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Schießereien in den USA 17 Tote in einer Woche – doch das Problem sind nicht die Waffen allein

Schießerei Indianapolis
Trauernde Menschen nach der FedEx-Schießerei in Indianapolis
© Jeff Dean / AFP
152 Schießereien in diesem Jahr, davon allein 37 im April mit mehr als 40 Toten. Die Reihe von Gewaltakten folgt auf ein Rekordjahr für die Waffenhersteller – Zufall? Nein, aber auch nicht der einzige Grund für die Tragödien.

Montag, 12. April, Chicago: ein Toter. Donnerstag, 15. April, Indianapolis: neun Tote. Samstag, 17. April, Columbus, Ohio: eine Tote. Sonntag, 18. April, Kenosha, Wisconsin: drei Tote, am selben Tag in Detroit: ein Toter, ebenfalls am 18., Montgomery, Alabama: ein Toter. Montag, 19. April, Houston: zwei Tote. In knapp einer Woche sterben bei Schießereien in den USA 17 Menschen.

Man könnte diese Statistik der Antiwaffen-Lobbyseite "Gunviolencearchive" matruschka-artig kleiner oder größer aufziehen. Nach unten hin zeigt sich, dass dies nicht einmal alle Opfer sind. Denn neben diesen Vorfällen gab es in der gleichen Zeit noch acht weitere Schießereien mit insgesamt 42 Verletzten. Schaut man auf die höhere Ebene, wird das Bild nicht wirklich besser: 37 "Mass-Shootings", wie sie in den USA heißen, gab es allein im April mit weiteren 25 Toten. In den bisherigen 109 Tagen dieses Jahres waren es insgesamt 152 Angriffe, verteilt über das gesamte Land: von den aufstrebenden Columbia Heights in der Hauptstadt Washington über die Geisterviertel von Detroit bis zum feinen Santa Barbara in Kalifornien. 181 Menschen sind 2021 dabei ums Leben gekommen.

25 Prozent mehr Tote durch Schusswaffen

So erschütternd diese Zahlen sind, das Problem ist nicht neu. Seit Beginn des neuen Jahrtausends nimmt die Häufigkeit von Großschießereien zu. Gab es im ersten Jahrzehnt pro Jahr vielleicht drei, vier solcher damals noch Amokläufe genannten Ereignisse, waren es im Rekordjahr 2017 schon 22 mit insgesamt 162 Todesopfern. Dass Menschen wild ballernd durch die Gegend ziehen, ist allerdings auch nur ein Teil eines noch größeren Problems: Zwischen 40.000 und 60.000 Menschen sind von 2014 bis 2020 pro Jahr durch Schusswaffen getötet worden. Dazu gehören auch Opfer durch Unfälle, Selbstverteidigung oder Polizeieinsätze – zuletzt gab es eine Zunahme um 25 Prozent. Und wenn es dieses Jahr so weiter geht wie bisher, dürfte ein neuer Höchststand erreicht werden.

In der Vergangenheit haben sich vor allem konservative Amerikaner angewöhnt, in den sozialen Medien mit "Thoughts and Prayers" auf Schusswaffenattacken zu reagieren. Auf Deutsch: Gedanken und Gebete. Doch viele ihrer Landsleute empfinden diese Schlagworte zunehmend als Hohn. Statt warmer Worte fordern sie eine Verschärfung der teilweise laxen Waffengesetze – was in den USA aber ungefähr auf die gleiche Begeisterung stößt wie hierzulande die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen. US-Präsident Joe Biden hat bereits Maßnahmen vorgeschlagen, um die Waffengewalt einzudämmen – etwa einen Erlass gegen Selbstbau-Gewehre. Unwahrscheinlich aber, dass die mächtige Waffenlobby mehr Beschränkungen zulassen wird.

Es sind nicht die Waffen allein ...

In der Vergangenheit war es oft so, dass immer dann am meisten Waffen über die Ladentheke gegangen sind, wenn sich in Washington ein Präsident anschickte, strengere Gesetze zu verabschieden. 2020 war das zwar auch so, allerdings anders. Mit rund 20 Millionen Gewehren und Pistolen wurden so viele Waffen verkauft wie nie zuvor, doch der Rekordabsatz begann schon weit vor der US-Wahl, im Frühjahr. Also genau zu dem Zeitpunkt, als sich Coronavirus über das Land ausbreitete. Der plötzliche Anstieg der Schießereien wiederum setzte erst später ein. Fachleute vermuten daher, dass es die Kombination aus der schieren Anzahl an Waffen plus der zunehmende Abbruch sozialer Bindungen durch Quarantäne und Isolation zu den Gewaltakten führe, wie der Forscher Rob Arthur schreibt.

Vor der Corona-Pandemie standen fast zwei Drittel aller Schießereien im Zusammenhang mit Suiziden. Von dem 19-jährigen Brandon H., der vor wenigen Tagen im FedEx-Lager in Indianapolis neun Menschen erschossen hatte, wird angenommen, dass hinter seiner Tat eine "Selbsttötung durch Polizei" stecken könnte. Zumindest hatte seine Mutter dies bereits vor einem Jahr der Polizei gegenüber angegeben, als Brandon das erste Mal auffällig wurde. Ihr Sohn litt aktenkundig unter Depressionen. Fachleute beklagen schon länge, dass Menschen mit mentalen Problemen oft keine entsprechende Hilfe erhalten oder sie sich nicht leisten können.

Die Corona-Pandemie verschärft deren Situation offenbar drastisch, vermutet etwa Sonali Rajan von der "Union für die Reduzierung von Waffengewalt". Dem US-Sender NPR sagte sie, "dass Sozialprogramme und Dienste für Menschen mit Gewaltproblemen nur noch eingeschränkt verfügbar sind, weil viele Ressourcen im Gesundheitssystem zugunsten der Covid-19-Bekämpfung umgeleitet werden." Zahlreiche Studien belegen, dass die Pandemie vor allem die sozial Schwächsten trifft. Und da Waffengewalt offenkundig auch ein soziales Problem ist, dürften Schießereien in den kommenden Monaten wohl eher noch zu – als abnehmen.

Quellen: "The Intercept", Gunviolencearchive.org, DPA, NPR, NBC News, Review Journal, Indy Star, CNN


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