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Abu Ghreib: Wärterin England trat Irakern auf Finger

Der erste im Folterskandal verurteilte US-Soldat hat vor Gericht drastische Misshandlungen von Irakern durch seine Kameradin Lynndie England geschildert.

Der per Telefon zugeschaltete Zeuge Jeremy Sivits sagte am Montag bei einer Anhörung in Fort Bragg im Bundesstaat North Carolina, England und andere Soldaten hätten eine Gruppe von Gefangenen misshandelt, die angeblich eine Revolte hätten anzetteln wollen. "Sie traten den Häftlingen auf die Finger und Zehen", sagte Sivits über England und den mutmaßlichen Anstifter für die Übergriffe, Charles Graner, ihren Lebensgefährten. Die schwangere 21-jährige England, die in militärischer Umstandskleidung vor Gericht erschien, hörte der Aussage in Fort Bragg zu.

Durch die Anhörung soll festgestellt werden, ob England formell angeklagt wird. Ihr würden unter anderem wegen 19-facher Körperverletzung, Befehlsverweigerung und des Besitzes von Pornografie bis zu 38 Jahre Haft drohen. Der geständige Angeklagte Sivits war im Mai von einem Militärgericht wegen sexueller Erniedrigung von Häftlingen zu einem Jahr Haft verhaftet wurde.

Kein Befehl für Misshandlungen

Sivits sagte, ein Unteroffizier habe den Soldaten bei dem Vorfall am 8. November 2003 zwar gesagt, sie sollten "damit aufhören". Nachdem dieser gegangen sei, seien die Misshandlungen jedoch fortgesetzt worden. Graner habe den Gefangenen befohlen, sich auszuziehen. "Nachdem sie sich ausgezogen hatten, haben sie sie eine Pyramide bilden lassen und damit begonnen, Bilder zu machen." Die Gefangenen hätten sich an die Wand stellen müssen. "England begann, Bemerkungen über ihre Penisse zu machen und Ähnliches mehr", sagte Sivits. Die Häftlinge hätten dabei Sandsäcke über den Kopf getragen. Sie hätten sich kooperativ gezeigt und nichts getan, um die Wärter zu provozieren.

Sivits sagte, er habe nichts unternommen, um die Misshandlungen zu stoppen, obwohl ihm klar gewesen sei, dass sie falsch seien. Garner habe ihm gesagt, es gebe den Befehl, die Gefangenen weich zu kochen. Bevor er an diesem Abend das Gefängnis verlassen habe, habe Garner ihn nahe gelegt, "nichts gesehen" zu haben, sagte Sivits. Dies habe er als Befehl aufgefasst. Auf eine Frage von Englands Anwälten sagte Sivits, er habe niemals einen Befehl erhalten, Gefangene zu misshandeln. Die Genfer Konventionen seien nicht Teil seiner Ausbildung gewesen.

Fotos von den Misshandlungen, die im Frühjahr an die Öffentlichkeit gelangt waren, hatten weltweit Empörung ausgelöst und das Ansehen der US-Truppen vor allem in der islamischen Welt beschädigt. Die Anwälte der Soldaten haben erklärt, die US-Militärführung habe die Folterungen angeordnet, um die Gefangenen für Verhöre gefügig zu machen. Die US-Behörden sprechen dagegen von Exzessen Einzelner.

Reuters