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60 Jahre Kriegsende: Moskau feiert "Tag des Sieges"

Mit mehr als 50 Staatsgästen und einer prunkvollen Militärparade begeht Russland den Sieg über Hitler-Deutschland 1945. Überschattet von einer akuten Terrorgefahr durch tschetschenische Rebellen stehen viele bilaterale Gespräche auf der Agenda.

Auf Einladung von Staatschef Wladimir Putin trafen bereits am Sonntag unter anderen US-Präsident George W. Bush, Bundeskanzler Gerhard Schröder und Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi in Russland ein. Schröder hatte zuvor das gute Verhältnis zwischen Deutschland und Russland gelobt. Er nannte es eine großherzige Geste, dass er an den Feiern zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Moskau teilnehmen könne. Schröder und Koizumi wollten nach den Gedenkfeiern am Montag zu bilateralen Gesprächen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammenkommen. Beim Kampf gegen das Nazi-Regime trugen die sowjetischen Truppen die Hauptlast, deshalb findet die zentrale Gedenkfeier in Moskau statt. An der prunkvollen Parade auf dem Roten Platz sollen 2500 Kriegsveteranen und 7000 Soldaten der russischen Armee teilnehmen.

Putin bekräftigte vor Veteranen im Bolschoi-Theater die russische Sicht. "Drei lange Jahre hat die Sowjetarmee fast im Alleingang gegen den Faschismus gekämpft, hier fanden die entscheidenden Schlachten statt", sagte er. "Hier wurde der Mythos von der Unbesiegbarkeit der Faschisten-Armee zerstört, bis 1945 der große Sieg kam." Kreml- Sprecher wiesen baltische Versuche zurück, "die Geschichte des Zweiten Weltkriegs umzuschreiben".

Die lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga forderte in Moskau eine Verurteilung des Hitler-Stalin-Paktes von 1939. Zwar habe der Oberste Sowjet der Sowjetunion 1989 die Vereinbarung der Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin verurteilt. Doch vom modernen Russland stehe ein Eingeständnis des Unrechts aus, sagte sie. Die Vertreibung der deutschen Truppen aus dem Baltikum durch die Sowjetarmee 1944/45 sei keine Befreiung gewesen: "Für die baltischen Staaten löste eine ausländische Besatzung die andere ab."

Bush dankte Putin

Am Vorabend der großen Feiern in Moskau bekräftigten Bush und Putin die Bedeutung ihrer bilateralen Beziehungen. Bushs Besuch unterstreiche den großen Anteil der USA und Russlands an der Niederwerfung des Faschismus, sagte Putin bei einem Treffen in seiner Residenz Nowo-Ogarjowo bei Moskau. Trotz schärferer Töne zwischen Moskau und Washington in den Tagen zuvor zeigten sich die beiden Präsidenten bei dem Treffen gelöst und plauderten nach Fernsehberichten ohne Dolmetscher. "Warum sollte ich Putin nicht vertrauen?", wies Bush die Frage eines amerikanischen Journalisten zurück.

Nach russischen Medienberichten hatte Bush Putin vor dem Treffen ausdrücklich für dessen Hilfe im Nahost-Konflikt gedankt. Putin hatte Bush angeblich übel genommen, dass der US-Präsident auch in den russland-kritischen Staaten im Baltikum und Georgien Station machte und von dort Russland gemahnt hatte, sich ein Beispiel an den jungen Demokratien Litauen, Lettland und Estland zu nehmen. Auf der ersten Station seiner Reise hatte der US-Präsident am Samstag in Lettland die sowjetische Besetzung des Baltikums nach dem Sieg über Hitler verurteilt. Die USA hätten die Besetzung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion nie anerkannt und seien sich der leidvollen Geschichte des Baltikums bewusst.

Die USA hatten sich in den vergangenen Monaten mehrfach besorgt über die Entwicklung der Demokratie in Russland geäußert. Bush hatte von seinem Kollegen Putin nachdrücklich Reformen zur Stärkung von Demokratie und Marktwirtschaft gefordert. Putin verteidigte sich am Sonntag in einem Interview des Fernsehsenders CBS und wies auf Schwächen des US-Wahlsystems hin. Er betonte jedoch, dass er bei den Feierlichkeiten zum Kriegsende in Moskau vornehmlich an die Eintracht appellieren wolle.

Kranzniederlegung für Wehrmachtssoldaten

Putin und Bush präsentierten sich am Abend in Moskau in augenscheinlich guter Laune. Vor laufenden Fernsehkameras umarmten sich die beiden, bevor sie sich zu Gesprächen zurückzogen. Nach dem Treffen stiegen beide in einen russischen Oldtimer der Marke Wolga. Dabei setzte sich Bush hinter das Lenkrad und drehte eine Runde mit dem Wagen. Am Abend traf auch der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder in Moskau ein. Schröder wird auch auf dem Friedhof Ljublino einen Kranz für deutsche Wehrmachtssoldaten niederlegen. Bei einem bilateralen Treffen werden Schröder und Putin erstmals mit Veteranen beider Seiten und Jugendlichen sprechen.

Vor den Feierlichkeiten haben die russischen Behörden strengste Sicherheitsvorkehrungen im Stadtzentrum von Moskau getroffen. Tausende Soldaten und Polizisten kontrollierten am Montagmorgen die Straßen um den Kreml. Auf dem Roten Platz sollte um 10.00 Uhr Ortszeit (8.00 Uhr MESZ) die große Siegesparade in Anwesenheit von mehr als 50 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt beginnen. Aus Sorge vor möglichen Terroranschlägen herrscht höchste Alarmstufe im gesamten Stadtgebiet. Der 9. Mai ist ein blutiges Datum in der jüngsten russischen Geschichte. 2002 hatten Terroristen am "Tag des Sieges" im Nordkaukasus schwere Sprengstoffanschläge verübt und dabei insgesamt Dutzende Menschen getötet. Bei einem Attentat während der Gedenkfeiern vor genau einem Jahr waren in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny der pro-russische Präsident Achmad Kadyrow und ein Journalist getötet worden.

DPA, AP, Reuters / AP / DPA