Afghanistan Die riskante Mission der Bundeswehr


Sie werden kämpfen und sie werden ihr Leben riskieren: Die Bundeswehr wird im Sommer eine 250 Mann starke Eingreiftruppe nach Afghanistan schicken, die Zustimmung der Regierung ist so gut wie sicher. stern.de erklärt, was die Soldaten erwartet.
Von Jan Rübel

Vier Leichen, alle ohne Köpfe. Was Polizisten am Mittwoch in Nuristan entdeckten, ist nur ein Vorgeschmack dessen, was die Eingreiftruppe der Bundeswehr in Afghanistan erwarten wird: Die vier Straßenarbeiter waren von einer Bande in der nordöstlichen Provinz geköpft worden, weil ihre Familie kein Lösegeld zahlte.

Bei der 1. Panzerdivision der Bundeswehr in Hannover sorgen solche Nachrichten nicht gerade für Jubelstimmung. Man fahre mit "gemischten Gefühlen" nach Afghanistan, heißt es. "Wir machen uns wegen der Mängel in unserer Ausrüstung Sorgen, hoffen aber, alles irgendwie ausgleichen zu können", sagt ein Offizier. Die Division plant, 240 bis 250 Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Nicht um Bewachung oder Entwicklungshilfe wird es bei diesem Einsatz gehen, sondern um Kampf.

Eine Anfrage aus Brüssel

Am Dienstag ging die Anfrage der Nato aus Brüssel beim Berliner Verteidigungsministerium ein: Man möge bitte ab kommenden Sommer die Soldaten der "Quick Reaction Force" (QRF) stellen, der schnellen Eingreiftruppe für die Internationale Schutztruppe (Isaf) in der Nordregion Afghanistans; das norwegische Kontingent werde abgezogen. Eine offizielle Antwort der Bundesregierung wird es erst Anfang Februar geben, aber sie wird positiv ausfallen - sonst hätte die Nato gar nicht erst offiziell angefragt. Die Isaf-Mission beschäftigt sich mit dem zivilen Aufbau im Norden. Die schnelle Eingreiftruppe ist der Isaf unterstellt, sie soll deren Arbeit militärisch schützen und hat deswegen einen Kampfauftrag. Razzien, Festnahmen, Einsätze gegen "gewaltbereite Menschenmengen" und militärische Operationen gegen Aufständische stehen auf ihrer Agenda. Sie lediglich als eine Art "bewaffnete Feuerwehr" zu verstehen, wäre ein Missverständnis. Die Soldaten sind im Fronteinsatz. Also wird ihnen die Panzerdivision Hannover die entsprechende Ausrüstung mit auf den Weg geben: Maschinengewehre, Mörsergranaten, Raketenwerfer. Bernhard Gertz, Vorsitzender des Bundeswehr-Verbands: "Ich hoffe, es geschieht nicht, aber wir müssen damit rechnen, dass auch Kameraden in Holzkisten zurückkommen." Dennoch wird in Brüssel heftig über das deutsche Engagement gestritten. Denn aus Nato-Kreisen heißt es, die Bundesregierung habe bei den informellen Gesprächen zur Entsendung der deutschen Eingreiftruppe einen vertraulichen „Vorbehalt“ hinterlegt: Die deutschen Soldaten sollen nur zur Selbstverteidigung schießen dürfen. Zwar würden sie trotz dieser Beschränkung massiven Gefahren in Afghanistan ausgesetzt, aber aus der Sicht von Militärstrategen wäre die deutsche Truppe damit nur schwer einsetzbar bei Operationen gegen die radikalislamischen Taliban. Längst nämlich jagt auch die Isaf-Truppe Taliban-Anführer und bombardiert ihre Stellungen; die Norweger, die in den vergangenen Jahren die Eingreiftruppe im Norden gestellt hatten, waren da weniger zimperlich als heute die Deutschen.

Keinen einzigen Verwundeten hatte allerdings das norwegische Kontingent zu beklagen. Deren Eingreiftruppe führte 26 Operationen durch, darunter zwei Notfall-Einsätze: Einmal musste die Besatzung eines abgestürzten Nato-Hubschraubers gerettet werden, ein anderes Mal war das Isaf-Lager der Bundeswehr samt der dort stationierten norwegischen Soldaten in Mazar-i-Sharif mit Raketen beschossen worden. Die Einheiten sollten den Angreifern nachsetzen. Doch inzwischen häufen sich die Vorfälle: Allein das deutsche Feldlager in Kundus wurde in den vergangenen vier Monaten 36 Mal mit Raketen befeuert. Wer hinter den Attentaten steckt, ist kaum auszumachen. Die Regierung in Kabul beschuldigt routinemäßig die Taliban. Es gibt aber Hinweise, dass eine ganze Reihe bewaffneter Gruppen mit ganz unterschiedlichen Interessen im Norden operieren.

Es geht um Krieg

Viele Nichtregierungsorganisationen, die in Afghanistan Hilfe leisten, beobachten den geplanten deutschen Kampfeinsatz allein im Norden mit Skepsis. "In der weiteren Militarisierung sehen wir den falschen Weg", sagt Katja Maurer von Medico International im Gespräch mit stern.de. "Das verbessert die Situation nicht." Der Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen (Venro) fordert einen generellen Strategiewechsel für Afghanistan. "Die 'Operation Enduring Freedom' muss so schnell wie möglich beendet werden", heißt es in einem Positionspapier. Bei Venro sind Hilfsinstitutionen wie Caritas International, Deutsche Welthungerhilfe, Malteser International und Caritas Mitglieder. "Notwendig ist die Rückgewinnung des Primats der Politik und damit ein Ende der Vorrangstellung militärischer Gewaltmittel." Maurers Hoffnungen, dass sich die Situation ändert, sind nicht groß. Sie glaubt, dass die Grenzen zwischen zwischen "OEF" und "Isaf" verschwimmen. "Es findet ein richtiger Krieg statt, ohne dass wir wissen, was dort passiert."


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