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Vormarsch der Taliban Afghanische Regierung kündigt "friedliche Machtübergabe" an

US-Hubschrauber über Botschaft in Kabul
Ein US-Hubschrauber kreist über der amerikanischen Botschaft in Kabul
© Wakil Kohsar / AFP
Die Taliban haben laut Augenzeugen mit ihrem Angriff auf Kabul begonnen. Am Montag soll eine Evakuierungsaktion für das deutsche Botschaftspersonal starten.

Die afghanische Regierung hat angesichts der bis an den Stadtrand der Hauptstadt Kabul vorgerückten Taliban eine "friedliche Machtübergabe" angekündigt. "Es wird keinen Angriff auf die Stadt geben", sagte Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal am Sonntag in einer aufgezeichneten Ansprache. Demnach soll eine "Übergangsregierung" gebildet werden.

Zuvor waren die radikalislamischen Taliban bis an den Stadtrand der afghanischen Hauptstadt Kabul vorgerückt und teilweise auch auf Stadtgebiet vorgedrungen. Ein Sprecher der Islamisten erklärte auf Twitter zwar, ihre Kämpfer hätten Anweisung, an den Stadttoren Halt zu machen und nicht in die Stadt vorzudringen. Bewohner von Außenbezirken Kabuls sagten der Nachrichtenagentur AFP jedoch, Taliban-Kämpfer seien bereits im Stadtgebiet. "Es gibt bewaffnete Taliban-Kämpfer in unserer Nachbarschaft, aber es wird nicht gekämpft", sagte ein Bewohner eines östlichen Vororts der Hauptstadt.

Mirsakwal rief die Menschen in dem Video dazu auf, keiner Propaganda anheim zu fallen. "Die Leute brauchen sich keine Sorgen zu machen, die Stadt ist sicher", erklärte er. Jeder, der Unordnung in der Stadt verursache, werde in Übereinstimmung mit dem Gesetz behandelt. Kurz zuvor hatte der Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid der BBC gesagt, er könne bestätigen, dass es Gespräche mit dem Präsidentenpalast über eine friedliche Machtübernahme gebe. Der Leiter des Hohen Rates für Nationale Versöhnung, Abdullah Abdullah, organisiere diese. 

Unterdessen arbeiteten die USA, Deutschland und andere westliche Staaten unter Hochdruck daran, ihre Bürger und Ortskräfte auszufliegen. Am Montag sollen laut einem Zeitungsbericht deutsche Militärtransporter in Kabul eintreffen.

Taliban nehmen Masar-i-Scharif und Dschalalabad ein

Am Sonntag sagten Bewohner von Dschalalabad, die Hauptstadt der Provinz Nangarhar sei kampflos an die Taliban gegangen. Damit bestätigten sie entsprechende Behauptungen der Taliban in Online-Netzwerken.

"Wir sind heute morgen mit lauter weißen Fahnen für die Taliban in der ganzen Stadt aufgewacht", sagte Ahmad Wali aus Dschalalabad. Zuvor hatten die Taliban die wichtigen Städte Asadabad und Gardes und schließlich Masar-i-Scharif, die Hauptstadt der Provinz Balch und größte Stadt im Norden Afghanistans, eingenommen. Dort hatte die Bundeswehr zuletzt ihr größtes Feldlager.

Eine Frau in Afghanistan hält eine Patrone in die Hand. Sie will notfalls auf die Taliban schießen

Nach der Einnahme von Pul-i-Alam, der Hauptstadt der Provinz Logar, lagerten die Taliban bereits am Samstag nur noch rund 50 Kilometer von Kabul entfernt, ehe sie am Morgen nun weiter auf die Hauptstadt vorstießen. Die afghanischen Kriegsherren Abdul Raschid Dostum und Atta Mohammed Noor, deren Milizen die Regierungstruppen im Kampf gegen die Taliban im Norden des Landes unterstützen sollten, flohen inzwischen nach Usbekistan, wie einer ihrer Helfer berichtete.

US-Präsident Joe Biden kündigte an, statt der zunächst vorgesehenen 3000 würden rund 5000 US-Soldaten eingesetzt, um die Ausreise des Botschaftspersonals und unzähliger ziviler Ortskräfte zu sichern. Er warnte die Taliban davor, die Mission zu behindern. Angriffe auf US-Interessen würden rasch und energisch beantwortet.

Zugleich verteidigte Biden seine Entscheidung, das US-Militär nach 20 Jahren aus Afghanistan abzuziehen. Er sei der vierte US-Präsident, der die Verantwortung über diese Truppenpräsenz getragen habe, erklärte er. "Ich werde diesen Krieg nicht an einen fünften Präsidenten weitergeben."

Bundeswehr fliegt offenbar mit Militärtransportern nach Kabul

Auch Auswärtiges Amt und Bundesverteidigungsministerium wollen das Botschaftspersonal in Kabul, andere deutsche Staatsbürger sowie Ortskräfte rasch außer Landes bringen. Dazu flögen am Montag Militärtransporter der deutschen Luftwaffe vom Typ A400M in die afghanische Hauptstadt, berichtete die "Bild am Sonntag". Voraussichtlich werde in der usbekischen Hauptstadt Taschkent eine Drehscheibe für Zwischenlandungen eingerichtet. Von dort sollten die Passagiere mit Chartermaschinen nach Deutschland gebracht werden.

Angesichts der aktuellen Gefahrenlage ist dem Bericht zufolge eine nachträgliche Mandatierung des Bundeswehr-Einsatzes durch den Bundestag wahrscheinlich. "Oberstes Gebot ist jetzt die Sicherheit unseres Botschaftspersonals", sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) der "BamS". "Wir sind für alle Szenarien vorbereitet." 

Die Taliban hatten während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 eine strenge Auslegung des islamischen Rechts in Afghanistan eingeführt. Mädchen waren von Bildung, Frauen vom Arbeitsleben ausgeschlossen. Straftaten wurden mit öffentlichen Auspeitschungen oder Hinrichtungen geahndet. UN-Generalsekretär António Guterres sprach am Freitag von "entsetzlichen" Berichten über Menschenrechtsverletzungen in von den Taliban kontrollierten Gebieten. Zehntausende Menschen sind vor den Taliban nach Kabul geflohen.

Staatschef Aschraf Ghani versuchte am Samstag in einer Fernsehansprache, die Bürger zu beruhigen. "Ich werde nicht zulassen, dass der auferlegte Krieg gegen die Bevölkerung mehr Tote fordert", sagte er. Es seien "ernsthafte Schritte" zur Remobilisierung der Armee eingeleitet worden. Zudem liefen "Beratungen" mit politischen Verantwortungsträgern und internationalen Partnern, um Afghanistan "Frieden und Stabilität" zu sichern.

Laut dem Kabuler Experten Sajed Naser Mosawi scheinen Ghani die Optionen auszugehen: Der Staatschef scheine nicht bereit, "bis zum Ende zu kämpfen". Vielmehr wolle Ghani offenbar "eine Art von Einigung" erzielen oder gar kapitulieren. Die US-Regierung hatte der afghanischen Armee zuvor einen "Mangel an Widerstand" vorgeworfen.

kng AFP

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