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Frankreichs Außenministerin vor Rücktritt: Wenn der Tunesien-Urlaub die Karriere zerstört

Drei Monate nach der jüngsten Regierungsumbildung zieht Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy erneut die Notbremse. Er geht auf Distanz zu seiner Außenministerin Michèle Alliot-Marie.

Bis zu ihrem Weihnachtsurlaub war sie eine Bilderbuchministerin: zuverlässig, arbeitsam, skandalfrei. Doch dann entschied Michèle Alliot-Marie, zum Jahreswechsel zusammen mit ihrem Lebensgefährten und ihren Eltern ein paar Tage in der tunesischen Sonne auszuspannen. Diese Entscheidung kostete die 64-Jährige nun wahrscheinlich das Amt. Denn in Tunesien protestierte damals schon das Volk gegen den autoritär regierenden Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali. Und eine Außenministerin kann sich nicht einfach erholen, wenn in ihrem Urlaubsland Menschen ihr Leben riskieren, um einen korrupten Herrscher loszuwerden.

Doch nicht genug damit: Alliot Marie ließ sich auch noch mit dem Privatjet eines befreundeten Geschäftsmannes herumfliegen, der zum Umfeld Ben Alis gehörte. Nach dem Urlaub folgte das Angebot an Ben Ali, auf das Know-how französischer Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten zurückzugreifen. Ben Ali wurde gestürzt und die 64-Jährige, die Kommunikation nicht zu ihren Stärken zählt, tappte auf der Suche nach Erklärungen von einem Fettnäpfchen ins nächste. So verteidigte die konservative Politikerin ihre Reise zunächst mit dem Worten: "Wenn ich im Urlaub bin, bin ich nicht Außenministerin".

Ihre Rolle als Chefdiplomatin füllte sie nach der Tunesien-Affäre kaum noch aus. So hielt sich MAM, wie sie nach ihren Anfangsbuchstaben kurz genannt wird, mit Kommentaren zu den Unruhen in der arabischen Welt zurück. Nach Tunesien reiste an ihrer Stelle Anfang der Woche Finanzministerin Christine Lagarde, während Alliot-Marie in Brasilien weilte.

"Ich bin zu 100 Prozent im Einsatz", beteuerte die 64-Jährige, die am Wochenende Kuwait besuchte, bis zuletzt. Doch sie verlor nicht nur die Unterstützung von Präsident Nicolas Sarkozy, der während der französischen G-8- und G-20-Präsidentschaft ein starkes Außenministerium braucht. Auch die Popularitätswerte der Ministerin, die jahrelang zu den beliebtesten Politikern Frankreichs zählte, brachen ein.

Für die spröde wirkende Politikerin mit den dunklen Hosenanzügen und der makellosen Kurzhaarfrisur geht mit dem bevorstehenden Rücktritt eine steile politische Karriere zu Ende. Sie begann im französischen Baskenland, wo ihr Vater Abgeordneter und Bürgermeister der Stadt Biarritz war. Sie selbst wurde 1986 zum ersten Mal in die Nationalversammlung gewählt und war sieben Jahre später bereits Jugendministerin - damals noch im rosa Kostüm mit schulterlangen Haaren. Es folgte 2002 das Verteidigungsministerium, das sie als erste Frau leitete, sowie im Anschluss das Innen- und das Justizministerium. Im November ernannte Sarkozy Alliot-Marie, die eigentlich auch selbst gerne einmal Präsidentin geworden wäre, dann zur Außenministerin.

Fast genauso glatt und skandalfrei wie ihre politische Karriere verlief auch ihr Privatleben: Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die geschiedene kinderlose Juristin mit Patrick Ollier liiert, der im November zum Minister für Beziehungen zum Parlament ernannt wurde. Beide freuten sich damals über die Beförderung Olliers, die sie zum ersten Ministerpaar machte - allerdings wohl nicht für lange Zeit.

Christine Longin, AFP / AFP